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- Die Illusion des Getrenntseins

(2014) - Orig.: The Illusion of Separateness (2013), engl.
Kleines Buch des Ganzen
Weniger das in der Literatur überstrapazierte Suchen nach Identität anhand der Wurzeln zelebriert der US-Amerikaner Simon van Booy, sondern die Freude an den Zufällen, die einem das Leben schenken.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 12.04.2014
Simon van Booy - Die Illusion des Getrenntseins
Zoom Simon van Booy - Die Illusion des Getrenntseins

In einem mehr auf Schauwerte angelegten youtube-Video erläutert Autor Simon van Booy seine Inspiration für "Die Illusion des Getrenntseins" durch einen buddhistischen Mönch. Im "Netz des Lebens" seien wir alle untereinander verbunden, auf Wegen, die wir gar nicht wirklich verstehen könnten. Ja, "understand", sagt van Booy wirklich. Etwas wie "ermessen" wäre die richtigere Formulierung. Denn rein biologisch ist das ja nicht schwer zu verstehen, unser Verwandschaftsnetz, das sich seit Urzeiten aufgebaut hat, oder die berüchtigte statistische Formel, dass wir über weniger als sechs Ecken jeden anderen Menschen auf diesem Planeten "kennen". Und dabei ist freilich auch van Booy klar: Wir müssen versuchen, uns auf den winzigen Bruchteil der uns Nahestehenden zu konzentrieren, versuchen, wenigstens diese Wenigen näher kennenzulernen und mit ihnen verlässlich zu interagieren. Was da an Gegebenheiten und Verknüpfungen in andere Länder, andere Zeiten, andere Sitten nebenher existiert, das schnappen wir manchmal durch Zufall auf, freuen uns drüber, und haben doch nicht die Zeit, das alles zu verfolgen und zu manifestieren. Das weiß auch Simon van Booy und so ist ihm nur daran gelegen, dass wir uns zumindest bewusst machen, dass es fernab unseres konkreten Alltags einen Fluss an Geheimnissen gibt, in die wir eingebunden sind.

Nur Splitter von dem, was seine eine Handvoll Figuren in "Die Illusion des Getrenntseins" umgibt, will und kann van Booy in seinem Büchlein - 200 Seiten - wiedergeben, wie er sagt. Da stapelt er tief, denn er tut es effizient, komprimiert, lyrisch und in allem einfach schön.

Esoterik oder Buddhismus braucht nicht bemüht werden, um die Verflechtungen zu genießen, um den US-Piloten 'John', der, kaum verlobt mit 'Harriet', 1943 in den europäischen Krieg ziehen muss, den geheimnisumwitterten 'Monsieur Hugo' mit dem entstellten Gesicht, um die Enkelin von John oder um den Bäckermeister 'Martin', der im Los Angeles von 2010 in zweiter Generation das Geschäft seiner Eltern führt, die einst aus Paris hierhin zogen.
Kapitelweise getrennt - und doch verbunden - berichten van Booy 's Schützlinge auf herausgegriffenen Punkten dieses Zeitpfeils, der vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart reicht. Und, man ahnt es schon, die sich nicht immer ihrer Schicksalsbündnisse bewusst sind.

Da stehen die verträumten poetischen Erinnerungen der Enkelin neben den knallhart hyperrealistischen Kriegsschilderungen von John. Und doch umfängt beide Stimmen in diesem Buch ein versöhnlicher, einlullender, manchmal fast kinderreim-artiger Grundton. Gegen Ende eines Kapitels verkneift sich Simon van Booy meist nicht einen auf den ersten Blick vermeintlich ins Zusammenhanglose platzierten Satz, den man erstmal gemächlich zerpflücken muss. Etwa: "Verlangen wird besänftigt durch die Erinnerung an die Befriedigung", oder "Unsere Leben sind verschieden, glaubt Martin, aber am Ende fühlen wir alle das Gleiche und bereuen die Angst, von der wir dachten, dass sie uns stützt."

Die großen Geheimnisse sind da - nur werden wir sie oftmals nie erfahren. Das kann jeder, gerade am Beispiel des letzten großen Krieges, ganz einfach bei den Verwandten überprüfen: Hat Opa, Großonkel jemals was Konkretes von der Front erzählt? Nein. Damals gab es eben keine PTBS-Behandlungen, die Traumata gehen mit ins Grab. Also müssen die Schriftsteller diese Geheimnisse erzählen. Aufgeschnappt, von den wenigen, die doch etwas erzählten, und stellvertretend für die psychisch Versehrten, die stumm blieben.

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Besprochene Ausgabe: Insel  |  2014  |  207 Seiten  |  Festeinband*  |  € 18,95

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