Zora del Buono - Canitz' Verlangen: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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Zora del Buono Canitz' Verlangen

Zora del Buono - Canitz' Verlangen (2008)

Underground und unter Wasser
Abgebrühter Großstadt-Cowboy hilft seiner Mutter verarbeiten, was 60 Jahre untergebuttert war.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin * 28.12.2008
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Da ist dieser Hubert Canitz, mit seinem Nachnamen startet der erste Satz des Buches, er nimmt sich seinen Sex im schwulen Underground, gerne in alten Industrie-Anlagen als Party-Erlebnis. Zuhause hat er eine penibel eingerichtete Bibliothek. An Freundschaften pflegt er das Nötigste, Besuche empfängt er die nötigsten und Telefonanrufe nimmt er pflichtschuldig entgegen und hält sie kurz. Dass er eine Partnerschaft ertragen könnte, erscheint so unwahrscheinlich wie eine Kuh auf dem Mond.
Über so einen bricht nun die Vergangenheit herein.

„Sein Verhältnis zu seinem Vornamen war ein gebrochenes, [...] Manchmal, wenn er seinen Namen gedruckt sah, dachte er: Hubert ist ein anderer.“

Dennoch ist Canitz' Mutter der Mensch, dem er am wenigsten ambivalent gegenübersteht, obgleich ihn die Gespräche mit ihr über „soeben verstorbene oder gerade noch lebende Verwandte“ anstrengen.
Canitz ist Germanist und neben dem Spiel mit Worten hat er sich kindliche Vorstellungswelten und einen Trotz gegen Anpassung bewahrt: Von seiner Matraze aus, die ohne Gestell auf dem Boden liegt, sieht er von Nahem die groben Schlingen des Teppichs und kämpft sich als Winzling durch diesen Abenteuer-Wald.

So erlebt er das Entdecken einer Wasserleiche auch zuerst in seiner kühl kalkulierenden Art; er erzählt niemandem davon. Dann beginnt fast ein Wahn: Er forscht nach der Thematik Weibliche Wasserleiche in allen Literatur-Epochen, spickt seine Wohnzimmerwand mit Zetteln voller Zitate und richtet sogar ein Seminar danach aus. Nach dem Vorwurf seiner Mutter, er maße sich „anerlebte Gefühle“ an, folgt zwar in dramatischer Aktion Ernüchterung, doch das Thema verschiebt sich auf eine viel realere Ebene...

Soviel sei verraten - und man findet es sowieso auf dem Buchdeckel; und es ist wichtig, es zu verraten -, das Buch bleibt keine Schilderung des Gegenwärtigen, kein Bild des im Hier und Jetzt agierenden Berliner Germanisten Hubert Canitz mit seiner Vorliebe für Hardcore-Parties. Das mag den einen enttäuschen, jemand anderen erfreuen. Zora del Buono geht plötzlich ganz weit zurück zum Grauen des Zweiten Weltkriegs, zur Bedeutung der alten Schwarzweissfotos, die jeder von uns kennt, obgleich wir zu spät geboren sind: Eingemummte Menschen auf Leiterwagen, die über ein zugefrorenes Haff aus Preussen zu fliehen versuchen. Unsere Eltern und Großeltern, die wissen es, welche Geschichten hinter diesen Fotos stehen, die tragen ihre seelische Beschädigung mit rum, obgleich sie entweder gar nicht oder wenig darüber reden oder es nicht können, wegen dieser Beschädigung.

Bevor die Geschichte in diese neue Dimension hineinrutscht, sind da viele Einschübe, Anekdoten über die Canitz näher stehenden Personen. Die lesen sich schön, bereichern auch die Figur Canitz, bergen jedoch eine sich später auslösende Gefahr. Man hätte sich gerne treiben lassen mit diesem Canitz, in seiner Stadt, seinem Umfeld, seiner lakonischen Sicht auf Dinge und Mitmenschen. Das wird jedoch abgebrochen. Und plötzlich stehen diese Anekdötchen sogar neben der Geschichte; sie können dem größeren, eigentlichen Plot nichts hinzufügen. Vertrackt, doch die Intensität der Schilderungen der Ungeheuerlichkeiten aus der Vergangenheit entschädigen den Leser wieder.

Zora del Buono pflegt klassisches deutsches Erzählertum, gewürzt mit der Chuzpe zum knackig prägnanten, moderneren Satzaufbau.
Es ist ein Buch zum Langsamlesen. Genießen. Au(s)fsüffeln.
Gerade zu Anfang ein angenehmes Kondensat; nach kaum mehr als zehn Seiten meint man schon, Canitz zu kennen.

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Besprochene Ausgabe: marebuchverlag | 2008 | 157 Seiten | Festeinband* | € 18,00
 
* Festeinband: harte Buchdeckel
  / Broschur: weiche Buchdeckel

 
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