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 25.05.2012         William C. Gordon - Missgeburt - Ein Samuel-Hamilton-Krimi: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
William C. Gordon - Missgeburt - Ein Samuel-Hamilton-Krimi: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Missgeburt - Ein Samuel-Hamilton-Krimi

(2011) - Orig.: The Ugly Dwarf (2010), engl.
Die mexikanische Tragödie
Im Jahr 1963 siedelt Ex-Anwalt und Krimi-Autor William C. Gordon den dritten Samuel-Hamilton-Fall an, mit spürbarer Liebe zur Stadt San Francisco und um das zeit- und ortlose Dilemma illegaler Einwanderer.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 21.08.2011

"Du Missgeburt!" ist beliebte Beleidigungsfloskel unter Kindern und, ja, die Missgeburt in William C. Gordon' s Krimi um seinen 'Samuel Hamilton' ist tatsächlich ein Zwerg. Selbst dieses Wort ist heute nicht mehr pc, aber wir haben das Jahr 1963, und da war wiederum Political Correctness noch gar nicht erfunden. Doch ansonsten geben sich die "Guten" sehr gut und sehr verständnisvoll, in einer Geschichte, die in San Francisco im Milieu mexikanischer Einwanderer, im Queer- und Schwulenmilieu und im Dunstkreis eines selbsternannten Erlösungspredigers spielt. Gordon ist dabei kein Hardboiled-Schreiber und will es nicht sein. Er legt seinen Figuren gerne den heutigen Stand der Vernunft in ihre Äußerungen und in ihr Tun. Bösartigen Kampf zwischen korrupten und korrekten Cops wird man bei ihm nicht finden. Seine Samuel-Hamilton-Reihe hat eine andere Qualität: Seine Helden sind in ein fast familiär wirkendes soziales Netz eingebettet, mit hohem Wiedererkennungswert der Mitstreiter. Hinzu kommt das schöne Lokalkolorit der Hafenstadt mit ihrer Bay- und Golden Gate Bridge, der Straßenbahn, natürlich den halsbrecherischen Autofahrten in den Hügeln und den Kneipen und Restaurants aller Herren Länder, in denen sich Hamilton rumtreibt und recherchiert.

Journalist Hamilton ist der Strafarbeit des Anzeigen-Aquirierens bei seinem Blatt entkommen und hat nun Budget für größere, investigative Artikel. Eine große Story riecht er anhand eines leeren Leinensacks, in dem eine menschliche Gliedmaße gefunden wurde, der ursprünglich aber Pintobohnen enthielt. So klappert er die Importeure im Mission District ab, wo die meisten der Latinos wohnen. Freundin und Restaurant-Besitzerin 'Melba' gibt die entscheidenden Hinweise bei dieser Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Allzu kritisch darf man bei der Konstruktion an Zufällen in "Missgeburt - Ein Samuel-Hamilton-Krimi" nicht sein. Man sollte sich besser entlohnt fühlen für das tolle Krabben-Enchiladas-Rezept, das William C. Gordon abdruckt. Dieses Essen kredenzt die ausfindig gemachte Ladenbesitzerin, die natürlich eine alte Freundin von Melba ist ...
Um gutes mexikanisches Essen und gute Getränke wird es im ganzen Buch immer wieder gehen.

Der Strang um den charismatischen Zwerg 'Dusty Schwartz', der zusammen mit Ex-Domina und Heilerin 'Dominique' das Geschäftsmodell "Universalkirche für seelische Entfaltung" erfolgreich durchzieht, geht etwas schleppend los. Der sexsüchtige Zwerg und die Domina haben beide einiges auf dem Kerbholz, bleiben aber leider schwach konturiert. Da hätte man sich schon kräftigere charakterliche Auswüchse gewünscht, doch man kann annehmen, dass Gordon sie sich bewusst hinter ihrer Normalität verstecken lassen will.

Besser skizziert er die seelische und physische Gewalt die seit jeher durch das Wirtschaftsgefälle zwischen den USA und Mexiko erzeugt wird. Die Verheißung des reichen Nachbarn lässt Ängste vergessen und selbst zu Zeiten, zu denen an Restaurants noch Schilder mit "Hunde und Mexikaner kein Zutritt" hängen, machen sich Glücksritter auf den Weg. US-Amerikaner, aber auch die Landsleute selber, wie Dominique, die freilich keine Französin ist, und sich curandera, Heilerin, schimpft, halten sich an den vielen rechtlosen illegalen Einwanderern schadlos. Das Schicksal einiger von ihnen bildet den Kern der Kriminalgeschichte, die in diesen Momenten zur zeitlosen Gesellschaftsstudie wird. Auch wenn die Erzählweise bei den eigentlichen Ermittlungen etwas redundant ist, entschädigen die lokalen Einsprenksel zu Stadtphysiognomie und Historie, etwa zu den Gewerkschaften oder dem behördlichen Umgang mit Schwulen, noch bevor man anfängt, sich auch im einschlägigen Viertel The Castro im Zuge der aufdräuenden Civil Rights Movement Gehör zu verschaffen.

Besprochene Ausgabe: Hoffmann und Campe | 2011 | 240 Seiten | Festeinband* | € 19,99


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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