Die lebensechteste Figur in "Ein toter Lehrer" ist ein Typus, den jeder kennt: Nazi-Sportlehrer 'TJ', freilich im metaphorischen Sinne, für den körperlich minder begabte Schüler lebensunwert sind, der Rest des Lehrerkollegiums "Schwanzlutscher" und Frauen sowieso eher Untermensch. Als Zweitfach hat so einer was Naturwissenschaftliches, bloß nichts zu Intellektuelles. TJ explodiert, als beim Kennenlerngespräch mit dem neuen Lehrer 'Samuel' dieser ihn als Lateinlehrer einschätzt. TJ wird fortan die Mobbing-Front gegen den Neuen anführen, vielmehr ist er die einzige Spitze, der Rest lacht mit über die üblen Scherze, die er mit Samuel treiben wird, macht sich schuldig dadurch, nicht selbst gemobbt, aber auch keinen Einhalt geboten zu haben.
An Front der Londoner Polizeiabteilung, die schon bald am Tod des Neuen ermitteln wird, eröffnet Simon Lelic einen Parallelstrang mit Chief Inspector 'Cole' und Polizist 'Walter', die beide der mit dem Fall betrauten Kollegin 'Lucia May' das Leben schwermachen. Während dem Chief einzig allein am Ruf seiner Polizeistelle, am Ruf der betroffenen Schule und seiner Verflechtungen mit der Wirtschaft des Distrikts gelegen ist, tut sich Walter als selbstgefälliges Großmaul und Frauenhasser hervor. Genauso wenig wie Direktor oder Lehrer besagter Schule, tuen Chief oder Kollegen von Ermittlerin May etwas gegen das Mobbing.
Groß ist die Authentizität, die der 1976 geborene Simon Lelic in die Wortwahl, explizit Schimpfwort- und Spitznamen-Wahl der Schüler legt. Durch die behutsame Übersetzung bleiben Konnotationen erhalten. Etwa die Spiele, die die Schüler mit dem Namen des bald toten, polnisch-stämmigen Lehrers Samuel Szajkowski anstellen. Sie husten beim Aussprechen in der Mitte des Namens, der sich auch als englisch cough aussprechen lässt und fügen natürlich ein englisch shite, Scheiße, davor. Sportlehrer TJ gibt sich gern als Kumpel der Schüler auf Augenhöhe, ohne zu merken, dass die das merken, und er sich selbst zum Affen macht. Wollen sie ihm schmeicheln, nennen sie ihn tatsächlich TJ - der Direktor toleriert die unorthodoxe Anrede als Ausnahme, da TJ die Schüler immerhin augenscheinlich im Griff hat -, doch eigentlich ist er "Titten-Jones", "TeJakulator", "Tripper-Johnny" oder für eine Lehrerkollegin "Waschbrettbauch und ein Paar Shorts. Im Oberstübchen spielt sich bei dem nichts ab."
Beim Amoklauf Samuels sterben drei Schüler, eine Lehrerin und er selbst. Aber auf wen hatte es der ungeübte Schütze mit seinem antiquierten Revolver eigentlich wirklich abgesehen? Ermittlerin Lucia May wird das gegen Ende wissen. Indem sie sich neben dem Amoklauf mit einem weiteren systembedingten Todesfall beschäftigt. Der erst macht den schon tiefen Abgrund, in den der Leser von "Ein toter Lehrer" schaut, unendlich.
Tonbandaufnahmen der Vernehmungen May's wechseln sich mit echter Erzählzeit ab. Das entstehende Mosaik ergibt ein Bild aus Vertuschung, Verzweiflung, Unmenschlichkeit und Ignoranz. Zweifellos war Lehrer für den linkischen, auf andere fälschlicherweise arrogant und unnahbar wirkenden Samuel der falsche Beruf. Doch ist er gleichzeitig der Einzige, der schüchtern gegen die vom Direktor gesteuerte darwinistische Menschensicht auf Kollegium und Schüler, die Formen von Hilfeleistung automatisch untergräbt, angehen möchte. Dabei wird aus dem von der Öffentlichkeit als "Monster" wahrgenommenen Samuel kein ausgesprochener Sympath, doch das Ausmaß der Schuld Beteiligter zeigt Simon Lelic mit Bravour.
Besprochene Ausgabe: Droemer | 2011 | 352 Seiten | Festeinband* | € 16,90
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