25.11.2017   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Will McIntosh - Love Minus Eighty: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Will McIntosh - Love Minus Eighty: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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Love Minus Eighty (2013), engl. (zu dt. noch nicht erschienen)
Ein Gesicht morgen
Will McIntosh erzählt herzzerreißend über Leben, Lieben und Tod in einer nahen Zukunft und schafft durch seine Extrapolation ein genaueres Bild unserer Gegenwart. Sein shakespearesches Mingle-Mangle hat Kult- und Verfilmungspotential.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 27.05.2014
Will McIntosh - Love Minus Eighty
Zoom Will McIntosh - Love Minus Eighty

"Love Minus Eighty" ist eine der schönsten und außergewöhnlichsten Liebesgeschichten der letzten Jahre. Eine alles andere als kalte. Die hätte es werden können, ist doch der Autor Professor für Psychologie, der allerdings die Wissenschaftswelt mittlerweile gegen das Schriftstellertum eingetauscht hat. So ist sein Werdegang anscheinend Garant dafür, dass dieses, sein drittes Buch, zu keinem Moment in Romance- oder ChickLit-Gefilde abdriftet, obgleich es das eine Thema hat.

Es sind diese Kernideen in der Science-Fiction-Literatur, oftmals "nur" in einer Kurzgeschichte anskizziert, die oft Filmemacher oder ganze Generationen von Schriftstellerkollegen zu einer breiteren, oftmals noch großartigeren Ausformung anregen und verführen. Philip K. Dick, Robert Sheckley, J. G. Ballard oder Ray Bradbury etwa heißen diese Ideengeber. Der US-Amerikaner Will McIntosh macht's mit seinem "Love Minus Eighty" selber: Sein Roman basiert auf seiner eigenen Story "Bridesicle", die im Asimov's Magazin veröffentlicht worden war.

Der Nicht-Science-Fiction-Leser sollte sich nicht vom Ausgangsszenario und all seinen Implikationen, die der Fortlauf des Buches oder die eigenen Gedanken des Lesers bieten, verstören lassen. Es ist nämlich im Zeichen von Traumsteuerung (gelungen dem Schlaflabor Göttingen, veröffentlicht vor zwei Wochen) oder Flugsimulatorsteuerung per Gedanken (heute in den Nachrichten) kein allzu futuristisches Szenario. In einem zugegeben ungewohnten New York, das in High Town - eine luxuriöse plattformartige Ebene - und das düstere, ärmere Low Town unterteilt ist, hat das Unternehmen "Cryomed" das "Bridesicle"-Programm ins Leben gerufen. Der Tod muss mittlerweile nicht mehr das Ende sein, je nach Dicke des Portemonnaies. Doch die Wiederbelebung etwa nach einem Unfall inklusive Chirurgie und erneuter Dekantierung aller Erinnerungen ist sagenhaft teuer ... So kann sich Ottonormalverbraucher zwar per Versicherung ein Einfrieren leisten, doch die Chance ist gering, dass ihn irgend ein reicher Verwandter jemals wieder zum Leben erweckt.

Da kommt das Bridesicle-Geschäftsmodell zum Zug. Firmen wie "Ratingsmart" oder "FaceN" vergeben per Punktesystem für jeden ein "global attractiveness rating". Ist es hoch genug, nimmt sich Bridesicle der schönen Frauen an - ja, auch in McIntosh 's Zukunft wurde ein Männer- oder Gay-Programm aus wirtschaftlichen Gründen nicht in Betracht gezogen. Stinkreiche Freier, man kann es nicht anders sagen, können die Wiederbelebung der Verunglückten bezahlen, die im Gegenzug einem lebenslangen Knebelheiratsvertrag unterliegt.

Der Hauptstrang von "Love Minus Eighty" dreht sich um den unbekümmerten Musiker 'Rob', der die Joggerin 'Winter' mit dem Auto überfährt. Sie landet in Bridesicle. Will McIntosh gibt nun auf 400 englischen Seiten - was etwa 600 ins Deutsche übersetzte wären - in seiner Dramatik in dezidierten Stufen immer wieder noch eins drauf. Man kann mit den Bridesicle-Insassinnen sprechen - fünf Minuten kosten tausende Dollar, während derer nur Gesicht und Verstand wiederbelebt werden. Sie liegen, euphemisierend, in einer ausfahrbaren "crèche", Krippe. Wie McIntosh das jeweilige Aufwachen vom Tod für die kostbaren fünf Minuten schildert, ist großartig. Und umso schauderhafter ist das Klammern der Toten an die letzten Sekunden eines Besuches: "I don't want to die again!", "Promise to visit again!"

Es ist nicht zuviel verraten, dass Rob versuchen wird, Winter nach spätestens seinem zweiten Besuch, mit allen Mitteln da raus zu kriegen. Er arbeitet sich den Arsch auf, wird jedoch niemals annähernd an die Auslösesumme herankommen. Eigentlich eine komplett unmögliche Liebe: Rob hat Winter getötet, und falls sie jemand anders "kauft", ist sie in Ketten ...

Hört sich übertrieben an, oder zu dick aufgetragen, oder zu futuristisch ... Nein, es ist eine der besten Liebesgeschichten seit Langem. Und eigentlich im Plural, denn die Figuren neben Winter und Rob stehen mit ihren Liebesverstrickungen und -verirrungen kaum weniger prominent da. Geschickt bettet McIntosh durch Vorlauf und Nachspiel des Bridesicle-Kerns das reiche It-Girl 'Lorelei', Dating Coach 'Veronica' und Arbeitskollege 'Nathan' oder die sensationelle Antiheld-Figur des schüchternen 'Lycan' mit ein.
So ist Veronica ein Dating Coach, der selbst eher nicht datet, sondern sich lieber im Wohnzimmer in holografischen "romance interactives" ergeht. Ihr Crush auf den attraktiven Nathan bleibt unerwidert. Lorelei hingegen wird sehr schön als "attention whore" beschrieben, was in der extrapolierten Welt von Will McIntosh noch weniger Problem ist als heute. Statt Smartphone trägt man hautanliegende "Systems"; Fans sind auf Schritt und Tritt visuell und holografisch dran an ihrem Idol. Privatheit wünscht kaum noch jemand. Man "subvocalized": Während man mit jemandem "IP", in person, spricht, kommuniziert man noch mit mehreren anderen, je nachdem, was das Gehirn noch zu trennen vermag.

Die Toten werden Licht bringen unter die lebenden Liebenden. Sie mischen einiges auf. Aber nichts wird auf Happy Endings hinauslaufen. Für Will McIntosh scheint Liebe auch die Kunst des Kompromisses zu sein. Keiner kommt gut weg. Selbst Rob nicht, in seiner Überhöhung als Heiliger, wie in süffisant sein Umfeld sieht.

>>> Mehr Bücher im Genre Skurril, Verschroben, Verwoben ...

Besprochene Ausgabe: Orbit  |  2013  |  432 Seiten  |  Broschur*  | 

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