Ward Moore - Der große Süden: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Der große Süden

(2001) - Orig.: Bring the Jubilee (1953), engl.
„Ja, gewiß, ich bin eine Frau; nicht verstohlen oder unverschämt oder zufällig, sondern hauptsächlich“
Mitten in der McCarthy-Ära propagiert der US-Amerikaner Ward Moore das Kommunenleben und Freie Liebe in seinem 1953 erscheinenden Werk. Zudem bricht er eine Lanze für die Frauen, im Speziellen für die im Leben seines Helden Hodgins McCormick Backmaker, der alles andere als rückwärts gewandt ist. Moore schafft all dies im Mäntelchen eines der berühmtesten Alternativweltromane.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 02.07.2008

Das Reinrutschen in einen Roman ist oft das Genüßlichste beim Lesen, wiewohl es ebenso oft gar entscheidend ist für Lesen oder Beiseitelegen des Buches.
Moore überzeugt von Anfang an - sowie über die ganze Länge seines Romans hinweg - mit der warmherzigen Atmosphäre des klassischen Geschichtenerzählers, eher im Stile eines Melville, also dem 19. Jhdt. entlehnt, mehr als der Mitte des zwanzigsten, wenngleich eins draufgesetzt in Witz und Süffisanz. Man vergißt eigentlich ab der dritten gelesenen Seite über die restlichen fast 300 hinweg völlig, einen Alternativweltroman zu lesen, ob der Natürlichkeit , mit der Moore Leben und Lieben des Hodgins McCormick Backmaker, genannt Hodge, aus Wappinger Falls, zeichnet.

Der junge, selbstironische Hodge zieht durchs Land Richtung New York, nachdem ihm die Perspektivlosigkeit seines Heimat-Kaffs auf den Geist geht. Nicht ohne zuvor den Leser in die buntscheckigen Reihen seiner Ahnen eingewiesen zu haben. Da ist der „zweifelhafte Charakter“ seines Großvaters Backmaker, eine „Andeutung des Skandals, der Großvater Backmaker anhaftete.“ Hodge selber, linkisch in allen praktischen Arbeiten, ahnt, dass ihn vor allem seine Mutter eher als „Plage und Ärgernis“ sieht, was er mit spitzbübisch vorgetragenen Anekdoten untermauert. Wichtige materielle Angelegenheiten - „Eine solche goldene Gelegenheit widerfuhr meinem Vater im Herbst 1933, als ich zwölf war“ - vermasselt Hodge schon frühzeitig mit seinem (Nicht-)Dazutun. Dabei ist die ruhige, augenzwinkernde Art des Vortrags, in dem kein einziger Nebensatz pure Ausschmückung ist, eine Lesefreude.

Hodge's erregte Beschreibung New Yorks des Jahres 1938 erinnert dann doch, das etwas anders ist: Das Gewusel von Menschen aller Schichten mag noch dem entsprechen, was wir kennen, doch durchpflügen altertümliche Dampfwagen die Straßen und „Lenkballons“ die Häuserschluchten. In Moore's Plot haben die Konföderierten, i. e. die Südstaaten, den Bürgerkrieg (1864-66) gewonnen und halten den Norden im Status einer unterentwickelten Kolonie.

Sein Mentor und Arbeitgeber Tyss, Besitzer einer Druckerei kombiniert mit einem Buchladen, läßt Hodge genügend Raum, sich neben seinen Tätigkeiten als Mann für Alles, die von ihm heiß ersehnte Bildung anzueignen. Die Universitäten des Landes scheinen verkommen zu sein und Bewerbungen dort hin vergebliche Mühe. Sie scheinen sich eher untereinander zu unterminieren und um die wenigen Mittel balgen zu müssen, die der Staat zur Verfügung stellt. Moore's Ideal einer jedem offen stehenden höheren Bildung wird mit der Schilderung der Wissenschaftler-Kommune „Haggershaven“ noch deutlicher. Ihr Gründer trat einst den akademischen Mißständen entgegen und bot Forschenden aus dem ganzen Land eine Art Heimstatt. Jeder Bewohner muß innerhalb einer Subsistenzwirtschaft auch händische Arbeiten verrichten. Die Forscher schotten sich jedoch keinesfalls gegen die Außenwelt ab, sondern erzielen Einkommen durch den Verkauf von Patenten und Erfindungen sowie Veröffentlichungen ihrer wissenschaftlichen Ergebnisse.
Hodge landet schließlich dort.

Nicht ohne zuvor, neben Tyss sowie dem intellektuellen Freund Mr. Enfandin, von der fabelhaften Mrs. Vame aufs Leben vorbereitet zu werden. Mrs. Vame muß noch mit spitzer Arroganz, kühler Berechnung und viel Zynismus ihrer Verortung als Frauchen in der Welt entgegentreten - dies allerdings mit viel lustiger Charmanz. Hodge's nächste schicksalshafte Begegnung ist von anderem Kaliber: „In einer Zeit, da die Frauen jedes Mittel gebrauchten, um auf ihre Hilflosigkeit und, daraus folgend, auf ihre begehrenswerten Aspekte und das unausgesprochene Bedürfnis nach einem Mann aufmerksam zu machen, der sie beschützte, gab sie sich einen Anschein, der zu sagen schien: Ja, gewiß, ich bin eine Frau; nicht verstohlen oder unverschämt oder zufällig, sondern hauptsächlich; wie stellen Sie sich dazu?“
Es ist Barbara, Physikerin und Hodge's Eintrittskarte nach Haggershaven.
Sie lieben und schlagen sich und sie wird nicht seine einzige wichtige Frau während der nächsten Jahre sein, ebensowenig wie es Hodge als Mann für Barbara bleiben wird.

Moore's Figuren sind von Grund auf skeptisch, widerborstig gegen die gesellschaftlichen Umstände, gegen den Mainstream gebürstet. Die ruhigste ist noch Hodgins, er bleibt lernbegieriger Beobachter. Diese Anteilnahme treibt ihn automatisch weg vom Leben des Spießbürgers, anstatt in den Zwängen eines solchen zugrunde zu gehen, wie etwa Melville's Bartleby. In ihrer Verweigerungshaltung gehören beide zu den unamerikanischsten Helden der dortigen Literatur.

Science Fiction? Barbara baut gerade eine Zeitmaschine...

Besprochene Ausgabe: Heyne | 2001

      
 
 
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