William Boyd - Einfache Gewitter Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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William Boyd Einfache Gewitter

William Boyd - Einfache Gewitter (2009) - Orig.: Ordinary Thunderstorms (2009), engl.

London-Streusel
Auf und ab, wie die Tide der Themse, geht's mit Prekariat, einigen Upper-Classlern und einem Mann, der möglichst jegliche Identität loswerden möchte, in William Boyd 's „Einfache Gewitter“.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 12.11.2009
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Ein Mann - US-Amerikaner, guter Job, Akademiker und Klimatologe - bewirbt sich um eine neue Stelle in London. Dort wird er in einen Mordfall verwickelt und nichts ist mehr so in seinem Leben wie es vorher war. Hat er vorher noch Wolken in Experimenten regnen lassen oder Hagelverhinderung getestet, so bricht jetzt ein unkontrollierbares Gewitter über ihn herein. Er entschließt sich unterzutauchen. Löscht seine eigene amtliche Existenz aus. 600 Vermisste pro Woche, so behauptet William Boyd in seinem Roman, werden in Großbritannien gemeldet. Insgesamt gäbe es 200.000 ständig Vermisste. Der Mann gehört jetzt dazu: Keine Kreditkarten benutzen, das Handy nicht benutzen, sich jeglicher Datenpreisgabe entziehen. Er wohnt auf einem Niemandsland-Dreieck mitten in der Stadt am Themse-Ufer, Möwen fangen und essen inklusive.

Da bleibt es nicht aus, dass der Mann Bekanntschaft macht mit allen Formen des Untergrunds der Stadt. Mit den rabiaten Bewohnern einer Sozialsiedlung, der Prostituierten 'Mhouse', die nur die Samariterin spielt, wenn es ihr auch nützt, der Kirche von 'John Christus', ja, John, nicht Jesus, freundlichen Pädophilen sowie weiteren mehr oder weniger Durchgeknallten, alle mit Migrationshintergrund, versteht sich.
Der zweite Strang des Buches, eine Art Gegen-Strang, gibt Einblick in üble internationale Pharmageschäfte und nähert sich in seinen besten Momenten dem „Gesellschaftsroman“, wenn Boyd die Familie von Pharma-Mogul 'Ingram Fryzer' aufs Korn nimmt und zeigt, wie sich Englands Klassensystem ungut in Dünkel zwischen den Generationen und der eigenen Verwandschaft niederschlägt. Dann gibt es noch die unkonventionelle Polizistin, die mit ihrem granteligen Vater auf einem Hausboot lebt, ebenfalls Themse. Schließlich noch der aus etlichen Kriegseinsätzen gestählte - oder verdorbene - Ex-Soldat und jetzige Killer, der durch den ganzen Roman stolpert und zu verhindern versucht, dass unprobate Testmethoden der Pharmafirma ans Licht kommen...

Man sieht, in diesem shakespeareschen Mingle-Mangle versucht William Boyd, der Stadt London und ihrem Fluss die Rolle eines Charakters zuzuteilen, was nur leidlich gelingt. Es soll eine Bestandsaufnahme der Verschiedenartigkeit ihrer Bewohner sein. Das kann nicht funktionieren, wenn man nur zwei extreme Enden der Leiter herausgreift und diese Gruppen karikiert. Es ist keine einzige Figur dabei, die wirklich lebt. Besonders die Abschnitte, die sich dem Prekariat widmen, sind gestelzt, teils blumig und gekünstelt jovial. Die tumben Kleinganoven, die lustigen Illegalen, die nur auf ihren Vorteil bedachte Prostituierte, das ist alles Nineties, das ist Tarantino - nur der konnte es wenigstens; Boyd fehlt dazu bei weitem ausreichend abgründiger Humor. Gewaltdarstellungen bei Boyd sind zwar nicht verharmlosend, aber Abscheu erregen sie auch nicht.

Bleibt, dass er die beiden extremen Gesellschaftsklassen gegenüberstellt. Betrug, Hass, Gewalt in der einen als auch in der anderen. Die untere nimmt sich Prostituierte einfach, die obere bezahlt wenigstens noch dafür. Mhouse hält ihr Kleinkind mit Diazepam ruhig, Ingram Fryzer hält sich hoch mit einem viagra-ähnlichen Produkt aus eigenem Hause. So what? Der große State-of-the-Nation Roman ist nicht gelungen und für einen Thriller kommt das Buch zu fad daher. Keine Cliffhanger und ein zu beliebiges Hin- und Herschwenken zwischen den Protagonisten. Weniger wäre mehr gewesen, ein ordentlicher Plot anstatt lose rumhängender Fransen.

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Besprochene Ausgabe: Berlin Verlag | 2009 | 592 Seiten | Festeinband* | € 22,00
 
* Festeinband: harte Buchdeckel
  / Broschur: weiche Buchdeckel

 
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