
Zadie Smith fordert für ihr Kurzgeschichten-Projekt die ausgewählten Autoren und Autorinnen auf: „Erfindet jemanden. Jeder Beitrag sollte sodann nach dem Namen der Hauptfigur benannt werden“, wie sie im Vorwort schreibt. Das tun also dann die Autoren, erfinden auch „Das Monster“ (Toby Litt) oder „Der Welpe“ (George Saunders); insgesamt einundzwanzig Mal, alphabetisch: Edwidge Danticat, Dave Eggers, Jonathan Safran Foer, Andrew Sean Greer, Aleksandar Hemon, A.M. Homes, Nick Hornby (u. Posy Simmonds), Heidi Julavitz, Miranda July, A.L. Kennedy, Hari Kunzru, Jonathan Lethem, Toby Litt, David Mitchell, Andrew O’Hagan, ZZ Packer, George Saunders, Zadie Smith, Adam Thirwell, Colm Tóibín, Vendela Vida.
Zudem - Schalk beim deutschen Verleger KiWi - kommt es zur richtigen Geschenke-Zeit raus: Es sei ein „gemeinnütziges Gemeinschaftswerk [...], die Herausgeberin muss Autoren ansprechen, die bereit sind, umsonst zu arbeiten“, die Erlöse kämen der Organisation „826 New York“ zugute, die in Workshops junge Menschen zum Schreiben animieren soll und von Zadie Smith initiiert wurde. Smith meint, es könne durchaus befreiend sein, alle strategischen und Effizienzgedanken zurückzustellen und „einfach nur so“ zu schreiben. Ganz jeden Einzelfall der ohne Heuer Angeheuerten konnte sie wohl nicht überprüfen und so fand FAZ- und SWF-Frau Felicitas von Lovenberg heraus, dass die Hälfte der Kurzgeschichten schon vorher in Zeitungen und Magazinen abgedruckt wurden. Doch das nur zur Info. Wir wollen hier keine Häme diesbezüglich verteilen. Die Zeilenhonorare der sterbenden Print-Medien sind kläglich und vielzitierte Kassiererin verdient bei selbem Zeitaufwand mehr.
Man muss sich etwas wundern über die Prämisse, die Zadie Smith den von ihr beauftragten Autoren und Autorinnen mit auf den Weg gibt. Dieses Ding mit Figur und Erfinden und Einheitliche Titel der Kurzgeschichten: immer Name der Hauptfigur. Aha. Das liest sich erstmal Oh Wunder, im Vorwort Smith 's, das sehr geschickt und süffisant verfasst ist. Doch bei genauerem Hingucken: Wie oft wird schon eine Kurzgeschichte über einen Stein oder ein Stück Holz geschrieben? Die Genres Märchen oder Science Fiction tun es schon mal mit Tieren, Fabelwesen oder Künstlichen Intelligenzen. Aber, und man könnte dies sogar allgemeingültig formulieren, die Essenz, das Lebenselixier einer Kurzgeschichte ist das rasante, komprimierte - auch sublim komprimierte - Umreißen meist einer, manchmal zweier, selten einer darüber hinaus gehenden Anzahl an Figuren. Also eine Prämisse Smith 's, die sich tatsächlich in ihrer Bedeutungsschwere schnell in Luft auflöst. Sie versucht ein Alleinstellungsmerkmal aufzubauen, wo es keines gibt. PR-technisch bestimmt toll, doch für den Leser eher Crux, der umso enttäuschter von der Durchschnittlichkeit der Geschichten sein wird.
„Früher“, schreibt Schriftstellerkollege J. G. Ballard einmal, haben junge Autoren sich zuerst in ihrem Können beim Verfassen von Kurzgeschichten perfektioniert, bevor sie dann, nach genügend Übung, ihren ersten Roman als weiteren Prüfstein gesehen haben. Heute, so scheint es mehr und mehr, wird die Form Kurzgeschichte als Nebenbeiwerk abgetan. Man macht sie eben für solche von Zadie Smith initiierten Projekte. Lesegewohnheiten, und damit Kaufgewohnheiten, und verlorengegangene Beliebtheit von in Magazinen abgedruckten Werken bilden den Sargnagel.
In Zadie Smith 's Anthologie macht sich diese Müdigkeit der Autoren bemerkbar. Da scheinen alle auf Vorsicht, Zaghaftigkeit, Routine abzustellen. Wo ist eine Geschichte die knallt, eine Figur, die nicht sofort wieder vergessen ist, ein Bartleby mit seinem „I'd prefer not to“, eine Sheckley-Geschichte, die man mit dem Satz „Er war auf der Suche nach sich selbst und musste feststellen, dass sein Ich ihn ebenfalls suchte“ festheften kann?
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