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- Limassol

(2010) - Orig.: Limassol (2009), hebräisch
Der doppelt gute Agent
Der praktizierende Anwalt und Autor Yishai Sarid lässt seine tragische Figur, einen Agenten des israelischen Shin Bet, die Dossiers der Observierten und Gefangenen so normal und distanziert behandeln als seien sie gewöhnliche Mandantenakten. Dann kommt er im Feld gleich zwei seiner Marionetten zu nahe.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 10.03.2010
Yishai Sarid - Limassol
Zoom Yishai Sarid - Limassol

Einmal im Visier des Inlandgeheimdienstes oder gar schon in der "Hölle", so nennen die Gefangenen den Keller dessen Gefängnisses, reduziert sich der Mensch auf Daten, die die Agenten über sein gesamtes Leben und über alle seine Bekannten, Freunde und Verwandten sammeln konnten. Er wird zur Akte, in der man Muster und Querverbindungen zu suchen hat und Lücken nicht wie die Rentenversicherung durch Zusenden harmloser Briefe zu klären versucht, sondern durch verschärfte Befragung, dann durch all die Dinge, die noch nicht als Folter gelten und dann durch das, was diese Grauzone überschreitet. Gelegentlich erstickt dabei schon mal einer am Erbrochenen, so wie es unbeabsichtigt bei einer Befragung durch Sarid 's Hauptfigur passiert. Dieser Agent - mal ist er Der Schriftsteller, Papa, Der liebe Israeli - bleibt namenlos und, man könnte jetzt schreiben erstaunlicherweise, ist und bleibt bis zum Ende Sympathieträger. Doch das ist nicht erstaunlich. Yishai Sarid war selber Nachrichtenoffizier der Armee und im Interview mit der SZ lässt er keinen Zweifel daran, wo für ihn der Hammer hängt. Laut ihm ist Geheimdienstler in seiner Heimat prestigeträchtiger Job, den viele seiner Bekannten, jetzt Ärzte oder Professoren, einmal ausgeübt hätten. Dass sie auch töten müssen, sei für ihn kein moralisches Dilemma.

Erstaunlich dagegen ist, dass dieser augenscheinliche reine Kopfmensch mit "Limassol" einen sehr nachdenklichen Roman vorlegt. Gerade anfangs wirkt der eben mehr wie eine feinfühlige Geschichte um eine sich sogleich auf der ersten Seite anbahnende Liebe und um Eheprobleme denn wie ein Thriller. Dabei verwendet Sarid 's Prosa kein Wort zuviel und doch schafft er im Zeitraffer Vertrautheit mit seinen Figuren. Die sind alle nicht auf den Kopf gefallen und tasten sich mit Wachsamkeit ab, um sich dann doch rasend schnell in die Dinge zu stürzen, mit dem Israeli-typischen Drang, im Leben keine Zeit verlieren zu wollen und nichts verpassen zu wollen. Während dem Agenten im Job die Zeit davonläuft, weil ein Top-Terrorist innerhalb weniger Tage gefasst werden muss, läuft seine Ehe aus dem Ruder und er gewinnt zwei neue Freunde: Einen alten Palästinenser und dessen frühere Affäre 'Daphna', eine Israelin. Könnten beide Freunde fürs Leben werden, wenn er sie nicht ausgerechnet dazu missbrauchen müsste, um an den Top-Terroristen heranzukommen...

Yishai Sarid baut ein zerbrechliches Abhängigkeits-Geflecht zwischen seinen Figuren auf. Besonders zwischen Daphna und dem Agenten. "Etwas an Ihnen irritiert mich", sagt Daphna und "Sie ist viel schlauer als ich", denkt bewundernd der Agent. Da treffen zwei aufeinander, die genau wissen, was gespielt wird und sich arrangieren müssen.
Der Agent, mit seinen eigenen menschlichen Schwächen behaftet, muss ständig abwägen zwischen Menschlichkeit und Notwendigkeit. So lässt Sarid den Leser etwa selber bewerten, ob sich der Agent aus Unfähigkeit im Privaten seiner Kleinfamilie in den Job flüchtet oder ob es tatsächlich andersrum ist, ob ihn sein unbedingter Wille, das nächste Attentat zu verhindern und seine Landsleute und letztlich seine Familie zu schützen, seine selbstzerstörerische Arbeit tun lässt.

Vor circa einem halben Jahr erzählte der Rezensent einem Freund, er habe einen Film namens "Tödliches Kommando" im Kino sehr gut gefunden. Er trägt im Original den weit besseren Titel "The Hurt Locker", den man seit der Oscar-Nacht nun schon einmal gehört haben wird. Erstaunt fragte der Freund, ob das ein Antikriegsfilm sei oder eher so die US-amerikanische Hau-Drauf-Schiene. Ich antwortete: "Nichts von beidem. Er beobachtet einfach." Dasselbe kann man in israelischer Entsprechung zu Yishai Sarid 's "Limassol" antworten.

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Besprochene Ausgabe: Kein und Aber  |  2010  |  240 Seiten  |  Broschur*  |  € 16,90

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