19.01.2019   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Tillmann Bendikowski - Sommer 1914 - Zwischen Begeisterung und Angst - wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Tillmann Bendikowski - Sommer 1914 - Zwischen Begeisterung und Angst - wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

* buchtipps buchkritik buchneuerscheinungen

Anzeige

- Sommer 1914 - Zwischen Begeisterung und Angst - wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten

(2014)
Lähmung im Hochsommer
Bald ist es soweit. Vor genau hundert Jahren: im Juni ein Attentat, im Juli eine Krise und dann das "August-Erlebnis"? War es so?, fragt Tillmann Bendikowski.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 17.05.2014
Tillmann Bendikowski - Sommer 1914 - Zwischen Begeisterung und Angst - wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten
Zoom Tillmann Bendikowski - Sommer 1914 - Zwischen Begeisterung und Angst - wie Deutsche den Kriegsbeginn erlebten

Der preisgekrönte Historiker Christopher Clark schreibt gegen Ende seines "Die Schlafwandler - Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog" - erst 2012 im Original erschienen und schon ein Klassiker - im Resümee, man könne getrost aufhören, nach dem einen Land zu suchen, das am "meisten" zum Ausbruch dieses Krieges beigetragen habe. Die Krise davor, im sommerlich heißen Juli des Jahres 1914, ist für ihn das "komplexeste Ereignis der Moderne". Alle Politiker eines beteiligten Landes waren schließlich im August der festen Überzeugung, dass jeweils ihre Nation in einen notwendigen Defensivkrieg gegen die jeweils gegnerischen zieht. Tillmann Bendikowski will mit seinem Buch darlegen, dass eine allumfassende Kriegsbegeisterung in der Bevölkerung - hier im Deutschen Reich - ein Mythos ist, wie es die Forschung mittlerweile auch für die anderen beteiligten Länder belegt. Die zweifellos vorhandenen positiven Bekundungen nennt Clark wiederum eine Art "defensiven Patriotismus" in den jeweiligen Ländern, da die Bewohner davon ausgehen mussten, dass ihre Führung alles Erdenkliche getan hatte, um gelassen auf Provokationen oder Angriffe entschlossener Gegner zu reagieren.

Hinzu kommen sich selbst verstärkende Prozesse, die nach einer Kriegserklärung in Gang kommen (auf die Tillmann Bendikowski allerdings leider nicht eingeht). Die Führung eines Landes ist ab diesem Zeitpunkt gezwungen, ein Feindbild aufzubauen und im wahrsten Sinne Hass zu schüren. Anders ist ein Krieg in seiner Logik nicht zu führen. Genauso sind dann das sich gegenseitig Mut machen und Zusammenstehen ein elementares Wir-Element von Patriotismus, der in diesem Moment kein übertriebener sein muss. Bendikowski greift die Biografien von fünf Deutschen heraus und begleitet sie anschließend so nah wie möglich durch die Monate des Kriegsausbruchs.

Nun schreiben vier dieser Personen mehr oder weniger regelmäßig Tagebuch. Doch geht Bendikowski den gegenteiligen Weg, als diese stumpf abzudrucken. Er druckt selten Originalstellen ab, sondern führt für seine Schützlinge jeweils eine Art subjektive Roman-Biografie und schwächt dadurch das Anliegen von Authentizität selber ab. Bei dreien - eine Volksschullehrerin, ein Zeitungsvolontär, ein eher unbekannter Historiker - wird er das straflos tun können, beim Literaten Ernst Stadler schon weniger und bei der fünften Person offenbart sich, dass hier Tillmann Bendikowski den Stempel aufdrückt und nicht andersrum.

Es ist Kaiser Wilhelm II.. Bei ihm wäre es wichtig gewesen, die unzähligen direkten Quellen in einen dem Stand der Forschung entsprechenden und in einen auch dem Laien verständlichen objektiven Rahmen zu setzen. Doch hier ist Tillmann Bendikowski weder bereit, in seinen ersten Kapiteln seine Rolle innerhalb der Regierung des Deutschen Reiches zu skizzieren - er lässt den Laien im Glauben, der Kaiser regiere -, noch von den gängigen Klischees um seine Person
Abstand zu nehmen. Er unterscheidet nicht zwischen Marotten des Kaisers und deren faktisch geringen Wirkung auf die politische Situation. Er stellt Kraftmeierei, wie den Ausspruch, England bezüglich Flotte "totrüsten" zu wollen in keinen Zusammenhang (Das Flottenprogramm war längst vor dem Ersten Weltkrieg eingestellt worden und die deutsche Flotte war damit gerademal ein Drittel so groß wie die britische). Das geht hin bis zu richtigen Fehlinformationen. So lässt er etwa den Fakt aus, dass der Kaiser keinen einzigen Mann in einen Krieg schicken konnte ohne den Bundesrat. Bendikowskis Suggestionen offenbaren sich teils schon einfach durch genaues Lesen in ihren Widersprüchen: Einerseits verhöhne die komplette Bevölkerung ihren Kaiser, andererseits sei sie quasi in allen ihren Schichten komplett durchmilitarisiert!? (Zudem fragt sich zumindest der Berliner Leser, wie der Hauptmann von Köpenick ein Volksheld werden konnte.)

So sitzt der Autor leider auch in 2014 noch einer Selbstgeißelung auf, die sich bei den deutschen Historikern der Fünfziger und Sechziger Jahre gebildet hat, nach Meinung Christopher Clark 's als Reflex auf die überwältigende Schulderfahrung durch den Zweiten Weltkrieg. Da wurde für den Ersten gleich freiwillig mitgegeißelt.

>>> Mehr Bücher Allgemeine Literatur ...

Besprochene Ausgabe: C. Bertelsmann  |  2014  |  416 Seiten  |  Festeinband*  |  € 19,99

Anzeige

Twittern *  @sfmagazin folgen * 
 * 
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
Kurze Buchvorstellungen / Autor-Bio:
 
sf magazin * Favoriten im Genre Allgemeine Literatur:

Anzeige

blog comments powered by Disqus
 
 
+ sf magazin
Nexus
The Moon Is a Harsh Mistress
The Last Girl
Das Hexenmädchen
Brief Encounters with the Enemy: Fiction
Il Tuttomio
Pacazo
Non-aventures: planches à la première personne
Suddenly Something Happened