Im Interview mit der Zeitschrift mobil betreibt die schottisch-stämmige Val McDermid die Kunst der eindeutig uneindeutigen Antworten, befragt zu autobiografischen Anteilen in zweien ihrer weiblichen Hauptfiguren. Doch die Fakten, die man um die Autorin weiß, lassen hohe vermuten. Sie war die erste Studentin in Oxford, die von einer öffentlichen Schule aus Schottland kommend aufgenommen wurde. Jetzt musste sie erstmal neben ihrem heimatlichen Slang einer Bergarbeitersiedlung eine neue Sprache lernen: Englisch. Ähnlich ging es in "Alle Rache will Ewigkeit" der Figur 'Jay', in der Erzählgegenwart mittlerweile erfolgreiche Geschäftsfrau und Millionärin mit gestandener Liste an Firmengründungen im Online-Biz. Mit der Ermittlerfigur 'Charlie', einer auf Eis gestellten Polizei-Psychologin, hat Jay eines gemeinsam: beide erlebten ihr Outing als Lesben in den frühen Neunzigern und noch dazu in Oxford als schwierigeres Unterfangen, als es heutzutage der Fall sein dürfte. Und klar, Fans wissen es: McDermid ist lesbisch.
McDermid scheint sich klar abzeichnende Muskeln als besonders erotisch zu empfinden. Oder ihre literarischen Alter Egos zumindest. Ihr Blickwinkel auf Frauen ist außergewöhnlich und dürfte für jeden Leser prickelnd sein. Schön ist, dass McDermid Prickeln in Worte fassen kann, lange bevor es zu handfester Erotik kommt ...
Klar ist auch für Figur 'Magda', Anfang 20, das Outing immer noch ein schrittweiser Prozess: zuerst engste Freunde, dann vielleicht auf Arbeit, und dann die Härtenummer: die Eltern. Mutter 'Corinna' gehört zur Oxforder Akademikerelite und ist katholisch. So scheint die Ablehnung der Beziehung der Tochter zur älteren, schon erwähnten Geschäftsfrau Jay vordergründig auf den religiösen Überzeugungen zu basieren. Doch die Mutter ist überzeugt, dass Jay in einen 20 Jahre zurückliegenden Mordfall auf einem Campus-Gelände verwickelt ist - und in drei weitere Morde in späteren Jahren!
Nun zieht Val McDermid die Fäden zusammen in einem schönen "Einmal Oxford. Immer Oxford." Denn Prof Corinna heuert eine ihrer einstigen bevorzugten Studentinnen an, von denen sie auch schon mal die Kinder hüten ließ oder mit ihnen freundschaftlich ein Bier trinken ging: Es ist die mittlerweile in Manchester lebende Charlie. Sie soll inoffiziell in der Vergangenheit Jay's rumstochern. Ihre nun folgenden Aufenthalte hierfür in Oxford sind nicht uneigennützig: Obgleich in fester Beziehung lebend, hatte sie sich auf einer Tagung in ein weiteres Oxford-Urgestein verguckt ...
Der eigentliche Kriminalfall zieht ein weites Feld zwischen Insiderhandel und tödlicher Eifersucht. Neben der herrlichen Stutenbissigkeit unter den Oxford-Kollegen ist es vor allem ein Erzähltrick, der "Alle Rache will Ewigkeit" lesenswert macht. Die Mordanschuldigungen werden ausgehebelt und konterkariert gleich ziemlich früh im Buch. Denn die Beschuldigte Jay startet als Prominente der Wirtschaftswelt zeitgleich ihr zweites Autobiografie-Projekt und Val McDermid lässt den Leser am Entstehungsprozess teilhaben. Jetzt haben wir zwei zusätzliche Erzählebenen: eine "etwas frisierte Wahrheit", wie die Autorin des Buches im Buch einräumt sowie eine zuverlässig Fakten liefernde Jay, wenn McDermid die Frau sich selbst bespiegelnd von Erinnerungen berichten lässt. Cliffhanger included, wenn die am Ende eines Kapitels durchaus schreibt: "Ich hätte damals frohen Herzens für Corinna Newsam gemordet."
"Alle Rache will Ewigkeit" ist nicht ohne Haken. Doch die sind verschmerzbar, Val McDermid kennt sie: Voller Selbstironie lässt sie Alter Ego Jay über manch Marketingmechanismus im Buch-Biz sinnieren. So will der Krimi-Leser die vollen 580 Seiten dieses Buches und das volle, übertriebene Brett gegen Ende. Dem Literatur-Fan wären hundert Seiten weniger mehr gewesen, um etwa die Peinlichkeit zu vermeiden, dem Leser in Dialogen gegen Ende immer wieder und wieder die Gesamtzusammenhänge als Endlosschleife um die Ohren zu hauen.
Besprochene Ausgabe: Knaur | 2011 | 576 Seiten | Broschur* | € 9,99
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1. Michael Herzig: Töte deinen Nächsten (2012)
2. Gavin Knight: The Hood (2012) - Orig.: Hood Rat (2011), engl.
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4. Val McDermid: Alle Rache will Ewigkeit (2011) - Orig.: Trick of the Dark (2010), engl.
5. Elisabetta Bucciarelli: Ich vergebe dir (2012) - Orig.: Io ti perdono (2009), italienisch
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