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- Halloween

(2004) - Orig.: The Night Country (2003), engl.
Drei Menschenopfer zum Erntedank
Wiedergelesen: „Halloween“ ist einer dieser ruhigen Romane des derzeitigen Neu-Engländers Stewart O'Nan, die einen Kriminalfall nur als Aufhänger für die Zustandsbeschreibung kleinstädtischen, US-amerikanischen Lebens benutzen.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 21.01.2010
Stewart O'Nan - Halloween
Zoom Stewart O'Nan - Halloween

Der deutsche Titel „Halloween“ kommt etwas reißerisch daher. Da drückt „The Night Country“ doch schon mehr aus, wenn wir mit den Beobachter-Augen O'Nan 's über die nicht vorhandenen hochgeklappten Bürgersteige der Kleinstadt Avon, Connecticut streifen, über die immergleichen Parkplätze der Dunkin' Donuts, Friendly's, Stop'n'Shops, KFCs und Chili's, vorbei an den Zapfsäulen der Mobil Tankstelle. Im bewohnten Gebiet scheint alles schön abgesteckt, die Vorgärten der Eigenheime und Villen im viktorianischen Stil und die Altenwohnanlagen. Doch man kann sich abseits davon noch gut verirren, wenn man will, schreibt einer der Erzähler, der Geist eines Jugendlichen, der sich zusammen mit vier Freunden an Halloween mit dem Auto um einen Baum wickelte.

„Ist es möglich, eine Seitenstraße ohne Gehsteige zu lieben? Geparkte Autos und Holzhäuser?“ fragte einmal Schriftsteller-Kollege Theodore Weesner. Und Joseph Wood Krutch behauptet: “Das Schlimmste, was man Neuengland vorwerfen kann, ist nicht der Puritanismus, sondern der Februar.“ Der Herbst, Halloween, der matschige Februar, was auch immer, Stewart O'Nan weiß, dass die Bekümmernisse von Menschen zeit- und ortsunabhängig sind. Doch alle seine Bücher widmet er eben dem Menschenschlag, den er am besten kennt, den des nordöstlichen US-Amerikas. Seine Jugendlichen in „Halloween“ stehen Pate für auf dem Land aufwachsende Jugendliche der Welt, in Orten ohne gute Jobs, wo die Einheimischen wegsterben und einige wegen ihrer Kinder zuziehen, „die guten Schulen die einzige Zugnummer.“ Seine Erwachsenen ertragen Trennungen und Familientragödien, aber das unterscheidet sie nicht groß von den Großstädtern. Die Jugendlichen wollen Aktion, was in den Städten im schlimmsten Fall Drive-by-Shooting ist, ist in Avon Briefkastenbaseball; mit dem Schläger Briefkästen aus dem fahrenden Auto heraus zertrümmern. Für das Zerstören-Wollen, die Wut gegen das Situierte, zeichnet auch O'Nan keine Erklärungen. Aber die Gefühle der Erwachsenen und seiner Heranwachsenden kann er wie kaum ein anderer als zwei Pole darstellen. Und die berechtigte Wut einiger Jugendlicher auf den Polizisten 'Brooks', ein Mensch dessen Leben weniger durch Tun auffällt, denn durch sträfliche Unterlassung.

Auf einer der Ausfallstraßen, die schon in kurviges und hügeliges Gelände übergehen, gibt es einen Baum. Officer Brooks kennt haargenau die Geschwindigkeit bei der man bei nasser, blätterbedeckter Fahrbahn dortige Kurve gerade noch schafft. Genau ein Jahr nachdem dort drei Jugendliche zu Tode kamen, kehren sie als zynische Kommentare abgebende Geister zurück und beobachten die hinterbliebenen Freunde und Verwandten. Die Mutter eines nun schwer behinderten Überlebenden bastelt gerade eine Art Kranz, den sie an den Baum hängen wird. Mit Schellack-Spray überzieht sie Fotos der drei aus einem alten Schul-Journal. Die Geister lachen sich kaputt, aber dem Leser gefriert das Lachen. Auf dem Weg zum Baum wird sich die Mutter fragen, interessiert es irgendjemanden, ob ich das Gedenken pflege oder nicht? Ändert das Trauern irgendwas? Diese metaphysische Frage beantwortet Stewart O'Nan auch in „Halloween“ nicht, aber seine Empathie in Trauernde, die Akribie, mit der er in ihren Alltag geht, drückt seine große Liebe zum Menschen aus. Hier blickt er auf den Zustand nach einem Jahr, in seinem jüngsten grandiosen Roman „Alle, alle lieben dich“ begleitet er die Figuren nach der Tragödie gar für ein ganzes Jahr.

In Bayern gibt es die Marterln an Unfallstellen. Oft steht unter einem Baldachin, der auf etwas Kreuzförmigen befestigt ist, eine Marienfigur. Da fragt man, wer wurde gekreuzigt? Maria oder ihr Sohn? Auch manch Überlebender in „Halloween“ beneidet die Toten. Nicht nur die eine herausgegriffene Mutter mit ihrer nun schwierigen Ehe, mit einem Mann, der auf ganz andere Weise verarbeiten will oder einfach nur vergessen will. Sondern auch der unverletzt Überlebende 'Tim', der absurderweise nicht damit klarkommt, dass er nicht unter den Toten ist. Er schmiedet ein Gedenken eigener Art.

Da braut sich unheimlich was zusammen, aber nicht reißerisch. Die Innenansichten der Figuren können fast quälen, aber das gehört dazu, zu einem O'Nan. Seine Kunst sind gute Bücher, ohne dafür Exzentriker als Figuren hernehmen zu müssen.

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Besprochene Ausgabe: Rowohlt  |  2004  |  256 Seiten  |  Festeinband*  |  € 19,90

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