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Sven Marquardt - Die Nacht ist Leben: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Die Nacht ist Leben

(2014)
Legendäre Hausbuchbeauftragte
Unschätzbar wertvolle Nachrichten aus zwei kurzen Zwischenreichen zeichnet der bunte Hund Sven Marquardt auf: das Morgenluft schnuppernde letzte Jahrzehnt der DDR und das darauffolgende, mit seiner Transformation vom schwerelosen Raum bis zum Aufschlagen auf dem Boden.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 13.08.2014
Sven Marquardt - Die Nacht ist Leben
Zoom Sven Marquardt - Die Nacht ist Leben

Das Foto "Mit Vopo in der U-Bahn" von 1985 dürfte das berühmteste sein, das Sven Marquardt zeigt, in Ostberlin geboren 1962, immer da geblieben, immer noch hier. Kollege Jörg Knöfel schoss es: Marquardt Anfang zwanzig, im Styling etwa wie Robert Smith von The Cure, vielleicht ein wenig punkiger. Neben ihm ein Vopo in voller Montur. Warum ist das Foto legendär?, wird schon heute, kaum dreißig Jahre später, manch junger Erwachsene fragen. Dann kann man ihm die Autobiografie "Die Nacht ist Leben" in die Hand drücken, die spannend, flüssig und schnörkellos mit Hilfe der Journalistin und Autorin Judka Strittmatter geschrieben ist.

Zwang und Hierarchie sind schon dem Teenager Marquardt ein Grauen. Seine Homosexualität lebt er mit Fremden in Wohnungen, in Hotels rund um den Alex oder auf der Schwulenklappe im Volkspark Friedrichshain aus. Er schätzt das Begehren der meist älteren Männer und seine Macht über sie. Doch mit Beginn seiner Punk-Zeit ist er für diese Szene nicht mehr der hübsche Junge. Noch trägt er viel Kajal und das West-Haarspray Shamtu grün als Schutzschild vor sich her, später dann das viele Metall in seiner Haut, die Körper- und Gesichtstattoos. Marquardt und seine Freunde, etwa die Paradiesvögel der DIY-Modeproduzenten ccd - chic, charmant und dauerhaft, als ironische Anspielung auf Konsum- und HO-Mode, später aufgegangen in der Gruppe Allerleirauh - wollen wahrgenommen werden. Ihre Abgrenzung hat Doppelfunktion: "Stören und auffallen - das ist ein tolles Gefühl, wir sind gierig danach." Eine "Punkdampferfahrt" 1985 wird als Betriebsfest getarnt. Nachdem sich halb Treptow wahrscheinlich über die Ruhestörung beschwert hat, reagiert die Staatsmacht vergleichbar milde. Doch oft wird Marquardt einfach von der Straße weg auf ein Polizeirevier geschleppt, muss aber nie DDR-Knast erleiden.

Modeln beim VEB Jugendmode, die Fotografenausbildung und Aufträge für Sibylle legen die Saat für Sven Marquardts bis heute andauerndes Interesse für Mode, Partygeschehen und Portraitfotografie. Eindringlich skizziert er die schwierige Situation mit der neuen Freiheit nach der Wende. Was es heißt, wenn ein Staat verloren geht - und das ist laut Aristoteles jeder Einzelne - wird ja langsam erst angefangen zu erforschen. Marquardt ist in den Neunzigern eher Held der Nacht als Kreativer. Liebevoll porträtiert er Weggefährten aus dieser Zeit und die jeweils engen Freunde und Freundinnen und erlebt, wenn Zeiten einer Busenfreundschaft vorbei gehen. Und jeder Leser kann sich darin schön selber wiederfinden, in seinen eigenen melancholischen Erfahrungen.

Die Kombination von etwa 40 sehr feinrasterig aufgelösten übers Buch verteilten Schwarzweiß-Abdrucken auf dem matten Papier und Marquardts Schilderungen einer entrückt wirkenden Zeit erschaffen ein lebendes Buch, und sein Titel "Die Nacht ist Leben" wirkt da etwas zu kurz gegriffen. Man taucht ein in die riesige Wohnung der Fotografin und Mäzenin Helga Paris im Prenzlauer Berg. Sie "missbraucht" sie als Salon und kann die Aufzeichnungen über die Schwärme von Besuchern frisieren. Sie ist nämlich selber die Hausbuchbeauftragte! Sohn Robert ist Anfang der Achtziger Marquardts bester Freund. Laut Marquardt soll er jeden Hinterhof im Stadtteil kennen, jede irgendwie zugängliche Wohnung und jeden Dachboden. Die Faszination fürs Morbide eint die beiden. Gottseidank haben sich damals die beiden Fotografen dieses temporären Ortes angenommen - der DDR-Normalbürger wollte Zentralheizung und fließend Warmwasser in der Platte am Stadtrand -, Marquardt mit Portrait und eher Indoor, Robert Paris eher mit Orten und Architektur.

Dürfen natürlich nicht fehlen die Ersatzfamilien von den Clubs ostgut und letztlich berghain, wo Sven Marquardt immer noch Türsteher-Patron ist. Bei allem ist weniger interessant, zu küchenpsychologisieren, warum Marquardt so geworden ist, wie er ist. Scheidungskind? Ist doch Normalfall mittlerweile. Schwuler Punker in der unabhängigen DDR-New-Wave-Modeszene? Also am Rand in der Randgruppe der Randgruppe. Er ist ein Glück für uns, denn wir lesen am liebsten von Menschen, die Brüche in ihrem Leben haben, exaltierter sind und gerade aufgrund ihrer Exaltiertheit kompakter in die Zeitgeschichte eingewickelt waren als John Doe. Und dann noch sehr menschlich und warm daraus zu berichten wissen. Das kann Sven Marquardt in seinem "Die Nacht ist Leben - Autobiografie".

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Besprochene Ausgabe: Ullstein  |  2014  |  224 Seiten  |  Broschur*  |  € 14,99

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