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- Nebra

(2009)
Mitternachts im Harz mit diesem durchgeknallten Wolfspack
Thomas Thiemeyer mischt Lokalkolorit, etwas Mystik, eine Prise Horror und Forschungs-Fakten um die 'Himmelsscheibe von Nebra' in einen rasanten Thriller.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin * 27.02.2009
Thomas Thiemeyer - Nebra
Zoom Thomas Thiemeyer - Nebra

Kaum hat ein Buch den Leser schneller eingesogen, als „Nebra“ mit seinem fulminanten Eingangs-Kapitel, das in einer Höhle spielt. Da sind eine Handvoll junger Leute Wesen gegenübergestellt, die es eigentlich nicht geben dürfte. Outlaws, fern jeglicher Kultur, roh, verwildert, grausam; oder sind es gar Mutanten, durch eigentümliche Pfade der Vererbung zu dem geworden, was sie sind? Oder Evolutionäre Relikte, die sich in totaler Abgeschiedenheit erhalten konnten?

Thomas wäre nicht Thiemeyer, legte er dies sofort offen. Er versprüht Hollywood-Flair in Buchform auf diesen ersten Seiten, und das auch fortan. Streifen wie „The Hills have Eyes“ oder „The Descent“ drängen sich als Vergleich auf. Und die Leichtigkeit und Eleganz seiner Abenteuer-Bücher heben ihn auch in seinem vierten Buch (für Erwachsene; er schreibt auch Jugendbücher) auf internationales Niveau. Und der Clou: Der Großteil von „Nebra“ spielt im deutschtümelnden Harz, der zudem bis vor zwanzig Jahren noch von einem häßlichen, unüberwindbaren Doppelzaun durchzogen war.

Der Horror ist nur ein Element in Thiemeyers typischer Mischung aus Themen der Mystik und dem aktuellen Stand der Wissenschaft. In seinen Büchern hat beides Daseinsberechtigung. Denn er weiß, dass der Mensch zuviel Phantasie hat, um sich nur mit der Existenz des Sichtbaren, Greifbaren und Beweisbaren zufriedenzugeben. Ähnlich seinen großen internationalen Genre-Kollegen lässt er deutlich erkennen, dass er jeglichem religiösen Fanatismus, gleich welcher Couleur, absolut abhold ist. Das schließt nicht aus, dem Verlangen nach Übernatürlichem in der Literatur Futter zu geben und Glaube und Wissenschaft zu versöhnen.

Gegenstand des Aufruhrs ist die real existierende „Himmelsscheibe von Nebra“ aus der Bronze-Zeit. Haben Sie sich schon einmal Gedanken gemacht, warum heute ein bestimmtes Datum ist? Wer das eigentlich festgelegt hat? Mit Daumen mal Pi gegen die Sonne gerichtet können Sie das bestimmt nicht. Wieviel Macht bedeutete es also vor vielen Tausend Jahren, mit Hilfe der Himmelsscheibe genau die Jahreszeiten zu bestimmen!

Toll führt Thiemeyer in einen Personenreigen von einem halben Dutzend ein, dessen Einzelne erstmal gar nicht zueinander in Bezug stehen. Doch Vorrangstellung hat die Archäologin Hannah Peters, der wir in der Sahara zusammen mit ihrem Ex-Geliebten John begegnen. Einfühlsam gleitet Thiemeyer von Hannahs Sinneswahrnehmungen - den Gerüchen des Nils, den Farben des Sandes, der Haptik der Luft - zu einem ersten Streit unter Ex-Sichliebenden...

Der Fortlauf spielt im Museum in Halle, in einer Werkstatt in Leipzig, im beschaulichen Wernigerode oder auf dem Brocken, als Norddeutschlands höchstem Berg und auch kurz in Schottland. Und auch unter dem Brocken. Das ist schön, doch blitzt das Lokalkolorit immer nur zu kurz hervor. Thiemeyer kann es aber, und sollte vielleicht versuchen, mehr davon einzubauen, und dafür von den sehr ausufernden Action-Sequenzen gegen Ende des Buches etwas wegzunehmen. Denn seine Figuren hat man lieb, und sie wachsen umso mehr, je mehr man von ihrer Umgebung und ihren Gedanken mitbekommt.
Aber ein paar kleine Spitzen trägt's dann doch, etwa mit „Wenn schon arm, dann in Leipzig“, was ein Künstler spricht, den die selbstbeanspruchte Kunst-Monopolstellung Berlins nervt. Schön wär's, wenn sich die wenigen ostdeutschen Großstädte endlich mal anfangen würden gegenseitig zu beharken. Das stärkt das Bewusstsein.

Auch in Wernigerode, dem Inbegriff für Harz, erweist sich Thiemeyer als liebevoller, nur leicht zynischer, Beobachter des Treibens zwischen Fachwerk und dem unauffälligen Beige der Rentner.

Einige Elemente des Mystery-Anteils sind - und das ist nur natürlich - Geschmacksache; aber wenn man bei John O'Groats, dem nördlichsten Punkt Schottlands, gerade in einer keltischen Fluchtburg steht, plötzlich dringendst nach Deutschland muss, innerhalb einer Viertelstunde ein Helikopter landet, der auch schon deine Siebensachen aus dem Hotel aufgelesen hat und es dann schwupps über Aberdeen nach Leipzig geht: Dann macht das Buch wieder verdammt Spaß.

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Besprochene Ausgabe: Knaur  |  2009

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