24.11.2017   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Stewart O'Nan - Letzte Nacht: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Stewart O'Nan - Letzte Nacht: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Letzte Nacht

(2008) - Orig.: Last Night at the Lobster (2007), engl.
Auch Hummer haben amerikanische Träume
Ein Restaurant macht auf, alle arbeiten, und macht zu. Zum letzten Mal. Was für ein Plot. Was für eine Bühne, für einen Mann, der das Leben der sogenannten einfachen Leute einfängt wie kein anderer: Stewart O'Nan.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin * 29.12.2008
Stewart O'Nan - Letzte Nacht
Zoom Stewart O'Nan - Letzte Nacht

Es ist nicht mal Mr. und Mrs. Everywhere in Stewart O'Nan 's Romanen, nicht mal Joe Public, der amerikanische Otto Normalverbraucher, denn dafür bräuchte man regelmäßig Geld, um zu konsumieren. Es sind die Leute, die etwas unter dieser Normalverbraucher-Grenze leben. Die, von denen es auch in Westeuropa immer mehr gibt, die den Deckel Präkariat bekommen haben.
Allein 'Manny' selbst, die Hauptfigur in „Letzte Nacht“, kann man dem Mittelstand zurechnen. Er liegt in der Reibfläche zwischen den Entscheidern in den Vorständen und seiner Schar von 40 festen und freien Untergebenen, die er als Geschäftsführer eines Restaurants der "Red Lobster"-Kette unter sich hat.

Nur eine Schicht im Restaurant braucht Stewart O'Nan, um in die Lebewelt der Angestellten und ihres Geschäftsführers Manny einzutauchen. Allerdings ist es die endgültig letzte Schicht.

1993 erhält O'Nan den William Faulkner-Preis für „Engel im Schnee“. Den Roman können Sie lesen oder auch die DVD der Verfilmung ausleihen, was sehr gut wäre, denn dann hätten Sie auch noch Bilder im Kopf, vom Leben in den Neu-England-Staaten, der einstigen Keimzelle der heutigen USA, mit der spärlichen, ländlichen Besiedlung um die Metropole Boston rum.
Der Winter dort oben, an der Grenze zu Kanada, scheint es O'Nan angetan zu haben, macht er doch die Landschaft gleichförmig und spröde, die Ortschaften schmutziggrau und trostlos. Die Trostlosigkeit dieser Jahreszeit scheint O'Nan 's Protagonisten auf sich selbst zurückzuwerfen und am Rudern um ihre tägliche Existenz verzweifeln zu lassen. Diese Existenz sind bei ihm eigentlich immer zwei Säulen: das Materielle und die Privatheit mit ihren Bindungen und Abhängigkeiten. Doch steht die eine ohne die andere nicht: Oft passt nicht zusammen, was der eine Mensch dem anderen „bieten“ kann, vom Status her. Sei er auch noch ein so lieber Mensch, so muss er seine Träume knicken, weil er für die oder den Angebeteten nicht Versorger spielen kann.

Es schneit zu Anfang von „Letzte Nacht“ auf dem typisch amerikanisch überdimensionierten Parkplatz neben einem Einkaufszentrum und es schneit am Ende. Auf dem Gelände ist auch der "Red Lobster" New Britain, einer von 600 in den USA und Kanada. Okay, die Rezension ist ein paar Tage zu spät, der Roman spielt an einem 20. Dezember. Trotzdem vielleicht gut, ihn "zwischen den Jahren" zu lesen, wenn der Weihnachts-Trubel bereits vorbei ist und die Erwartung des Ungewissen bis Neujahr im Raum steht. Ungewiss ist die Zukunft für neun Zehntel der festen und freien Belegschaft des Red Lobster New Britain. Manny und ein Teil seiner Belegschaft öffnen zum letzten Mal. Der Firmenvorstand hatte die Schließung der Filiale beschlossen.

