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 25.05.2012         Tahmima Anam - Mein fremder Bruder: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Tahmima Anam - Mein fremder Bruder: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Mein fremder Bruder

(2011) - Orig.: The Good Muslim (2011), engl.
Der ewige Zyklon
Die Londonerin Tahmima Anam legt ein farbenfrohes Sittengemälde der 1970er und 1980er Jahre ihres Geburtslandes Bangladesch vor. Freilich vor dem düsteren Hintergrund des bis heute nachwirkenden Bangladesch-Krieges.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 29.11.2011

Gerade mal vier Jahre jünger als ihr 1971 gegründetes Heimatland ist Autorin Tahmima Anam. Aufgewachsen ist sie in anderen Ländern rund um den Globus. So kennt sie die Geburtswehen Bangladeschs, das aus einem Teil Britisch-Indiens mit Zwischenstation Ost-Pakistan hervorging, nur aus Erzählungen. Ein Land geboren aus Krieg ist nichts Seltenes. Doch in diesem Fall war es einer, der, kaum zehn Monate andauernd, Millionen von Toten forderte, einen Flüchtlingsstrom von zehn (!) Millionen Menschen erzeugte und kaum trennte beim Niederstrecken von Zivilisten, Soldaten und Freiheitskämpfern. Das Trauma der Nation verarbeitet Tahmima Anam als Familiengeschichte, mit den Themen Kriegsneurose, wie es Erzählerin 'Maya' noch altmodisch nennt, Auswirkungen für die vergewaltigten Frauen, kontraproduktive Rollen von Religion und der bis heute andauernden politischen Instabilität.

Bei alldem steht das Menschsein von Anam 's liebevoll gezeichneten Figuren im Vordergrund. Übrigens ist "Mein fremder Bruder" eine Art Fortsetzung ihres erfolgreichen "Zeit der Verheißungen", lässt sich jedoch vollkommen unabhängig lesen. Es zu rezensieren, ist eine Herausforderung: Denn Tahmima Anam benutzt eine Erzählweise, die mit Fortschreiten des Buches immer ferner chronologisch Zurückliegendes preisgibt. Und macht das sagenhaft gut, sodass sich eine stetige Spannungssteigerung mit Kulmination erst gegen Ende des Buches ergibt. Mit diesen aus dem Krimi-Genre entlehnten rückwärtslaufenden Geschichtlein um die Geschichte ihrer Protagonisten, stellt sie diese dem Leser erstmal einfach hin; sie sind so wie sie sind und wir müssen es schlucken und es nagt im Kopf des Lesers, warum sie wohl so geworden sind. Tahmima Anam wird mit der Erläuterung nicht enttäuschen.

Dessen nicht genug. Anam überlagert freilich mit der Haupt-Erzählebene, die chronologisch vorwärts läuft. Erzählerin Maya sitzt nicht am Lagerfeuer und erzählt "Mein fremder Bruder" binnen einer Nacht, sondern wir begleiten sie zwischen den Jahren 1984 bis 1985 und im Epilog im Jahr 1992. Sie kehrt nach sieben Jahren in die Hauptstadt Dhaka zurück. Warum die 32-jährige Ärztin ihrer Familie damals den Rücken gekehrt hatte und sich ohne Aufstiegschancen als Landärztin verdingte, erfahren wir wesentlich später. Aber eine Einführung über die Sitten auf dem Lande gibt es sofort: Eine Schwangere hat nicht im Dorfteich zu baden! Nachdem es eine von Ärztin Maya dazu ermunterte trotzdem tut, versammelt sich - ein natürlich rein männlicher - Rat und gibt Maya mit martialischen Winks mit dem Zaunpfahl den Hinweis, das Dorf zu verlassen, falls ihr ihr Leben lieb ist - nachdem die Ärztin in ihrem langjährigen Wirken hunderten Menschen das Leben gerettet oder sie zur Welt gebracht hat.

Doch auch in der Großstadt stehen die Dinge nicht wesentlich besser, obgleich sich Maya sofort mit ihrer verwitweten Mutter aussöhnen kann. Fast jeder und jede hat ein Trauma aus dem Krieg mit sich herumzuschleppen. Der eine, etwa Studiumskumpel 'Joy' hat es mittlerweile ganz gut verarbeitet, der nächste, etwa Mayas Bruder 'Sohail' rettet sich in die missionarisch aggressive muslimische Jamaat-Gemeinschaft. "The Good Muslim" heißt das Buch im Original, weil Maya genau herausfinden will, warum sich ihr Bruder, mit dem sie vor dem Krieg nächtelang über Politik und Literatur diskutierte, in völlige Weltabgewandtheit begeben hat und es mehr oder weniger auch herausfinden wird und in Abwägung mit ihren eigenen Dämonen der Vergangenheit auch letztlich schlicht akzeptieren muss.

Weitere Figuren durchweben "Mein fremder Bruder", etwa der kleine 'Zaid', vernachlässigter Sohn von Sohail, kinderschändende Mullahs, verhinderte Liebende, ein mutiger Redakteur mit seinem regimekritischen Blatt mit Auflage 800, einstige Kollaborateure und eine alte Wortführerin der Unabhängigkeitsbewegung, die sich für vergewaltigte Frauen einsetzt - offiziell passive Heldinnen der Revolution, real von ihren Familien geächtet. Ein vollgestopftes Kaleidoskop? Nein - meisterlich verdichtet von Tahmima Anam. Inklusive Love-Story.

Besprochene Ausgabe: Insel | 2011 | 333 Seiten | Festeinband* | € 21,90


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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