ANZEIGE

 25.05.2012         Yassin Musharbash - Radikal: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Yassin Musharbash - Radikal: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

* buchtipps buchkritik buchneuerscheinungen

 
buch neue literatur romane bestseller krimis thriller science fiction buchempfehlungen buchbesprechungen buchtipps buchkritik

- Radikal

(2011)
Tod im Morgenmagazin
Im Genre Polit-Thriller brauchte es bisher immer Ausländer, die gut über deutsche Verhältnisse schreiben. Doch jetzt ist Yassin Musharbash 's Debütroman da.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 28.08.2011

Der Deutsche ist es ja nicht so richtig gewohnt, dass innerhalb der seriösen Form des Romans die Mächtigen so richtig aufs Korn genommen werden. Das ist ja dann gedruckt, langlebiger als eine Zeitung. Da scheint eine Scheu, getreu nach "Du sollst Dir kein Abbild machen von Deinen Gebietern". Unsere gen-historische Obrigkeitshörigkeit lässt grüßen. Beim Deutschen werden dann literarisch mittelgute Bücher, wie zuletzt eines, in dem zweifelsfrei eine Figur auf die derzeit amtierende Kanzlerin abhebt, schon ob ihres Seltenheitswertes zum Buch-Ereignis.

Das Genre Thriller sticht da ein bisschen positiver hervor. Welch dunkler Gedanke, könnte es daran liegen, dass das Genre eben als geringer seriös als der literarische Roman gilt, seine Autoren sich demnach mehr "trauen" dürfen. Und dennoch ist es auch hier mit schreiberischer Leichtigkeit noch weit her. Allzu hölzern und lebensunecht treten im deutschen Krimi oft fiktive Politprominenz auf. Unverständlich, gäbe doch die Realität unglaubliche Steilvorlagen, die man in Buchtitel wie "Reißleine", "Das Gentleman-Ehrenwort", "Tod mit Badeerpel" fassen könnte, um nur auf die absoluten Spitzenskandale allein gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts anzuspielen.

Nun macht's Yassin Musharbash mit "Radikal" zumindest mit einem fiktiven Bundestagsabgeordneten und ebensolchem teuflischen Innenstaatssekretär zwar nicht auf allerhöchster Politebene, aber dafür fühlt es sich radikal echt an. Seinen Abgeordneten 'Latif', Shooting-Star der Partei Bündnis 90/Die Grünen und muslimischem Glaubens, pflanzt er mit Wohnung und Büro in den Berlin-Kreuzberger Wrangelkiez. Und den beschreibt der Autor durch Sprachrohr 'Sumaya', frische Assistentin Latifs und Noch-Studentin, nicht nur in seiner Physiognomie, sondern gleich noch komplett soziokulturell, und das in einer sympathischen, beiläufigen Art und Weise - dabei mit der gebührlichen Außenbetrachtung des Journalisten, der Haupt-Beruf Yassin Musharbash 's, wenn der Terrorismus-Experte nicht gerade Recherchearbeiten für Autor John le Carré durchführt oder seinen Debüt-Roman schreibt. Vom Stadtteil-Timbre geht's zügig weiter in die Gefilde der Macht, wenn Latif Büroräume im Jakob-Kaiser-Haus beziehen darf und mit einem Erzählstrang um die ebenfalls in Berlin-Mitte sitzende Wochenzeitung "Globus" ein Fokus erzeugt wird, anhand dessen die Wechselwirkung Medien und Politik aufgezeigt wird.

