Theresa Schwegel - Das Gesetz der Spinne: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Das Gesetz der Spinne

(2009) - Orig.: Person of Interest (2007), engl.
Was für eine Stimme!
Würde man eigentlich über eine Sängerin sagen. Aber auch über den neuen Duktus, mit dem die Chicagoerin Theresa Schwegel, Mitte 20, wie ein Orkan über die eingeschlafene Krimi-Sprache hinwegfegt. Dabei: Schwegel könnte in jedem Genre schreiben.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 17.07.2009

Ihr dritter Roman kommt daher als Mischung aus Psychogramm einer Polizisten-Familie, dem Psychogramm deren Einzelbestandteile Teenager, Ehefrau, Cop und eines tristen Gemäldes der Undercover-Arbeit, das sich von herkömmlichem Hard-Boiled unterscheidet, indem eine extrem drückende, dreckige Atmosphäre aufgebaut wird, fast ohne explizite Beschreibung von Gewalt. Craig, der Cop, taucht mit dem Etat seiner Dienststelle, dann auch mit eigenen Ersparnissen und, für ihn selber unmerklich, immer mehr mit Leib und Seele in von Chinesischer Mafia abgehaltenes Illegales Glückspiel ein, um Kontakte zu knüpfen und Namen zu bekommen, deren Rang im Chicagoer Banden-Milieu weit oben steht.

Es heißt, die Chinesen nähmen das Glücksspiel so ernst, dass ein Mann die Einkünfte seines Lebens auf die Anzahl der Kerne in einer ungeschälten Navelorange verwetten würde.

Craig's Vorgesetzter kennt die Verbissenheit in einen Fall, wie sie bei Craig entstanden ist, und bläst nach einer brisanten Situation den Fall ab, trotz aller bisher entstandenen Kosten und aufgewendeten Zeit. Craig - mittlerweile in einem gefährlichen Schwebezustand und in Angst vor Enttarnung - ist völlig entrückt von den Interaktionen seiner Freunde und seiner Familie. Dies wird deutlich in einer zweiten Linie des Buches, die es auch weit über einen normalen Krimi hinaushebt. Es ist die Sichtweise der Ehefrau Leslie, 40 und attraktiv, die dem Charme des Ex-Freundes ihrer Tochter erliegt. Was sich da anbahnt, ist atemberaubend und Theresa Schwegel erdreistet sich, die Sympathien des Lesers auf diese Ehefrau zu leiten und diesem Erzählstrang ein Schwergewicht zu geben, und - noch dreister für einen Krimi - dem Cop, der doch der Held sein sollte, immer mehr Minuspunkte zuzuschieben. Großartig!

Was nicht heißen soll, dass Schwegel „auf der Straße“ minder gut wäre. So würden Sie im 'Chus China Delight', in dessen Vorratsraum Pai-Gow-Poker gespielt wird, nicht essen wollen:

... das Kleinhacken von Chinakohl, das Brutzeln von Eier-Fu-Jung in heißem Erdnussöl [...] den Blick auf die Pferderennen im Fernsehen gerichtet, im Mund Zigaretten, die ihnen von den trockenen Lippen herabhängen und deren Asche in tänzelnden Bewegungen in den Wok fällt, in dem gerade Schweinefleisch für Kung Pao schmurgelt [...]
Der vordere Bereich des Lokals ist ein gut konzipiertes Theater. Vielleicht rufen sie: „Nummer sechzehn, ohne Natriumglutamat“, was mit einer gehorsamen Verbeugung quittiert wird, wenngleich der zweite Teil der Bestellung es kaum bis in die Küche schaffen wird. Die Kunden [...] schwärmen von den gebratenen Nudeln mit Sprossen, nicht ahnend, dass sie abgepackt geliefert wurden und so landestypisch sind wie Ritz-Kräcker. Und sie glauben tatsächlich, die Köche seien Chinesen.

Schwegel beherrscht die einfachen Regeln ihres Handwerks, so zum Beispiel bei der akribischen, dennoch beiläufigen Beschreibung der Tätigkeiten in einem Blumenladen mit seinen diversen Konservierungs-Mittelchen und lateinischen Gattungsnamen. Man ist drin in ihrem Buch und im Kopf ihrer Figuren.

Craig kommt doch wieder rein in den Fall, als ihn ein Kollege aus dem 13ten Revier, das auch Chinatown im südlichen Chicago umfasst, um Hilfe bittet. Die Atmosphäre wird nun endgültig abgründig und alptraumhaft, als die beiden - und schließlich Craig alleine unter Verbrüderung mit einem Chinesen alter Schule - in die Innereien des Viertels vordringen: die Fassaden sind wie die schöne Schale eines Marienkäfers, dahinter sieht es aus wie ein umgedrehter Käfer.

Schwegels Einfühlungsvermögen in Menschen ist erstaunlich. So gibt es melancholische Szenen mit dem Alten 'Verge', früher Flieger und Boxer in zwielichtigem Milieu, für den Craig eine Sicherheitstür aufbricht und ihn mitsamt Rollstuhl aufs Dach seines Altenheims hebelt, von wo aus man das Stadion der 'Cubs' in der Ferne sehen kann. Der Alte kann nur noch eine handbreit weit sehen, aber man sieht den Schimmer des angehenden Flutlichts und der Lärm des Eröffnungsspiels weht herüber...
Anders beim Teenie 'Ivy', die so rotzgörenhaft skizziert ist, dass man ihr laufend eine reinhauen möchte. Mehr als ihr bewusst ist, hat sie mit dem Fall ihres Dad's, dem Cop, zu tun. Theresa Schwegel ist im Punkt Partydrogen gewiss etwas bieder. Aber man muss sich, bevor man dies bekrittelt, immer vor Augen führen, dass jeder einzelne gelegentliche Partydrogen-Konsument sein Zeug irgendwo kaufen will, und dass die Händlerebenen, je weiter man nach oben kommt, umso mehr im kriminellen Milieu liegen und das Geschäft umso brutaler geführt wird. Um es noch deutlicher zu machen: Es nützt nichts, sich über provokante Dealer im Park in seinem Viertel aufzuregen, wenn man selber gerne sein Tütchen auf dem Balkon schmaucht. Angebot und Nachfrage.
Den Schockzustand einer Frau nach einer Vergewaltigung dagegen, hat wohl kaum jemand in der Literatur jemals so eingängig beschrieben wie Schwegel.

Ohne Sentimentalitäten skizziert Schwegel Verschiedenheit ohne Gleichheitshysterie: die Vietnamesen, die Chinesen, die Halb-Amerikaner, die Weißen. Sie grenzen sich voneinander ab und allerhöchstens profitieren sie ökonomisch voneinander in ein und demselben Staat USA. Vor der 250-jährigen Erfahrung stetiger Zuwanderung mutet der jetzt geplatzte deutsche Traum der heilen „Multikultigesellschaft“ um so lächerlicher an. Man kann den Landfrieden wahren, aber niemals eine Gesellschaft glattbügeln.

Theresa Schwegel 's „Das Gesetz der Spinne“ lotet viele Genres aus und besticht oft durch Komprimierung im Satzbau, was der Übersetzer T. Bertram meist gut verwandelt. So die misslaunige Frau eines Kollegen durch das geschlossene Fliegengitter der Haustür, auf Craig's Bemerkung, es rieche gut:

“Das Mittagessen“, sagt sie, keine Einladung.

Bitte mehr davon, das Deutsche ist zu lang.

Besprochene Ausgabe: Knaur | 2009 | 480 Seiten | Broschur* | € 8,95
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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