Shumeet Baluja - Silicon Jungle: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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23.02.2012   > Impressum   > Mediadaten  
 
 
 
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- Silicon Jungle

(2012) - Orig.: The Silicon Jungle: A Novel of Deception, Power, and Internet Intrigue (2011), engl.
Der Schuster und seine Leisten
Man könnte die "Rule 34" (If it exists, there is porn of it on the internet) anwenden auf Datenbegehrlichkeit: Ist Zugriff auf Daten da - und seien es vermeintlich harmlose, wie unsere täglichen dutzende Suchmaschineneingaben -, werden sie missbraucht werden. Google-Chefentwickler Shumeet Baluja übt sich zu diesem Thema als Thriller-Autor.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 24.01.2012

Zudem ist Shumeet Baluja Dozent am Robotics Institute in Pennsylvania, also quer über den Kontinent, vom Silicon Valley, Kalifornien, aus betrachtet, wo Google sitzt. Egal, ob ihn seine Studenten nur einmal pro Semester sehen oder nur über Video, versetzt ihn seine Tätigkeit jedenfalls in die Lage, dem Leser seines Erstlingsromanes Tech-Babble zu ersparen. Denn dass jeder Klick im Netz und jede Formulareingabe mehrfach aufgezeichnet wird und ihr Scherflein zu einer immer feinziselierteren Datenwolke beiträgt, hat sich spätestens 2011 dank fleißiger Regierungsarbeit selbst beim letzten deutschen DAU (Dümmster Anzunehmender User) rumgesprochen. Wie nun aus dieser Datenwolke Verhaltens-Vorhersagen vor allem für die Werbebranche - und schlimmeren Branchen, wie Baluja behaupten wird - gefiltert werden können, entzieht sich hingegen der Vorstellung, falls man nicht gerade Mathe oder Informatik studiert hat. Baluja schafft es, das anschaulich zu machen, während "Silicon Jungle" insgesamt, egal ob als Thriller oder Roman betrachtet, zu wenig Schwung hat und seine Figuren eher als Scherenschnitt vorliegen denn plastisch.

"Ubatoo"-Praktikumsbewerber 'Stephen' - nicht nur das Doppel-O hat die fiktive Firma mit Google gemeinsam - muss im Test eine typische Data-Mining-Aufgabe lösen. Die ist vielleicht ein bisschen überzogen, zeigt aber ganz gut, wo die Reise hingeht: Er kriegt 50.000 Datensätze zur Verfügung gestellt, von Nutzern, die auch den EMail-Account von Ubatoo nutzen, die Kalenderfunktion, den Social Media Account etc., plus, selbstredend, die eigentliche Suchmaschine. 38 Nutzer kauften kürzlich Autos mit einem Preis höher 161.000 Dollar. Stephen's Aufgabe: Finde die nächsten 38!

Klar, das Buch wäre schon zu Ende, würde es Stephen - fortan Hauptfigur - nicht schaffen. Als neuer Praktikant darf er schon bald bei einem Firmen-Essen der Chefin von Aston Martin, einem der Werbekunden von Ubatoo, die Hand schütteln. Doch als genialer Statistiker und Programmierer wird der ansonsten ziemlich naiv angelegte Charakter über Mittelsmänner auch von finsteren Mächten umworben. Denn er sitzt am größten Datentopf der Welt und Shumeet Baluja 's Anliegen ist wohl, aufzuzeigen, dass es gar nicht mal vollausgebildeter umgedrehter Insider in einer Firma bedarf, um Daten-Missbrauch zu betreiben. Schade dabei, dass es dann doch wieder nur um das US-amerikanische Trauma Terrorismus gehen wird, dem Schwanken auf dem Grat zwischen Sicherheitsvorsorge und der Vorverurteilung à la "Minority Report". Spektakulärer wären wirklich die Implikationen auf den ganz normalen Gläsernen Bürger und Konsumenten gewesen, als auf Terroristen, die sicherlich schon längst wieder zum ganz normalen Papierbriefeschreiben und Tauben übergegangen sind. Auch wenn Shumeet Baluja die Selbstausbeutung in der New Economy beschreibt - hervorragendes Essen und sonstige Infrastruktur sind rund um die Uhr da plus die ganzen sublimen Motivationstricks, die bewirken, dass man kaum nach Hause geht, sondern in der Firma quasi lebt -, weiß man kaum, ob er dazu selbst einen gesunden Abstand hat, ob er als Chef von Google/"Ubatoo" durchsetzen würde, dass seine Leute wirklich um 18 Uhr nach Hause gehen, bevor sie nie im Leben lernen, wie man ein Spiegelei macht. Baluja ist Teil des umsatzstärksten Werbeunternehmens der Welt: Google. Vor diesem Hintergrund möchte man zu diesem zwar aufklärerischen, aber erzählerisch mittelmäßigem Thriller fast sagen: Schuster, bleib lieber unverlogen bei deinen Leisten.

Besprochene Ausgabe: suhrkamp nova | 2012 | 370 Seiten | Broschur* | € 14,95
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel


 

 

 
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