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Tao Lin - Taipeh: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Taipeh

(2014) - Orig.: Taipei (2013), engl.
Nebel, aufklarend
Jung-Schriftsteller 'Paul' sucht zuerst gar nicht nach Lebenssinn und Nähe zu Menschen und schlittert schlafwandelnd in eine vielversprechende Liebe.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 11.09.2014
Tao Lin - Taipeh
Zoom Tao Lin - Taipeh

Die heißt 'Erin', und Paul, New Yorker, malt sich nach dem ersten oberflächlichen Kennenlernen und dem Absurfen ihres Blogs aus, wie ihre Vernetzung typischerweise demnächst aussehen wird. Man wird sich Blogs gegenseitig proppen, eventuell mailen, sich auf den Social-Media-Kanälen verbinden und sich auf einer Buchparty wiedersehen. Tatsächlich erwischt man Paul später, als er die letzten vier Jahre Dashboard Erin's absurft oder im Restaurant alle ihre 1.500 Freunde beim Anbieter abcheckt. Rollt ein Medienkritik-Buch auf den Leser zu? Nein. Erin, Paul mit Fans und Bekannten ziehen ebenso gefühlt die ganze Zeit um die Häuser, aber keiner von ihnen ist im Gefühl, Freunde zu haben. Als also eine Nicht-Freundin oder Nur-Bekannte und Paul sich dies gegenseitig bestätigen, geht man den Umstand feiern und will dabei "eine Menge Essen verdrücken".

Die Suche nach Nähe, wenn auch tastend, unbewusst und vor allem im hartnäckig dichten Nebel von Downern - an Tabletten ist in den USA so leicht zu kommen wie an Schokolade -, kurz mal unterbrochen von Uppers, ist das Fundament von Tao Lin 's "Taipeh". Im ersten Drittel des Buches ist das gar nicht offensichtlich, Paul schleicht durchs Leben, durchbrochen von Lesereisen-Terminen. Nach einer Begegnung reflektiert er: "Als sie gegangen waren, stellte Paul fest, dass er das erlangt hatte, was er sich von der Grundschule bis zum College oft am sehnlichsten gewünscht hatte - unzweideutige Zeichen einer sicheren, gegenseitigen Freundschaft -, was aber nicht länger von Bedeutung für ihn war." Beste Freundinnen sind Ambien oder Seroquel, "Susie-Q", letztere trotz der "oft unangenehmen betäubenden Wirkung", zwölf Stunden Schlaf und bis zu 24 Stunden Orientierungslosigkeit und Verwirrung "Lehrmeisterin der Vergebung, Akzeptanz und Empathie".

In seiner Gleichgültigkeit setzt sich Paul selbstbetitelte Übergangsperioden, so zum Beispiel, keine sozialen Aktivitäten zu unternehmen, bis zum Start seiner neuen Lesereise und während dieser Zeit nur Dinge abzuarbeiten, die im Netz zu erledigen sind. Unter Benzodiazepin und Mangel an Verpflichtungen nimmt er Veränderungen in seinem Leben immer weniger wahr, kann er immerhin noch selber konstatieren. Doch man tut immer irgendwas in seinen Kreisen und sei es der mehrmalige Versuch, den Film Drugstore Cowboy am Laptop in einem Rutsch zu gucken, ohne an Abschweifungen, Einschlafen oder schlichtem Desinteresse zu scheitern. Beziehungen zu Frauen laufen einfach so aus; nachdem man gerade noch auf einer Party als "mein neuer Freund" vorgestellt wurde, hat man sich danach vergessen und existiert allerhöchstens noch im Smartphone. Auch Erin's Blog beschäftigt sich mit Beziehungen als Experimentierfeld.

Ja, Paul respektive Tao Lin beschreibt hauptsächlich das Unspektakuläre an Restaurant-Besuchen, Parties oder am Rumlümmeln auf dem Bett oder in den Wohnzimmern aller dieser etwas verzweifelt wirkenden Anfang Zwanzigjährigen. Zweifellos wirkt das, als wenn keine seiner Figuren die Realität durchdringt, sondern sie nur wie durch Gaze aus einer Dimension nebenan beobachtet. Andersrum betrachtet will die Künstlergeneration der sogenannten New Sincerity - zu der Lin gerechnet wird - genau diesen schalen Blick auf die Wirklichkeit, ohne Eindampfen auf Schauwert, ohne Ironie des Hipstertums. Freilich muss auch Altmeister und Schriftstellerkollege Bret Easton Ellis zu einem Buch, in dem mehr als fünf Drogen-Namen vorkommen, seinen Senf dazugeben. Er drückt Bewunderung für den Stil aus, das bewahre das Buch nicht davor, langweilig zu sein. Das stimmt nur in Teilen. Diese unumwundene Flachheit des Daseins, die Tao Lin meint, in seinem Duktus wiederspiegeln zu müssen, ist unverzichtbarer Kern von "Taipeh". Doch genau wenn Lin es andersrum probiert, mit ausufernden Gefühlsumschreibungen, wird es schwierig. Die sind zwar grammatikalisch schlicht gehalten, aber am Ende des Satzes lassen die Metaphern doch Gehaltlosigkeit zurück, dann fallen oft die Buchstaben eines ganzen Absatzes auf ein kaum sichtbares Häufchen zusammen. Auch das kann als Stilmittel gedacht sein, das Pendant zum haltlosen Abschweifen seiner Figuren. Es bleibt Hoffnung: Erin und Paul werden lernen, nicht über irgendwas zu quatschen, sondern zueinander zu reden und zuzuhören.

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Besprochene Ausgabe: Dumont  |  2014  |  300 Seiten  |  Festeinband*  |  € 19,99

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