Gleich grob von drei Gruppen erhält Latif Drohbriefe. Von Islamisten-Front - Tenor: Verrat an der "Sache" des Islam, Kollaboration mit den verfeindeten Demokraten -, von Islam-Hasser-Front und, fast schon old school, wenn auch nicht weniger ernst, von Neonazi-Front. Ein blutiger Anschlag lässt nicht lange auf sich warten - live während eines TV-Morgenmagazins; der Leser hat das reale ZDF-Hauptstadtstudio vor Augen ...
Die Täter-Jagd beginnt, und das nicht nur im Sumpf der Islamisten-Szene, sondern auch im Kreise eines Kommandos "Karl Martell" - übrigens ein frühmittelalterlicher Herrscher, der den Boden des heutigen Frankreichs und Deutschlands angeblich vor dem Einfall der Araber schützte. Die Treffen des klandestinen Kommandos wirken in ihrer brisanten Unterkühltheit wie Filmszenen aus Kubrick's "Eyes Wide Shut". Die Dialoge erscheinen vordergründig messerscharf und sind doch oft nur scholastischer Schlagabtausch, entblößt man sie.

Schon am Tag des Erscheinens des Buches schreibt Omid Nouripour, Bundestagsabgeordneter der Grünen, einen beeindruckenden und bedrückenden Artikel in der Frankfurter Rundschau, der zwischen Offenem Brief und Buchrezension schwankt. Obgleich nicht der einzige Abgeordnete muslimischen Glaubens, schreibt er: "Ich bin aber der einzige Bundestagsabgeordnete, der im Handbuch des Bundestags 'Islam' als Konfession angegeben hat." E-Mails, wie sie der fiktive Latif in "Radikal" bekomme, kenne er nur allzu gut. Yassin Musharbash, der Gründliche, der von allen Seiten beleuchtet, würde schon wieder bemerken, was hat die Frage nach der Privatsache Konfession überhaupt im Bundestagshandbuch zu suchen, drückt das doch gerade auch eine Fixierung aus, die man Muslimen am häufigsten zum Vorwurf macht: Lebensrichtlinien anhand einer Religion zu peilen. Nouripour versteht jedenfalls Kollegen, die keine Angabe machen.

Yassin Musharbash beleuchtet eine der gesellschaftlichen Lieblingsdiskussionen der Deutschen, nämlich die um Islam und Islamismus, und ob überhaupt ein Unterschied wäre, aus leidlich allen Blickwinkeln, sodass sich der Leser erstmal streckenweise fragen muss, ob er eigentlich noch das Verfassen eines Thrillers im Visier hat oder eher eine Indoktrination mit seinen Sichtweisen. Da die im Laufe des Buches aber tatsächlich alle Konflikt-Facetten beleuchten, verschwindet die Vermutung des Propagandistischen zugunsten einer "nur noch" enzyklopädischen Anmutung eines Thrillers, dem eben von Musharbash eine gehörige Portion Anspruch, Relevanz und Authentizität mitgegeben werden sollte. Weil seine Figuren stark gezeichnet sind in ihren inneren Widersprüchen und Kämpfen, bleibt es ein starkes Buch: so ein Latif, der es unmöglich all seinen potentiellen Wählern auch nur annähernd gleich recht machen kann, oder die aus Palästina stammende Assistentin Sumaya, anhand derer die Frage aufgeworfen wird, ob sich Mensch anhand einer Verortung oder Abstammung Identität besorgen kann und soll, und nicht zuletzt beim freischaffenden Terror-Experten 'Samson', der im Fortlauf des Buches mehrmals eigene, zementierte und liebgewonnene Ansichten hinterfragen muss.
Bleibt noch das ewigwährende Dilemma um die Relative Wahrheit, die sich gestaltwandelt, je nach Zeit, Ort und Zuhörerschaft.

Besprochene Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch | 2011 | 300 Seiten | Broschur* | € 14,99


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
blog comments powered by Disqus
Kurze Buchvorstellungen / Autor-Bio:
 
 
 

We see you! sf magazin lebt von Werbung. Sie haben keine Berechtigung, diese Site mit eingeschaltetem Ad-Blocker (Werbeblocker) zu surfen!
 
>>> Mehr Info ...


 


     
  • sf magazin   +
  • Bücher Romane Bestseller Krimis Thriller Buchneuerscheinungen
  • Exaktes Ad-Serving.
    Elegante Kunden-Reportings.