Heldengeschichten aus einem gewonnenen Krieg dürfen erzählt werden. Doch egal wie ehrenvoll das Handeln, auf die Frage der kleinen Tochter, ob er getötet habe, reagiert auch Vater 'Beuzaboc' ausweichend mit einem Lächeln. Die Lizensierung des Tötens erhält zu Friedenszeiten schnell etwas Fadenscheiniges. Alles drumherum erzählt Beuzaboc - diesen Codenamen innerhalb einer der zahlreichen Regionalgruppen der Résistance behielt er bei - bis ins Alter immer wieder in leuchtenden Farben. Die doppelt geschlagenen Soldaten einer Verliererpartei können meist gar nicht reden und schleppen ihr Trauma mit ins Grab. Doch auch auf Siegerseite herrscht ein Opportunitätsdruck, wie Sorj Chalandon mit seinem "Die Legende unserer Väter" zeigen wird: Man muss dabeigewesen sein!
Nach dem Friedensschluss in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs, habe plötzlich jeder ein Trikolore-Band am Arm gehabt und Heldentaten vollbracht in der Turma-Vengeance, der Franc-Tireur, der Combat, FTP-MOI, Carmagnole-Liberté oder der Groupe du Musée de l'homme. Sagt so Beuzaboc, und es klingt nach Rechtfertigung, denn diesmal hat er einen kritischen Zuhörer: Tochter 'Lupuline' hat einen Auftrags-Biografen engagiert, der zum 84sten Geburtstag des Alten dessen Leben zwischen zwei Buchdeckeln präsentieren soll. Doch Biograf 'Marcel' ist auch Ex-Journalist und Quellenforschung ist ihm ein Leichtes. Schnell fallen ihm Ungereimtheiten in den seltsam steif vorgetragenen Erinnerungen auf, die er sich in jeweils einstündigen Sitzungen anhört. Er muss sich in ein ungewohntes Spannungsfeld begeben, das sich aus der tatsächlichen Zugehörigkeit des eigenen Vaters zur Résistance nährt und dem Drängen der Tochter Beuzaboc's, doch nicht alles so genau zu nehmen.
Da haben bis auf den Biografen und die Tochter des Alten alle anderen Personen zwei Namen: ihren Code aus Kriegszeiten und ihren bürgerlichen. Im Leben nach dem Krieg mischen sich diese, lebt auch der Codename weiter bis der einstige Kämpfer ins Grab geht, lebt lange schon nur noch der Codename in der Erinnerung, falls der Held schon im Kampf fiel, und mischen sich die Identitäten im Kopf des Lesers. Und die Mischung erfüllt ihre Funktion in der Geschichte von "Die Legende unserer Väter", lässt sie doch Zweifel aufkommen an den erhabenen Doppelleben ihrer Protagonisten. Wieviel ist die Fiktion in der Fiktion des Sorj Chalandon mit ihren unzuverlässigen Erzählern?
Sehr schnell informiert Chalandon respektive Biograf Marcel den Leser, dass der alte Beuzaboc Erinnerungen von jemand anderem geklaut haben muss oder sie sich vor dem Hintergrund realen Zeitgeschehens zusammengezimmert haben muss. Daraus ergibt sich auch das literarische Manko des Buches. Dies einmal offensichtlich, macht es eben nur noch begrenzten Lesespaß, sich die steif ersponnenen Geschichtlein des Alten anzuhören. Ihnen fehlt ja eben die Authentizität, weil sie gar keine haben können. Etwas Spannung resultiert noch aus der Erwartung, wie, mit welcher Technik, der Biograf den Lügner überführen wird - oder es gut sein lassen wird, mit Rücksicht auf die Tochter. Doch auch das wird Sorj Chalandon nicht allzu trickreich lösen.
Stärker als die Erzähltechnik ist die doppelte Frage nach Motivationen und Zwiespalten: denen des Biografen und denen Beuzaboc's. Warum lässt sich Beuzaboc überhaupt ein, auf die Interviews mit dem Biografen? Hier spielt Chalandon mit einem Pendeln zwischen Facetten, das von dem Wunsch, in der Tochter nochmals das Bild des Vaters zu stärken und zu erhalten bis zum genauen Gegenteil reicht: erwischt werden zu wollen und mit reinem Gewissen den 84sten Geburtstag zu begehen. Der Druck, die zukünftige Familiengeschichte mit der Feder in der Hand beeinflussen zu können, lässt Biograf Marcel wohl manchmal wünschen, er wäre Journalist geblieben ...
Besprochene Ausgabe: dtv premium | 2011 | 200 Seiten | Broschur* | € 14,90
Twittern
1. Manfred Rumpl: Das weibliche Element - Sechs Stories (2012)
2. Bettina Balàka: Kassiopeia (2012)
3. Virginie Despentes: Apokalypse Baby (2012) - Orig.: Apokalypse Bébé (2010), französisch
Pierre Wazem, Tom Tirabosco:
Im Dunkeln
Avant-Verlag, Broschur
Toine Heijmans:
Irrfahrt
Arche, Festeinband
Virginie Despentes:
Apokalypse Baby
Berlin Verlag, Festeinband
Florian Scheibe:
Weiße Stunde
Luftschacht, Festeinband
sf magazin lebt von Werbung. Sie haben keine Berechtigung, diese Site mit eingeschaltetem Ad-Blocker (Werbeblocker) zu surfen!
>>> Mehr Info ...