„Und im Juli desselben Jahres, an einem ansonsten ereignislosen Morgen, verspürte Daniel plötzlich einen unmissverständlichen Widerwillen, weiter diese Geschichten zu schreiben.“ Pech, dass besagter 'Daniel' erfolgreicher Drehbuchautor mit teurem Life-Style in L. A. ist. Davon ab - was für ein erster Satz eines Buches!
Daniel lebt im „kulturjüdischen Klima“ der Filmschaffenden Kaliforniens, wo man gemeinsam Urlaub im alten Borscht Belt macht, sich der Yiddishkeit hingibt und nicht-jüdische Produzenten den Namen ihrer jüdischen Frau annehmen, um schwergewichtiger zu sein. Doch seine persönliche Hinwendung zu diesen Attributen findet Daniel erst, als er, wie obig eingeleitet, als 43-jähriger in seine Midlife-Crisis gerät. Plötzlich stimmt gar nichts mehr. Sein zwölfjähriger Sohn ist ihm fremd, mit seiner ebenfalls berufstätigen Frau - Interieur-Schaffende bei anderen, ebenso reichen Familien - schläft er so gut wie nicht mehr und, neu, er entwickelt plötzlich Unzufriedenheit über den Zustand der Welt, der USA im Speziellen. Er wird politisch sozusagen. In privaten Gesprächen fallen immer häufiger die Begriffe Verantwortung, Verpflichtung, Handlungsbedarf, unhaltbar, stellt Daniel fest. Doch für die großen Stars, deren politischer Aktivismus sich meist aus Eitelkeit nähre, hat er nur Häme übrig. So entwickelt der Drehbuchschreiber Flausen zu einem Film, in dem sich sein Ruf, ein Händchen für Gewaltdarstellungen ohne Gewaltverherrlichung zu haben, paaren kann mit seinen Rachefantasien an „Bush und seiner Kamarilla“ und den Verursachern der Finanzkrise.
Eben diese Kamarilla sei doch eh bald durch, mahnt der interessierte Produzent Banderberg, der zur Eile bei der Abgabe des Drehbuchs mahnt. Ja, Todd Hasak-Lowy 's „Schlecht beraten durch Rabbi Brenner“ erschien im Original 2008. Seit Januar 2009 ist Barack Obama im Amt, aber Hasak-Lowy 's Buch zeigt unter anderem, wie der Meinungsumschwung vieler bis dato Uninteressierter US-Amerikaner zustande kam. Es ist mitunter ein deutlich politisches Buch, aber ein sehr ulkiges, dessen dreiste Parolen und Beleidigungen nicht aufgesetzt wirken. Zudem ist das nur ein Aspekt. Spannender ist, ob der unorthodox - ha! - beratende Rabbi 'Ethan', der nach wenigen Tagen von der Gemeinde wieder gefeuert wird, Daniel wieder zurechtrücken wird... Oder ob ein Film, in dem ein FBI-Agent Verständnis mit und gar Sympathien für einen Attentäter entwickelt, der einen hochgestellten „Schuldigen“ an der Misere des Landes nach dem anderen abknallt, nicht trotz gewachsener Gegenkultur verboten werden würde.
Zu Daniel halten wir irgendwie trotz seiner Schwächen über die gesamte Länge von 500 Seiten. Doch dann ist da eben noch die Figur Rabbi Ethan, die das Salz in die Suppe streut; obgleich sie nur eine fulminante Einführung auf den Anfangsseiten erfährt und alsbald über hunderte verschwindet, weil sie nämlich Protagonist Daniel nach Israel geschickt hat. Freilich, zum Showdown ist sie wieder da. Daniel lernt Rabbi Ethan im Zuge von Sohn 'Zack's' Bar-Mizwa kennen und sah sich bis jetzt auf einer jüdischen „Assimilationsskala“ eher weit unten. Doch die Respektlosigkeit Rabbi Ethan's, wie etwa dessen Bloß- und Infragestellung religiöser Riten, wenn er den versammelten Eltern provokant an den Kopf knallt, die Bar-Mizwa sei reine Zeit- und Geldverschwendung, scheint Daniel anzuziehen. Ein Rabbi, der sich erst gar nicht bemüht, religiöses Zeug von sich zu geben, sondern eher die Absurdität entlarvt von verschiedenen Abstufungen der Hingabe an eine Religion, wenn er Daniel, der sich ein Stück weit dem Judentum öffnen möchte, fragt, wie das gehen sölle? Äußerungen wie „Ihr charakterlosen Halb-Gojim liebt eure Orgel und eure Chöre, und ihr wollt euren Rabbi auch unbedingt in einem schwachsinnigen Ornat sehen“, steigern nur Daniels Vertrauen.
Schließlich ist es soweit: Zur Läuterung fliegt Daniel nach Israel. Das Land ist in seiner Wahrnehmung ein „topografisches Mosaik“ als wohl auch ein physiognomisches, denn die Leute dort, die israelischen Juden, tun die ganze Zeit Dinge, die ein Jude nicht tun sollte. Er nennt sie „unjüdisch“. Hasak-Lowy lässt seinen dauerbekifften Helden das Land splitterhaft erleben, orientierungslos und abgehalftert. Mit seinem Drehbuch kommt er vermeintlich keinen Deut weiter, doch Reisen verändert freilich. Die Erzählform ändert sich folglich, auch als Daniel wieder in den USA ist. Ja, das ist viel Gehirngrütze, Durchgeknalltes, Verschwurbeltes und breites Gelaber, sprich bekifftes. Ping-Pong-Dialoge. Doch „Schlecht beraten durch Rabbi Brenner“ nimmt nicht in Anspruch, Anspruch zu haben und hat ihn trotzdem. Das macht ihn so angenehm lesbar, wobei er sich durchaus nicht schnell wegliest, weil man den Wortwitz genießt. Er ist Schelmenstück, teils zerfasert, aber auch ein Patchwork kann angenehm sein. So wie Rabbi Ethan sagt, stumpfes Alltagsbewußtsein könne niemals im Stande sein, neue Gedanken zu fassen. Und seinen Schäfchen, nur nach Nachfrage natürlich, schon mal die Bowle verfeinert oder Daniel die obskure Droge „P19“ ausprobieren lässt.
Alles andere - also sonstige Niggeligkeiten - sollten Sie selber lesen im Roman. Da wär etwa noch Villa-Köter 'Alfred' zum Beispiel. Und das ist die einzige Figur, die wirklich abkratzen wird:
Alfred war ein guter Hund. Zeitlebens ein guter Hund. Er wird uns fehlen. Auch und gerade als Hund.
Besprochene Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch | 2010 | 480 Seiten | Festeinband* | € 22,95
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
2. Jonas-Philipp Dallmann: Notschek (2011)
3. Gavin James Bower: Dazed & Aroused (2009)
4. Ron Leshem: Der geheime Basar (2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Martin Amis:
Die schwangere Witwe
Hanser, Festeinband
Shumeet Baluja:
Silicon Jungle
suhrkamp nova, Broschur
Moti Kfir, Ram Oren:
Sylvia Rafael. Mossad Agentin
Arche, Festeinband
Martin Amis:
1999
Rowohlt, Festeinband
Sorj Chalandon:
Die Legende unserer Väter
dtv premium, Broschur
Douglas Coupland:
Eleanor Rigby
Hoffmann und Campe, Festeinband
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