23.10.2017   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Sunil Mann - Faustrecht: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Sunil Mann - Faustrecht: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

* buchtipps buchkritik buchneuerscheinungen

Anzeige

- Faustrecht

(2014)
Vom Tell und anderen Märtyrern
In einen apokalyptischen April mit nicht enden wollendem Regen lagert der Schweizer Sunil Mann sein "Faustrecht" um Eifersucht, Asylproblematik und Untote aus der legendären einstigen Widerstandsorganisation P-26.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 25.08.2014
Sunil Mann - Faustrecht
Zoom Sunil Mann - Faustrecht

Zuerst geht's für den indisch-stämmigen Züricher Privatdetektiv 'Vijay' um das, was seine Zunft - will man der Kriminalliteratur glauben - am meisten tut: Eheleute beschatten. Untreue will bewiesen sein. Schnell hat Vijay einen Toten an der Backe und fühlt sich moralisch zuständig, über den Mord weiterzuforschen. Man liebt und hasst sich mit der Polizei. Denn auch das hat Vijay freilich: beste Kontakte dorthin, anhand einer Freundin. Süffisant skizziert Sunil Mann den Schlagabtausch zwischen den Offiziellen und dem Privatermittler und Freund 'José', einem tatkräftigen und gut informierten Journalisten.

Im Züricher Stadtteil Altstetten wettert der Bürger gegen permanenten Regen und gegen das dortige Asylantenheim. Ausgerechnet vor dem Heim wurde der asylsuchende Syrer erschossen, den Vijay noch Tage zuvor im Zuge seines Eifersuchts-Auftrags vor der Kameralinse hatte - damals auf der Rückbank eines Autos zusammen mit einer Frau bei Leibesertüchtigung. Die Rechten sehen schießwütige Asylanten und schnuppern Morgenluft. Erdrutsche in der Schweiz häufen sich. Der Lago Maggiore droht über die Ufer zu schwappen, wie ein Menetekel zieht er sich durch "Faustrecht".

Wenn sich Sunil Mann mit Sprachrohr Vijay in geraffter sachlicher Form eine Schweiz komplett ohne Ausländer vorstellt, in ihren fatalen sozialen und ökonomischen Auswirkungen, dann hat das nichts Belehrendes oder Aufgesetztes. Sein in der Schweiz geborener Held mit dunkler Haut ist neben allen üblichen Fragen des Alltags noch zusätzlich 24/7 mit Rassismus konfrontiert, selbst wenn ihn ein Besoffener in einer Kneipe "immer noch besser als die Deutschen" findet. Gerade auf Wohnungssuche mit Freundin 'Manju' lässt er ihn etwa haarsträubende rassistische Wohnungsannoncen zitieren.

Sunil Mann entwickelt ein stimmiges Geflecht zwischen Vertretern von offiziellen Volksparteien und den versteckter agierenden rechten Rändern der Gesellschaft. Alte Recken der einstigen staatlichen, aber nicht dem Parlament bekannten Widerstandsorganisation P-26 lässt er auf neue Sinnsuche gehen. Bis in die 1980er sollte sie aktiv werden, falls die Schweiz von der damaligen SU besetzt werden sollte, die diesen Plan für einen Angriff aufs damalige Westdeutschland auch tatsächlich in der Schublade hatte.

"Faustrecht" vergisst aber auch nicht das Private und Humorvolle im Leben von PI Vijay, der sich im mittlerweile sechsten Band von Mann weiterentwickeln darf. Das Schwadronieren der beiden indischen "Schwiegermütter" - Vijay und Lebenspartnerin sind allerdings noch nicht verheiratet - ist köstlich, die Anzüglichkeiten betreffs Heiraten und Kinderkriegen. Ebenso köstlich die Indische Küche, die Vijay in ruhigeren Momenten beschreibt, oder die Japanische, im Restaurant der exaltierten Freundin 'Miranda'. Da verzeiht man teils, dass das Vorgehen Vijay's im Job eher nicht so realitätsnah fast ständig glatt abläuft, ihm etwa eine Personalchefin fröhlich am Telefon Auskünfte über einen Ex-Mitarbeiter gibt, oder eine osteuropäische Barfrau sofort in Habt-Acht-Stellung Auskunft erteilt, anstatt dem Privatschnüffler erst mal einen Tritt in die Eier zu geben, was wahrscheinlicher wäre. Wenn sich Vijay, Restaurantchefin Miranda im japanischen Schülerinnen-Outfit und Journalist José zur Nazijagd aufmachen, dürfte es allerdings für viele Leser eher zu klamottig werden. Schade ist, dass die Rechtsgerichteten in der Kriminalliteratur - so auch bei Sunil Mann - meist ein bisschen deppert rüberkommen, zumindest in den unteren Chargen. Mit der professionellen Realität um vier Rechts-Terroristen mussten sich die Thüringer, Deutschland, jüngst auseinandersetzen.

>>> Mehr Bücher im Genre Krimis / Thriller ...

Besprochene Ausgabe: grafit  |  2014  |  352 Seiten  |  Broschur*  |  € 10,99

Anzeige

Twittern *  @sfmagazin folgen * 
 * 
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
Kurze Buchvorstellungen / Autor-Bio:
 
sf magazin * Favoriten im Genre Krimis / Thriller:

Anzeige

blog comments powered by Disqus
 
 
+ sf magazin
Nexus
The Moon Is a Harsh Mistress
The Last Girl
Das Hexenmädchen
Brief Encounters with the Enemy: Fiction
Il Tuttomio
Pacazo
Non-aventures: planches à la première personne
Suddenly Something Happened