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Ursula K. Le Guin - Die linke Hand der Dunkelheit: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Die linke Hand der Dunkelheit

(2014) - Orig.: The Left Hand of Darkness (1969), engl.
Geschlecht auf Eis
Abenteuer-Roman, Postgenderismus Science-Fiction und archetypisches Ränkespiel in den Polit-Fraktionen eines abgeschiedenen fantastischen Eis-Planeten: Das alles ist dieses Buch von 1969.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 16.04.2014
Ursula K. Le Guin - Die linke Hand der Dunkelheit
Zoom Ursula K. Le Guin - Die linke Hand der Dunkelheit

"Soixante-neuf, année érotique", kommt bei dieser Jahreszahl sofort in den Kopf, und Yin und Yang und LSD und Esoterik. Exploration wird als Mindestes von der Science-Fiction-Literatur verlangt. Was sollte Ursula K. Le Guin aus diesem Jahr heraus noch extrapolieren, das den Zeitgenossen sowieso schon als Zeitenwende, als maßlose Übertreibung oder gar als Limbus vorkam? Sie lehnt dieses Konzept einfach schlichtweg ab, in einem zur 1976-er Ausgabe geschriebenen eleganten Vorwort. "Die linke Hand der Dunkelheit" sei als Gedankenexperiment aufzufassen - nicht mehr und nicht weniger. Und stapelt damit freilich tief. Der Begriff Postgenderismus war noch nicht einmal erfunden und sie schickt den Kontaktmann 'Ai' in eine bunte, zaghaft zwischen Fortschritt und Althergebrachtem pendelnde Gesellschaft auf einem Planeten bizarrster Physiognomie: Die Menschen dort kennen nur ein biologisches Geschlecht.

Als Ai, der Menschen-Mann, und 'Estrevan', einer dieser Hermaphroditen, die sich je nach Hormon-Lage wandeln können, 80 Tage lang über ein lebensfeindliches Eis-Plateau flüchten müssen, wird dies zum großartigen Kern des Buches. Ja, der Trick von Ursula K. Le Guin ist offensichtlich, die Ausführung grandios. Das Kammerspiel von Zweien, entweder dicht zusammengepfercht nachts und während Blizzards im Zelt oder den schweren Schlitten schiebend oder im Geschirr ziehend über Gletscherspalten hängend. Hoffnung und Tod nie weit auseinander. Zwischen diesen beiden Personen hatte es viele Mißverständnisse gegeben. Denkweise, Diskussionsweise und Ehrbegriffe im wahrsten Sinne Lichtjahre voneinander entfernt. Die erzwungene Fixierung 24/7 nutzt die Erzählerin und nutzen ihre beide Schützlinge ...

Was war passiert? Der Gesandte Ai ist von der sog. "Ökumene" geschickt, ein Bund von Planeten, der den Handel und technologischen Austausch fördern will. Er trifft auf einige Völkchen, die in vielen Aspekten archaisch anmuten. Sein Hauptproblem - und das wäre es auch beispielsweise auf der heutigen realen Erde: Es gibt keine Institution, die den kompletten Planeten repräsentieren könnte. So wird Ai zum Spielball zwischen zwei benachbarten Reichen und innerhalb dieser wiederum zwischen politischen Fraktionen und Einzelpersonen. Fragte man sich angesichts der gewaltigen Naturdarstellungen, ob unter Le Guin 's Akademiker-Eltern ein Teil Polarforscher gewesen ist, so wird hier ihr Biss und ihre Leidenschaft für Anthropologie und Politik erkennbar. In "Die linke Hand der Dunkelheit" ist unter anderem ein Themenkomplex angelegt, der den kürzlich zu jung verstorbenen Genre-Kollegen Iain M. Banks und seinen Kultur-Zyklus berühmt machte. Eine technologisch fortgeschrittene Gesellschaft, mit einem System, das im eigenen Selbstverständnis als das Maß der Dinge gilt, fühlt sich gemüßigt, anders lebenden Nachbarn unter die Arme zu greifen - nur zu deren Besten, versteht sich. Banks als auch Le Guin bezweifeln schmunzelnd, ob das Durchlaufen einschlägiger Zivilisationsphasen zwangsläufig auf eine immer höhere Stufe des Guten führt. Das jedoch zwischen den Zeilen. Das Druckerschwarz auf Papier beschwört die Positive Utopie.

Das Eintauchen in die Welt des "Winterplaneten" ist wunderschön. Farbenfrohe Wimpel, "Domänen- und Clubbanner", von hunderten Herden und Stämmen - ja, es geht um Menschen - auf einer öffentlichen Versammlung, verwinkelte Gehwegtunnel in einer Stadt hoch oben im Eis, deren Überdachung im kurzen schneefreien Sommer den Gehweg bilden, die "Wintertüren" der Häuser kurz unterhalb der Traufe, wenn man die Schneemassen nur noch feststampft und keine Chance hat, sie wegzuschaffen. Selbst die Übersetzung von Le Guin 's Prosa bleibt elegant: "Das Einzige, was das Leben überhaupt ermöglicht, ist die ständige, unerträgliche Ungewissheit: ist, nicht zu wissen, was als Nächstes geschieht."

Ja, der damalige Zeitgeist blitzt immer wieder hervor, gerade der Mittelteil kommt mit etwas Esoterik daher, doch Weissagung, Körperkontrolle durch Willenskraft oder drogeninduzierte Bewusstseinsänderungen sind eben auch zeitlose Elemente der gekonnten Fantasyliteratur. So zeitlos, wie der Duktus Le Guin 's, der sich nur als altertümlich tarnt, um den Geschichten dieser eigenartigen, in Traditionen verharrenden Wechselbälger, Substanz und Authentizität zu verleihen.

Ursula K. Le Guin, die literarische Judith Butler, bedient einen weiteren Trick meisterlich: Den Sichtweisenwechsel in Kapiteln mit der Erzählperspektive von Ai und Estrevan. Sich in eine Figur hineinzuversetzen, sollte Fingerübung für den Literaten sein. Doch die Fremdheit zu bedienen, die jemand haben muss, der weder biologisch noch sozialisierend in Mann und Frau unterscheidet, setzt eins drauf. Witzig ist, als Ai, der Gesandte, nach zwei Jahren Aufenthalt, Abenteuern und Agieren, sein Begleitschiff auf dem Winterplaneten landen lässt: Seine elfköpfige, gemischtgeschlechtliche Crew kommt ihm vor wie zwei verschiedene Rassen unbekannter Tiere ...
Ursula K. Le Guin 's "Die linke Hand der Dunkelheit" ist der moderne Gegenentwurf zum reaktionären Frauenbild heutiger Fantasy-Literatur. Und ist 40 Jahre älter.

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Besprochene Ausgabe: Heyne  |  2014  |  400 Seiten  |  Broschur*  |  € 8,99

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