"Freeze - Gefangen im Eis" ist weder einfach Thriller noch Agentengeschichte; es ist schlicht ein Kriegs-Roman. Aber kein simpler. Seine Hauptfigur, Luftwaffen-Offizier 'Parson', wägt in einem klassischen, komprimierten Plot permanent ab, zwischen Menschsein und Funktionieren, zwischen Ethik und dem unbedingten Erfüllen des Missionsziels. Er rudert ständig im Gewissenskonflikt - freilich eher um die eigenen Kameraden, denen er schlimme Entscheidungen aufbürden muss und er ist von Versagensängsten gebeutelt. Er ist US-amerikanischer Soldat und er erzählt aus Afghanistan. In "Freeze - Gefangen im Eis" findet sich weder Hurra-Patriotismus noch ist ihm eine unterschwellige Lösung immanent zum Thema Afghanistan. Thomas W. Young zeigt, was ist, und klar steht sein Alter Ego Parson eindeutig auf einer Seite, selbstredend der eigenen - das verlangt der Mechanismus Krieg.
Als ich zum ersten Mal nach Afghanistan geflogen bin, hatte ich nicht am meisten Angst davor, abgeschossen und getötet zu werden. Die schlimmste Vorstellung war, abgeschossen und nicht getötet zu werden.
Das schreibt Young im Nachwort. Die Liste der Einsatzländer des Autors ist lang. Das obig Befürchtete lässt er für Pilot Parson wahr werden. Sein Transportflugzeug Hercules C-130 wird kurz nach dem Start von einer Rakete getroffen. An Bord ein führender Mullah, der einem Verhör zugeführt werden muss. Ein Drittel der Besatzung stirbt während der Notlandung, ein weiteres Drittel wird von im Gebiet operierenden Taliban niedergemäht. Den teils verletzten Rest muss der kommandierende Parson allein zurücklassen, um mit dem Mullah und dessen Aufpasserin, einer Infantristin, die Flucht zu wagen. Ein Schneesturm - "The Mullah's Storm", so der Original-Buchtitel - verhindert jede Hilfe aus der Luft. Klar weigert sich der Mullah, aufgefordert von der hoch ausgebildeten Dolmetscherin und Aufpasserin, mitzugehen. Um Parson herum sterben die Kameraden. Er zückt sein Stiefelmesser und treibt es dem Mullah unter den Fingernagel. Der Mullah geht mit. Es ist schon diese allererste Szene, die Krieg greifbar macht, dass er eins ist mit dem legalisierten Töten durch Geschosse und Schrapnelle und der Grauzone aus Folter und Vergewaltigung. Jeder Politiker, der solchen anordnet, weiß das. Das Verspritzen von Gehirnen mittels Geschoß und das Ausreißen von Fingernägeln zur Informationsgewinnung - Infantristin 'Gold' wird das im Fortlauf widerfahren - ist dieselbe Kategorie. Alles andere ist Lüge.
Während er bergauf stieg, dachte er darüber nach, wie der Krieg und der Schneesturm ihn in einen primitiven Daseinszustand versetzt hatten. Sein etliche Millionen Dollar teures Flugzeug war ein Haufen Schrott. Satellitensignale, Laserstrahlen und Kurzwellenübertragungen sendeten seine Lageberichte rund um die Welt und nutzten ihm herzlich wenig. Er war verwundet und wütend, nur noch darauf aus, den feindlichen Stamm zu töten. Entblößt bis auf meinen Kern, dachte er, aber vielleicht ist das ja das , was einen ausmacht.
Parson muss sich nicht nur vor dem Feind verstecken oder ihn attackieren, er muss auch noch einen mitschleppen, den steinalten Mullah. Er denkt an den Vater, selbst einst Soldat, der ihm das Yeats-Zitat vermittelte, jenes "Those that I fight I do not hate." Dazu Parson nur stumpf: "Was auf dieses am Boden kniende Arschloch nicht zutraf."
Schimpfworte und unkorrekte Redewendungen bezüglich Taliban oder Al-Qaida-Schergen gibt es genug in "Freeze - Gefangen im Eis". Und auch differenzierte Sichtweisen etwa zur afghanischen Volksgruppe der Hazara, wehrlose Erzfeinde der Taliban, bei denen Parson und Gold zeitweise Unterschlupf finden, was nichts Gutes für die Gastgeber bedeuten wird ...
Parson wird mannigfach Entscheidungen treffen müssen, die nie einen glatten Weg zulassen werden. Als er und Gold gefangen genommen werden, um mit ihnen eines der einschlägigen Propagandavideos mit Köpfe abschneiden inklusive drehen zu können, soll er eine Helikopterbesatzung in den sicheren Tod führen, um einen gnadenvolleren Tod zu erhalten. Doch da spielen noch Special Forces eine Rolle, Schlangenfresser genannt von Parson, die einem afghanischen Hauptmann unterstehen. Die tragen das Base-Cap falsch rum, Fantasieuniformen und einen Klebestreifen mit aufgemalter Blutgruppe am Platz für das Namensschildchen. Als wenn es am Hindukusch hinter dem nächsten Baum eine Blutbank gäbe, denkt Parson ...
Besprochene Ausgabe: Piper | 2012 | 352 Seiten | Broschur* | € 9,99
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
1. Horst Eckert: Schwarzer Schwan (2011)
2. Urban Waite: Schreckensbleich (2011) - Orig.: The Terror of Living (2011), engl.
3. Yassin Musharbash: Radikal (2011)
4. André Meier: Letzte Losung (2011)
5. Sara Paretsky: Hardball (2011) - Orig.: Hardball (2009), engl.
Robert Ludlum, Eric van Lustbader:
Das Bourne Duell
Heyne, Festeinband
Linwood Barclay:
Weil ich euch liebte
Knaur, Broschur
Thomas W. Young:
Freeze - Gefangen im Eis
Piper, Broschur
Elisabetta Bucciarelli:
Ich vergebe dir
btb, Broschur
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