Drogenkonsum im Krimi bleibt meist eine abstrakte Sache. Es wird nicht allzu genau beleuchtet, wer wie und warum konsumiert, und ob das Tun eigentlich verwerflich ist, gut ist oder einfach nur ist. Klar ist nur, die Verkäufer, also Dealer in all ihren Hierarchie-Abstufungen, sind auf der bösen Seite, die Cops meist auf der guten und die Junkies irgendwo dazwischen. Es wird viel geballert und ein Cop kann Qualität von Shit anhand von Anstarren der Spitze seines Messers beurteilen, das er vorher in einen der konfiszierten Plastikbeutel gestoßen hat.
Gut und Böse und die damit einhergehende Gewalt sind von Gesetz her zementiert. Das Verbot chemischer und pflanzlicher Drogen macht etwa den Zwischenhändler für den 320-Millionen-Abnehmermarkt USA, nämlich Mexiko, zum realen und unmythischen Vorhof zur Hölle. Es ist kein konkretes "Legalize it!", was durch das Buch "Sick City" des US-Amerikaners Tony O'Neill mitschwingt. Eher scheint Kernaussage, dass an der Suchtneigung eines Menschen nicht groß zu rütteln sei, schon gar nicht durch die Vielfalt quacksalberischer und teurer Entzugsangebote, von denen seine Protagonisten die x-te durchlaufen. Freilich macht O'Neill 's Erkenntnis das Leben seiner Buch-Figuren nicht leichter. "Sick City" ist ein einziger Strudel von Sterben, Gewalt, Verlieren und Morden.
Essenz des Schriftstellerjobs ist ja, den Leser Begebnisse als wahr und nachfühlbar erleben zu lassen , egal ob Bungee-Jumping oder Erstochen-Werden beschrieben wird. Das klappt bei allem ganz gut, doch ein Thema, bei dem das aufhört, ist das Einnehmen von Drogen. So muss man auch bei "Sick City" sagen, wer nicht in egal welchem Lebenszusammenhang schon mal dem sirenischen Ruf jener gefolgt ist, für den wird dreiviertel des Buches leblos und unverständlich bleiben. Tony O'Neill versucht zwar erst gar nicht, diverse Rauschzustände ungenügend in Wörter zu packen. Doch was und wie quer durch alle Gesellschaftsschichten genommen wird, zelebriert er ausführlichst. Und die Dinge sind nicht immer händisch in Briefchen verpackt, sondern auch ordentlich zwischen Plastik und Aluminium gestanzt, so wie OXYCONTIN, AMBIEN, XANAX, DILAUDID sowie Selteneres wie DICONAL, PALFIUM, EUKODAL oder TEMAZEPAM. Figur Fernsehdoktor 'Mike' - auch Betreiber einer gehypten Entzugsklinik - kommt gut an das ordentlich Verpackte ran, macht so Prostituierte gefügig, schluckt selber VIAGRA beim Spaß mit denen, würgt sie mit einer Hand und schnüffelt Poppers mit der anderen.
Andere, die aufgegeben haben, sich gegenüber der Umwelt noch irgendein Mäntelchen bürgerlicher Seriösität umzuhängen, mischkonsumieren den lieben langen Tag, inhalieren über Alu, durch Pfeife, fixen, ziehen: Meth, Speed, Schorre, Crack, Speedball-Mischung.
Letztere sind meist Leute am "Arschende der Touristenzone" von Los Angeles, dem üblen Teil Hollywoods, den sich Tony O'Neill überwiegend als Schauplatz ausgesucht hat. Neben der Mediensatire um Dr. Mike's "Detoxing America" TV-Show wird das gesamte Filmbiz entsprechend gebasht. Reale Promis geistern durch "Sick City", sterben an Überdosis oder ficken sich durch die Entzugsanstalten. Andere fallen auf den Ruf des Filmbiz herein und verzehren ihr Leben als Set-Requisiteur, nach O'Neill 's Lesart "die Scheißarbeit auf dem Set [...] für wenig Kohle."
Filmproduzentensöhnchen 'Randal' lernt im Entzug den Stricher 'Jeffrey' kennen. Die zwei Seelenverwandten werden den Coup ihres Lebens planen. Der eine, um der Abhängigkeit von seiner uber-reichen Familie zu entkommen, der andere aus purer Existenznot.
Durchaus gibt es einfühlsame und ausdrucksstarke Szenen im episodenhaft vorgetragenen "Sick City". So beim Tod von Jeffrey's langjährigem Lover 'Bill'. Jeffrey kann so recht mit niemandem trauern, da Bill Homosexualität - und freilich seine vielen illegalen, ausschweifenden sowie kriminellen Aktivitäten - in Beruf und vor Familie geheimhielt. Somit hat eine vierjährige Beziehung quasi nie existiert. Oder beim perfiden Mechanismus des Gefügigmachens innerhalb der Gesellschaft Wehrloser. Hier eindringlich bei einer einst illegal eingewanderten Prostituierten. Doch insgesamt bleibt "Sick City" seltsam konturlos für einen Roman und zu wenig spannend für einen Krimi. Doch wer gerne vom in Lettern gesetzten Trip zum nächsten springt, ist gut bedient. Zudem sind die Buchdeckel aufwändig gestaltet, in Farbe und Prägedruck, alle Eigennamen in Original-Typografie gesetzt, etwa ein Dutzend Illus von Michel Casarramona abgebildet und die Fadenheftung schimmert satt schwarz aus den Heftfalzen. Eine hübsch verpackte Droge allemal.
Besprochene Ausgabe: walde+graf | 2011 | 328 Seiten | Festeinband* | € 24.95
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