20.04.2014   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Kritik, Buchbesprechung, Rezension   Stewart O'Nan - Alle, alle lieben dich: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
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- Alle, alle lieben dich

(2009) - Orig.: Songs For the Missing (2008), engl.
Der Anti-Krimi
Eine junge Frau verschwindet spurlos. Ist O'Nan plötzlich unter die Krimi-Schreiber gegangen? Nein, ist er nicht. Er erzählt das, was neben dem Krimi passiert. Und das brillant.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin * 27.01.2009
Stewart O'Nan - Alle, alle lieben dich
Zoom Stewart O'Nan - Alle, alle lieben dich

„Die Conoco-Tankstelle war eine Oase aus Licht. Sie lockte die Autos vom Highway wie die Mücken an [...]“ Es ist der Highway 90 in Ohio und die Landschaft ist in etwa so platt wie Niedersachsen. Nur der See, an dem er entlangführt, hat einen klingenden Namen; Kim, die junge Frau, redet vom Hafen und der Steilküste, und doch ist es nur der Erie-See, einer der Vier Großen Seen, die Kanada von den USA trennen, der als Meer herhalten muss. Hier beginnt der „Mittelwesten“, für dessen Landschaft O'Nan einige Seitenhiebe parat hat, und Fakt ist, dass es das von Touristen am wenigsten besuchte Gebiet der USA ist.

Wir sind in Kingsville, von denen es in den USA eine Handvoll gibt, doch dieses ist ein besonders kleines. Ziel ist, nach der Schule hier wegzukommen, obgleich die pittoresken Viktorianischen Häuser immer billiger zu haben sind. Kim ist 18 und steht kurz vor dem College. Ihr Auto ist eine Chevette. Die basiert auf dem deutschen Opel Kadett C, und wer sich erinnert, kann sich die uralte Gurke vorstellen. Die Schichten ihres Jobs auf der Conoco erledigt sie in zynischer Gelassenheit zusammen mit ihrer besten Freundin. Über die schmerbäuchigen Trucker, die beim Kondom-Kaufen verschwörerisch tun, können sie nur lachen. Es ist Sommer 2005, und der ganze Abschluss-Jahrgang lebt - falls nicht gerade auf Job - am Strand oder am Fluss und feiert.
Kim steigt neben ihre jüngere Schwester zum Autofahren-Üben auf den Beifahrersitz. In USA darf man das. Was ein Kunstgriff O'Nan 's! So führt er uns durch dieses Kingsville, an den pflegeleicht vinylverkleideten alten Häusern vorbei, durch die übleren Viertel hinter der Bahnlinie, wo die Straße aus Backsteinen mit häßlichen Asphaltflecken darauf besteht, zur abschließenden Herausforderung, sich im Dairy Queen, einer Drive-In-Kette, einzureihen ohne anzuecken. Dort auf dem Parkplatz, nachdem sich die Nervösität der kleinen Schwester gelegt hat, erfahren wir zum ersten Mal auch persönliche Dinge. Tja, ein wenig erfahren wir noch im Nachhinein über Kim. Aber jetzt treten die Leute in den Vordergrund, die sie kannten. Kim und die Chevette verschwinden noch am selben Tag.

Tatsächlich spielt Polizeiarbeit eine Nebenrolle in „Alle, alle lieben dich“. Nicht dass O'Nan zu faul wäre, die Stellen, an denen sie vorkommt, sind in seiner üblichen Akribie ausgeführt und zeugen von gründlicher Recherche. Nein, es geht ihm mehr um die Auswirkungen dieses spurlosen Verschwindens auf die Verwandten und die Freunde. Und um das Verarbeiten. O'Nan beobachtet über einen sehr langen Zeitraum, wobei sich Geschehnisse und Zeitlinie verhalten wie eine flacher werdende Exponentialkurve. Man ist die ersten Tage dabei, die ersten Wochen, plötzlich ist Weihnachten... Es geht durch das Innenleben dieser Personen, bei denen der Verlust der Tochter, der Schwester und der Freundin sich einen permanenten Teil des Alltags und der Emotionen greift. Es geht um's Trösten, Hoffen, plötzliche Erinnerungs-Blitze während des Tuns banaler Dinge. Aber auch ganz unsentimental um den uralten Spruch „Das Leben geht weiter“ und dass die Jüngeren es besser und schneller wegstecken als die Alten. Oder doch nicht? Warum werden, wenn auch zögerlich, Kim 's Freund und ihre beste Freundin ein Paar? Doch wohl, weil sie etwas gemeinsam hatten und haben und darüber hinwegkommen müssen. Kim 's kleine Schwester arbeitet sich trotzig ins Erwachsenenalter; klar, sie trauert, aber irgendwie schöpft sie Energie aus dieser ungewollten Emanzipation aus dem Schatten der Schwester. Die Eltern dagegen, sie werden nicht psychisch völlig zerbrechen, aber jedes kleine Glück, jeder ihrer gegenseitigen Liebesbeweise kann in Tränen umschlagen...

Lassen Sie sich Zeit beim Lesen dieses Buches. O'Nan 's Akribie, etwa bei den Flugblätteraktionen, der Arbeit auf den Selbsthilfe-Seiten im Internet zu Vermissten, dem schwierigen Verhältnis Polizei und Angehörige, den stabsmäßig geplanten Suchaktionen mit den Nachbarn und Freunden - man mag dort Spannung vermissen; aber was erhält man doch im Gegenzug Wissen über US-Amerika und über O'Nan 's fiktive Personen! Manche Autoren quälen den Leser, um Quälendes darzulegen. O'Nan 's Prosa dagegen ist immer Balsam für den Leser, wappnet ihn und lehrt ihn vielleicht sogar, mit dem Schrecklichen umzugehen.

Zur typischen O'Nan-Stimmung gehört mal wieder viel Baseball - keine Angst, nicht das Beschreiben des Spiels selbst - sondern das Brimborium drumherum, mit den Ritualen und Gesten, die sich für einen Nicht-US-Amerikaner wohl nie komplett erschließen werden und für immer absurdes Faszinosum bleiben müssen.
Aber während die Band spielt, können herrlich Gedanken weitertreiben, die der Figuren und die des Lesers.

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Besprochene Ausgabe: Rowohlt  |  2009  |  410 Seiten  |  Festeinband*  |  € 19,95

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