Drogen schmuggeln in der NAFTA mal anders: nicht Mexiko, nicht Florida Keys. Der in Seattle ansässige Urban Waite siedelt auch sein erstes Buch in seiner Heimat an, dem nordwestlichsten USA-Bundesstaat Washington, mit seiner Grenze zum kanadischen British Columbia. Dort hat er seine Hausaufgaben gemacht, scheint viel herumgeritten zu sein, und lässt seine Leser eintauchen in ein plastisches Stimmungsbild der Landschaft dort oben. Da schaut er auf die kleinen Dinge - Bärengras, die niedrigen Gebirgsblaubeerbüsche, Bergglockenblumen, die Schlehen (die man auch in Deutschland gerade ernten kann und lecker Marmelade machen kann) - und freilich auf die endlosen Forstflächen. Den US-amerikanischen Gründungsmythos Pferd wird Waite geschickt im ganzen "Schreckensbleich" einweben. Hier in der Eingangsszene, mischt er ihn mit Hightech: Zwei einsame Reiter, die seit zwei Tagen auf glitschigen Hügelkämmen unterwegs sind, bergen Gut, dass von einem Flugzeug, mit Signalbaken und Fallschirm versehen, abgeworfen wurde.
25 Tonnen Kokain braucht Deutschland pro Jahr. Mal angenommen, Westliche Lebensart ist auf den Breitengraden gleich, so bräuchte die USA etwa 100 Tonnen. Eine Tonne füllt diese Eisengitter-Boxen, die früher in jedem Pisskaff auf dem Güterbahnhof rumstanden. Hört sich gleichzeitig viel und wenig an: Die beiden Reiter nahe der US-amerikanisch-kanadischen Grenze laden sich "kopfkissengroße Säcke" auf, insgesamt 200 kg Kokain, wie es später im Buch heißt. Also eine Dimension, die alles rechtfertigt, was im Laufe von "Schreckensbleich" noch passieren wird, mit seiner schier endlosen Spur an Blut - denn der Drogentransport wird auf dem Bergkamm schon sein Ende finden. Dass Gewalt und Skrupellosigkeit mit Erklimmen der Hierarchie im Drogenhändlertum exponentiell steigen, ist banal. Die Kunst Urban Waite 's ist es, wie er im Aufsteigen diese Zwangsläufigkeit zelebriert und erklärt.
'Hunt' und Ehefrau 'Nancy', beide Anfang 50, leben von einem bescheidenen Pferdehof nördlich von Seattle. Könnte man meinen. Doch Hunt verdient hinzu mit dem Kleinen Grenzverkehr illegaler Art. Früher noch über die kaum kontrollierten Straßen-Grenzübergänge und per Bootsverkehr entlang der mit Inseln übersähten Küste, die Fender prall gefüllt mit Stoff. Nun die Hightech-Geschichte, bei der Hunt vom jungen Deputy 'Drake' überrascht wird, aber flüchten kann. Hunt handelt freilich für einen Mittelsmann, der wiederum einen Mittelsmann hat, und so fort. Die erste Leiche ist der Partner Hunt's, der gefasst werden konnte und noch im Gefängnis erschlagen wird, auf Befehl von außen. Urban Waite zieht eine herrliche Komposition an Figuren auf, teils unsichere Kantonisten, die eigentlich Freunde des Ehepaars sind, hin zum schmierigen "Der Anwalt", der nie anders genannt wird, bis hin zum Auftrags-Killer und dem eigentlichen, vietnamesisch-stämmigen Drogenring.
Doch Waite verschnürt die Verstrickungen noch dichter, indem er nach und nach auch die Geschichte des Vaters von Deputy Drake aufdeckt. Der Sohn hat sein Päckchen zu tragen: Der Vater war ebenfalls Sheriff, sitzt aber jetzt im Knast, wie es ziemlich zu Anfang des Buches heißt. "The Terror of Living", das Strampeln im Dasein, hatte auch den Alten erfasst - ohne Not (meist) kein Verbrechen ...
Es sind die ruhigen Passagen von "Schreckensbleich", etwa wenn Hunt im Inneren Monolog Stationen seines Lebens Revue passieren lässt, und grübelt, was wann an welcher Stelle schief gelaufen ist und anders hätte laufen sollen, die fast schöner sind, als die handlungsgetriebenen. Freilich heizen sich beide aneinander auf: Die - eben nicht absurde - Spur der Verwüstung bis zum Showdown steht im höchsten Kontrast zu den beiden gejagten Hauptfiguren Hunt und Drake, letzterer leidlich geschützt durch die DEA, beide sind sie Männer vom Lande mit einem an sich guten Gespür für Gut und Böse. Eine Portion Dummheit muss man auch beiden zusprechen: Hätten sie genügend Krimis gelesen oder DEA-Agent 'Driscoll' schon länger gekannt, der auch angesichts übelst zugerichteter Leichen immer sein Mantra bringt "Wenn's um Heroin geht [ein weiterer Handlungsstrang], kann mich gar nichts überraschen", müssten sie nicht von allen Seiten gejagt um ihr Leben laufen. Ach ja, der letzte Satz muss in jeder Buchbesprechung eines Drogenkrimis auf sf magazin stehen: Legalisierung der landläufig illegalen Drogen ist notwendig! - dann gibt's zwar diese Genre nicht mehr, aber auch im wahren Leben diesen Hassel nicht mehr.
Besprochene Ausgabe: Knaur | 2011 | 368 Seiten | Broschur* | € 9,99
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