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- Fegefeuer

(2010) - Orig.: Puhdistus (2008), finnisch
Fliegen aus dem Fleisch
Immer wieder überleben in Sofi Oksanens „Fegefeuer“ die estnischen Fliegen. Ganz wie die Hauptfiguren, zwei Frauen, eine alt, eine jung, die Wege suchen, das erlittene Martyrium von Vergewaltigung und seelischer Verletzung zu überstehen. Hier brennt ein Szenenfeuer, das bis in die Träume dringt.  Von Patrizia Kleinheinz - sf magazin 23.08.2010

Bereits die ersten Seiten des in Nordeuropa mit Preisen überhäuften „Fegefeuer“ der jungen finnisch-estnischen Autorin verraten sich mit auffällig szenischer Qualität: Ein Bühnenstück steckt hier dahinter. Tatsächlich hat Sofi Oksanen „Puhdistus“, so der Originaltitel der finnischen Ausgabe, was so viel wie sich reinigen, säubern bedeutet, zuerst als Drama verfasst. Daraus entwickelte sie dann den vorliegenden Roman, der durch die Präsenz seiner Szenen und Figuren besticht.
Während jedoch „Puhdistus“ unmittelbar auf die Stalinistische Säuberungs- und Deportationspolitik nach Sibirien, der tausende von Esten zum Opfer gefallen sind, Bezug nimmt, hält sich die deutsche Übersetzung an das christliche Reinigungsinstrument der Sünden, und titelt mit „Fegefeuer“ kryptischer.

Ein beschauliches Dorf in West-Estland 1992. Seit einem Jahr ist es nicht mehr unter Sowjetbesatzung und die Estin 'Aliide Truu' hat in ihrem Familienhaus all die ereignisreichen Jahre überlebt. Gerade jagt sie eine Fleischfliege, das tut sie oft und nahezu besessen, als sie auf ihrem Hof ein klebriges, zerzaustes Bündel entdeckt. Es ist die junge, vor ihren russischen Zuhältern fliehende 'Zara', die mit ihrem geschundenen Körper und ihren verunsicherten, animalischen Regungen in Aliide Erinnerungen an eigene Misshandlungen und damit auch Abscheu und Aggression hervorruft.

... die Schreie von vorhin klangen Aliide immer noch in den Ohren, wurden von einer Seite ihres Schädels zur anderen reflektiert, rotierten hin und her und riefen etwas viel Älteres in Erinnerung. Ein Mensch bringt überraschend ähnliche Töne hervor, wenn sein Kopf oft genug unter Wasser gedrückt wird. Es war diese gewisse Nuance gewesen, die in der Stimme des Mädchens gelegen hatte. Darin hatte Prusten, Ersticken, Verzweiflung gelegen. Aliide tat die Hand weh. Das kam vom Verlangen, das Mädchen zu schlagen.

Trotz des Unbehagens, das die stets misstrauische doch angepasste Dorffrau empfindet, nimmt sie dieses ihr unbekannte russische Mädchen in ihr Haus. Deren holprig altmodisches Estnisch erweckt zudem Aliides Neugierde. Dass es Zaras Ziel gewesen ist zu ihr, Aliide, zu fliehen,weiß die alte Frau nicht.

Gekonnt springt die Autorin zwischen den zwei bedeutsamen Zeitperioden Estlands, 1939-51 und 1991-92, vor und zurück. Sie entblättert dabei Szene für Szene die Vergangenheit von Zara und Aliide und auf diese Weise ein estnisches Familienschicksal, das geprägt ist von Liebe, Hoffnung, Angst und Erniedrigung. Emotionen, die jedoch versteckt und unterdrückt werden müssen, so wie das sowjetische System Estlands Freiheit unterdrückt hat.
Sich aus dem Körper zurückzuziehen, fliehen mit der Aufmerksamkeit auf das Wesen eines Insektes, einer Fliege, ist hier ein nicht wirklich erleichternder Ausweg und doch für viele, so auch für beide Frauen, oft der einzige. Wenn erniedrigende und gewaltsame Erfahrungen bei Aliide und ähnlich, Jahre später, bei Zara zu einer Wut führen, die selbst Verbrechen nicht scheut, ist das für den Leser als Akt verzweifelter Aggression nachvollziehbar. Die Wut - fast körperlich spürbar.

Mit ihrer eindringlichen Sprachmelodie, je nach Erregungszustand der Figuren mal im Legato mal im Staccato, führt Oksanen den Leser in die Empfindungen und Abgründe ihrer Figuren hinab. Gefühle des Ekels werden geweckt und sind doch natürlich und erträglich. Und selbst pornographische Darstellungen erscheinen auf diese Weise zwar brutal, aber notwendig. Sie wagt sich an die Körperlichkeit und die Sinne heran, "Der Schweiß quatschte ihr in den Achselhöhlen und sie wischte sich die Oberlippe mit der Hand trocken", findet ungewöhnliche Beschreibungen "[...] und als Aliide den Tisch deckte, hatte jedes Messerklappern und Tellerpoltern vor Hohn geklirrt", und verliert darüber aber die gesellschaftliche Ebene ihres Romans nicht aus den Augen.

Sofi Oksanen nimmt zahlreiche Symbole über die Kapitel hinweg mit, reichert sie mit Bedeutungszuweisungen an, verdichtet sie und steuert damit auf fast unbewusste Tiefen zu. Motive, manchmal fast märchenhaft, wie beispielsweise eine kunstvoll bestickte Hochzeitsdecke oder Wasser, Feuer, Erde, Kräuterelexiere und immer wieder die Fliegen, die aus totem Fleisch erwachsen, weben sich als Metaphern in die Geschichte der Familie, in die Schicksale der Frauen ein.
Das Einwecken von Gemüse, das Beobachten der Fliegen, das Räuchern oder das Verbrennen von Gegenständen wiederholen sich als Handlungen und strukturieren den Roman so maßgeblich mit. Teilweise finden sie darüber hinaus als abergläubische Vorgänge in der ursprünglichen estnischen Landkultur ihre Rechtfertigung und bilden als solche einen Gegensatz zum rationalen kommunistischen Gedankengut der Sowjetunion.

Der Roman „Fegefeuer“ erweckt gewiss eines nicht: den Eindruck der Oberflächlichkeit. Vielleicht mag es jedoch dem ein oder anderen Leser zu viel sein, wenn auch kleinste Motive symbolisch aufgeladen werden. "Die größte Tomate war so groß wie zwei Fäuste, die kleinste wie ein Esslöffel, und alle strotzten sie vor Überreife , aus den Rissen troff der Saft."
Und vermutlich hätten sogar weniger Fliegen, beziehungsweise deren Eier dafür ausgereicht, dass sich Sofi Oksanens Werk in so manche Träume einnistet.

Besprochene Ausgabe: Kiepenheuer & Witsch | 2010 | 400 Seiten | Festeinband* | € 19,95
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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