Von zwei einstigen Bad Godesberger Gymnasiasten aus betuchten Häusern erzählt "Sickster", die sich als Angestellte beim selben Konzern in Berlin wiederfinden. Bonn - Berlin, diese Städte erzählen von Bedeutungswandel, Aufstieg und Niedergang. Betrachtungsweisen schwanken freilich, sobald man den Länderfinanzausgleich mit einbezieht. Doch in Thomas Melles Konsumkritik-Roman werden die Figuren rundweg alle verlieren. Erst einmal heißt es "Welcome" - so ist das unternehmensinterne Partnermagazin betitelt, das der Mineralölkonzern an seine Tankstellenpächter verteilt. Was der leitende Manager 'Thorsten' als Excel-Tabellen und als Diagramme ausstößt, soll vom Journalisten 'Magnus' in griffige, dem Laien verständliche Form gebracht werden. Warengruppenstruktur der Dinge, die in einer Tanke zusätzlich zum Sprit verkauft werden, Regionalitätsfaktoren, Roll-out, Zoning, Convenience und Multifacing - das ist die geballte Zurschaustellung der Waren, die "Warendruck" erzeugt, "Masse verkauft Masse" - sollen beherzigt werden.
BWLer Thorsten legt Melle als Figur an, die schon längst vom eigenen Treiben erschlagen ist, zumindest von einer schädlichen Wirkung, die man dem Werbe- und Marketing-Biz nachsagt: Durch den "Entfesselte[n] Sexus auf allen Kanälen" ist er "Sexmaniac geworden - manisch in der Tat und noch mehr im Geiste". Keine Kollegin, die er nicht gedanklich sofort auszieht, in den Clubs der Stadt macht er sich in Anzug und Krawatte zum Affen, und punktet doch durch sein gutes Aussehen als Aufreißer. Der inneren Leere versucht er durch Alkohol zu entfliehen, der genervten und betrogenen Freundin erklärt er, nur so könne er Urlaub von sich selbst nehmen.
Journalist Magnus hingegen fühlt sich von den ständigen Reizen der Außenwelt bedrängt, fühlt sich mehr als der Beobachter. Eintauchen ins Getümmel will er trotzdem, einer der auch beim fünften Bier immer faselt, er trinke eigentlich sonst nicht, einer der sich einredet, als gelernter Journalist sei er mit seinem jetzigen Job nur eine temporäre "Worthure, die sich verkauft für Geld", alles werde demnächst besser werden ... Wenn er über Corporate Publishing, also über die unternehmensinterne Zeitung erzählt - bis dato träumte er vom Verfassen von Drehbüchern -, überfällt den Mitte-Dreißiger Gereiztheit, aus "trotziger Slacker-Arroganz" heraus - gleichwohl gibt er zu, die Zielstrebigkeit und geordnete Lebensbahn der BWLer zu beneiden. Doch wer von Thorsten oder Magnus beim gemeinsamen Clubbesuch den allerstärksten verfügbaren Drink bei der Bedienung mit den Worten "Wir sind stumpf. Wir brauchen's mit dem Vorschlaghammer. Sonst sind wir tot", ordert, spielt jetzt keine Rolle mehr.
In ähnlicher Weise plakativ sind viele Stellen in "Sickster", etwa wenn Magnus referiert, wie das eben so läuft, in der Gesellschaftsschicht aus der man stammt: das richtige Internat, das Verprassen von Vaters Kohle, den späteren Job im Unternehmen des Vaterfreundes, die Golfclubmitgliedschaft, eine Frau abkriegen, wenn man sich nur tief genug hineinverstrickt "in den großen Inzest", man müsse "denselben Lacrosse spielen, dieselben Tänze tanzen, dieselben Leutchen ficken". Thomas Melle, der auch Theater-Stücke verfasst, lässt oft den Dampfhammer arbeiten, wo das Tun seiner Figuren ausreichen sollte. Das Plakative auf Romanlänge kann schaden. Ganz offen referenziert Thomas Melle den großen Bret Easton Ellis, hier sogar mit dem Titel von dessen Erstling "Unter Null", wenn es über Thorsten zu Gymnasiumszeiten heißt "In deiner Chevignon-Jacke, mit der Frostfrisur. Gegelter Mittelscheitel, unter null". Hinter der Leichtigkeit im Stil und gleichzeitiger Zerschmetterung in der Aussage des Vorbildes muss "Sickster" zurückfallen. Endgültig schal wirkt ein Strang, der zwischen den Jahren, also zwischen Weihnachten und Sylvester spielt, wenn der Heimkehrer Magnus heißt, er in Jugendliebe 'Jonna' die verpasste Chance sieht, man sich im Freundeskreis wegschießt, und Kumpel 'Erik' Sex filmt, mit versteckter Kamera, von der aber alle wissen. Bei Bret Easton Ellis heißt die Stadt L.A., bei Thomas Melle Bonn-Bad Godesberg, der eine ließ noch tapen, der andere lässt sofort web-streamen.
Mit Beobachter Magnus entwirft Melle eine zwiespältige Figur, der er unterstellt, sich ebenfalls nicht der allgemeinen Sinnentleertheit entziehen zu können. Jonna induziert in seiner Vorstellung jedesmal gleich das volle Komplettpaket Sex, Kinder, Familie. Doch warum es dafür nun zu spät sei oder warum Magnus in diesem Bild auch keine Alternative sieht, verrät Melle nicht.
Schade, dass auch der Typus Mann, den Thorsten, der Sexmaniac, verkörpert, ein in der Literatur arg strapazierter ist. Wo sind eigentlich mal die weiblichen Pendants, also die, mit denen Thorsten und seine männlichen Kollegen Sex haben, die aber in "Sickster" und ähnlichen Werken der Konsumkritik nur Randfiguren bleiben? Bleibt nur Thorstens feste Freundin 'Laura', hochintelligent, aber natürlich in Opferrolle. Warum sie, ebenso wie der Rest der Mischpoke, zerbricht, scheint Melle einzig und allein damit zu begründen, dass sie Frau ist. Gar zu abstrakt kommt die Konsumwelt und ihre Auswirkungen auf ihre Bewohner daher. Das Segment, das jeder Mensch noch neben dem gleichgeschalteten besitzt, der kleine Rest an Persönlichkeit, spricht Thomas Melle seinen Protagonisten ab. Sie steuern auf ihre private Katastrophe zu, ohne sich zu erheben, ohne zu rebellieren. Vielleicht sind sie zu matt dazu.
Die zweite Hälfte von "Sickster" arbeitet viel mit Tagebucheinträgen, Chat-Protokollen oder Bandaufzeichnungen. Der Stilwechsel wird Geschmackssache sein. Die Figuren sehnen sich nach dem Vergangenen, trauern der Unschuld nach, ohne etwas davon in ihre Jetzt-Zeit retten zu können. Die Großstadt - oder gleich der ganze Kapitalismus - scheinen sagen zu wollen "Bin ich zu stark, bist Du zu schwach", ähnlich dem Werbe-Claim der Lutschbonbons Fisherman's Friend, von denen Held Thorsten gleich drei auf einmal benutzt, um gegenüber Kollegen die tägliche Alkoholfahne zu überdecken. Sein Boot wird freilich untergehen.
Besprochene Ausgabe: Rowohlt Berlin | 2011 | 336 Seiten | Festeinband* | € 19,95
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