Tina Uebel - Die Wahrheit über Frankie: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Die Wahrheit über Frankie

(2009)
Drei und der Herr der Fliegen
Wir leben zusammen mit Freunden und Geliebten. Wie konträr wir Situationen beurteilen und sich unsere Sicht auf uns selbst von der Sicht anderer auf uns unterscheidet, schildert Tina Uebel in einer Parabel, angelegt als protokollarische Agentengeschichte.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 22.08.2009

Charismatische Menschen können gut oder böse sein. In beiden Fällen sind sie extrem erfolgreich. So auch 'Frankie', den das Pärchen 'Judith' und 'Christoph' in einer Hamburger Bar kennenlernen. Bald die Vierte im Bunde wird 'Emma'. So verbringen die drei Studenten und Barmann Frankie den wohl sorglosesten Sommer ihres Lebens, ein Sommer, der heiß ist und sich weit in den Herbst hineinschiebt. Mit einem Rover Mini und nur dem Nötigsten an Gepäck - man amüsiert sich später oft köstlich darüber: vier Menschen, ein Mini, Gepäck - macht man Europa unsicher. From town to town, im Morgengrauen... Frankie ist der Charmeur, der Checker, der Selbstsichere und - er kümmert sich; um jeden der drei auf andere Weise, sogar um Emmas Magersucht. Somit hat er irgendwann schon mal ein gewisses Vertrauen aller; den Rest kann er durch mittlerweile entstandene Abhängigkeitsverhältnisse abfedern, als er schließlich seine Bombe platzen lässt...

Hamburg, das heißt ja Mohammed Atta, einer der 9/11-Todesflieger, und das heißt Polonium-Morde, dieses Zeug, das schon ab einem Atom giftig ist, mit dem wohl der FSB gerne Leute zum Schweigen bringt. Viel so Terror- und Agentenzeugs streut Tina Uebel in „Die Wahrheit über Frankie“ ein. Aber nix Konkretes über Frankie. Der macht irgendwie in diesen Kreisen, allerdings für die „gute“ Seite. Wie ein ganz dünnes Blatt Papier durchwebt dieser Agentenstrang die Geschichte. Er ist nur Uebels Aufhänger. Genauso gut hätte Uebel aus Frankie einen psychopathischen Mörder machen können oder einen reichen Fratz, der sich nur noch durch seine Machtspiele über Menschen selber am Leben spürt.
Dieser Agenten-Frankie bringt es im Gegenzug fertig, die anderen drei glauben zu lassen, sie spürten erst jetzt ihr Leben, durch die Begegnung mit Frankie und den Aufgaben, die sie für ihn erledigen. Da kann man einen aktuellen Bezug zu charismatischen, real existierenden Terrorführern herstellen, wie es der Verlag im Klappentext tut. Doch Uebel will eine höhere Ebene; sie schafft ein viel allgemeingültigeres Kabinettstück über unser aller Trieb, uns gegenseitig auszustechen, dem anderen Zuneigung von vermeintlich falscher Seite zu neiden, Durchsetzungskraft zu bewundern und im selben Atemzug Dominanz zu verdammen und sich im Zweifelsfall genau dieser starken Person sklawisch hinzugeben, wegen der eigenen Schwäche.

Zehn Jahre nach dem Kennenlernen der vier, von heute aus leicht in der Zukunft, erfährt der Leser die Umstände, anhand von drei Protokoll-Strängen Christophs, Judiths und Emmas. Das ist stilistisch und inhaltlich schon brillant, wie diese drei in ihren Aussagen gegenüber einem anonymen Tribunal um den Fixstern Frankie kreisen und sich letztlich bis auf die Haut selbst entblößen. So viel sei verraten, ein paar romantische Bonny&Clyde-Jährchen mit ständigen Ortswechseln werden die vier noch haben, selbst nachdem Frankie sie in den Untergrund gezogen hat. Aber es wird nicht so bleiben.

Tina Uebel, aka Christoph, Judith, Emma, schreibt schnodderig, aber gleichzeitig formal völlig korrekt, ein gutes Deutsch, das elegant und geschmeidig klingt, nie gestelzt. Da hatte der Rezensent Befürchtungen, weil Uebel aus der Hamburger Slam-Ecke, aber anscheinend übt das. Sie verzichtet auf gewollte Freakigkeit der Sprache, setzt so viele Kommas wie Walser, aber das macht nix, wenn die Kommas eben richtig gesetzt sind. Und es ist ein eindeutig authentischer norddeutscher Duktus und Satzbau, ohne explizit norddeutsche Ausdrücke zu verwenden.

Es ist nicht alles Sonne. Gerade nach etwa einem Viertel des Buches setzt Ungeduld ein, weil Uebel einen zu lange zappeln lässt mit diesem nicht greifbaren Frankie. Immer wieder geben die Figuren Sätze wie „Sie sind nicht dabeigewesen!“ zu Protokoll, bezugnehmend auf einen wohl monströsen Frankie, im verzweifelten Bemühen, sich selber zu verstehen und sich zu rechtfertigen. Selbst nach einem Drittel lässt sich noch kein richtiges Kondensat aus dem bisher Gelesenen ziehen. Gefährlich nahe dran, das Buch hinzuschmeißen. Da offenbart die Protokollform eben doch ihre Tücken gegenüber einem konventionell erzählten Roman. Doch spätestens beim Auseinanderdriften der Versionen der drei ist der Leser wieder entschädigt.

Besprochene Ausgabe: C. H. Beck | 2009 | 310 Seiten | Festeinband* | € 19,90
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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