Es wird kein rührseeliger letzter Arbeitstag mit Romantik der sich betrinkenden Stammgäste oder dem Abschlussbesäufnis der Mannschaft, nachdem die Tür abgeschlossen ist. Red Lobster ist eher anonym; es ist nicht hipp; die Gästeschar ist bunt durchwürfelt, es haftet eben der Geruch einer gesichtslosen Filiale an. Auch die Kameradschaft innerhalb der Belegschaft ist durchaus begrenzt. Man muss bedenken, dass nur für einen Studenten Kneipenarbeit schnelles und einfaches Geld bedeutet, da er keine Sozialabgaben hat. Dann auch noch als junges Gesicht in der Szene-Bar, das hat was, und das soziale Umfeld macht Spaß. Es gibt jedoch die „normale“ Seite von Gastronomie, und die heißt viel knüppeln für wenig Geld und außerhalb jeglicher „Szene“.

Doch auch in dieser eher lose geknüpften Arbeitswelt, deren sich Manny durchaus bewußt ist, gibt es kleine Zeichen von Solidarität. Doch sie sind dünn. Manny hat sich auch immer bemüht, ganz am Rand stehenden Leuten eine Chance zu geben, von denen klar war, dass sie eher Schwierigkeiten machen und Dank nicht zu erwarten ist. Dennoch macht ihm 'Jacquie', eine der länger angestellten, klar, dass einige Kollegen an diesem Abend nur ihm zuliebe überhaupt noch aufgetaucht sind. Einige andere ließen sich nämlich ab dem Zeitpunkt ihrer Kündigungen nicht mehr blicken. So hatte Manny schon befürchtet, den letzten Abend mit zu geringer Belegschaft durchstehen zu müssen.

Der starke Schneefall und das damit verbundene Ausbleiben von Gästen zur Abendschicht wird zur Metapher für zerplatzende Träume. Da sind zum einen die Episoden über die Gäste und die normalen Erniedrigungen, die gerade Manny, als Chef, ertragen muss. Die saturierten Mütter, die ihren tobenden Bälgern keine Grenzen setzen, knauserige Omis, die ihren Spaß in einem Restaurant darin sehen, möglichst viel umsonst zu bekommen, sowie Leute, die es nur aus Verlegenheit ins Red Lobster verschlagen hat. O'Nan zeichnet einen Fluss der Tätigkeiten Manny 's mit seinen eingestreuten Gedanken an private Dinge. Und das mit einer irren Leichtigkeit. Wer noch nie in der Gastronomie gearbeitet hat, wird sich wundern, wieviele Dinge und Kleinigkeiten gleichzeitig wahrgenommen und gesteuert werden müssen. Ein gehöriges Orga-Talent ist von Nöten für die Logistik-Bedürfnisse der Küche, der Bar, des Service-Bereichs und den Smalltalk, während dem man aus den Augenwinkeln heraus anderes observiert und weiterplant.

Manny versucht in Gedanken, den Jahren im Red Lobster eine Bedeutung zu geben, für sich, und vielmehr im Gesamtbild mit den vielen Angestellten, die er kommen und gehen gesehen hat. Eine komplizierte Liebesaffäre fällt in diese Zeit. Man beendete sie mit dem einvernehmlichen „Wir haben alles richtig gemacht.“ Doch der Schmerz bleibt.

Manny hat noch Glück. Er wird Geschäftsführer ein paar Meilen weiter. Sein selbstauferlegter kleiner Teil, die Arbeitswelt erträglicher zu machen, lässt ihn weitermachen, trotz privater Rückschläge.

Auch ein paar andere werden's wohl packen: „Sie lachen mit dem Stolz von Überlebenden, der harte Kern, und Manny ist froh.“ Man ist tief eingetaucht in ihr Leben auf nur 150 Seiten und während einer Schicht.

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Besprochene Ausgabe: marebuchverlag  |  2008  |  160 Seiten  |  Festeinband*  |  € 18,00

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