
Können Sie eine Erstausgabe von "Light Boxes", so der Originaltitel, des Kleinverlages Genius Press Ihr eigen nennen, so wird die mittlerweile mit rund 200 Dollar gehandelt. Das kleine, auch im Deutschen als "Thaddeus und der Februar" nur 175 Seiten umfassende Büchlein mit dem vielen Weißraum, der manchmal Schwitters-artigen Typografiegestaltung und einigen Illustrationen genießt Kultstatus.
Shane Jones ' Phantastik-Novelle ist im Original stilistisches Kleinod mit freier Syntax und Stakkato-Sprache. Die mäßige deutsche Übersetzung transportiert dies leider nur im Ansatz. So müsste jetzt die banale Empfehlung kommen, die man für jedes fremdsprachige Buch äußern könnte: Sind Sie des Englischen mächtig, etc. ... Das ist in diesem Falle nutzlos. Eine englische Neuauflage in einem großen Verlag erscheint erst Mai 2010, eine unpassende Jahreszeit für dieses Buch, in dem die Bewohner eines namenlosen Dörfleins den Februar bekämpfen!
„Thaddeus und der Februar“ erzählt die surreale Geschichte dieses Kampfes gegen den seit hunderte Tage andauernden Februar. Es taucht ein, in eine Atmosphäre des Ausharrens und des enger Zusammenrückens in einem lähmenden, kältestarrenden Zustand. Es hat eine Handvoll von Figuren, die zu so einem Abenteuer dazugehören - den Helden 'Thaddeus' natürlich, einige genauer skizzierte Mitstreiter, die heldenhafte Familie Thaddeus', insbesondere die Tochter 'Bianca' - sowie eine Schar skurriler Gruppen, etwa die Männer von „Der Ausweg“, eine Art Revolutionsgrüppchen, mit ihren Vogelmasken, die Gilde der Ballonfahrer, obskure Priester und schließlich die Katakomben-Kinder, die sich nicht unterkriegen lassen und schnell die Gewieftheit der Erwachsenen entwickeln müssen.
Und natürlich der Februar! Zuerst unter einer zweifelhaften Identität eines Mannes - und seiner Familie -, der „am Waldrand“ lebt, ein Ausgeschlossener von Anfang an, eine Randgruppe symbolisierend. Doch er wird fälschlich beschuldigt...
Alles dreht sich ums Fliegen in dieser archaisch anmutenden Gemeinschaft: Die Kinder sind hauptsächlich mit Drachen steigen lassen beschäftigt und die Ballonfahrer selbstredend mit Ballonfahren, obgleich Ursache und Wirkung bei Shane Jones nicht immer gegeben sein müssen; man erfährt kaum, ob sie lebensnotwendig ist, diese Fahrerei. Vielleicht ist sie Shane Jones' Metapher für Gedankenfreiheit. Doch auf so eindeutige Verweise und Bedeutungen wartet man bei ihm vergeblich. „Thaddeus und der Februar“ stellt sich das nicht als Aufgabe. Es ist eine Fingerübung im Phantastik-Bereich und will nicht mehr sein.
Alle Flugbemühungen erlahmen aufgrund zu großer Kälte. Man nimmt den Kampf auf, „Krieg dem Februar“ ist von nun an die Parole. Mit überlangen Stangen versucht man die dunkelgraue Wolkendecke zu durchstoßen, aus Holz und Glühbirnen gebaute Leuchtkästen werden eine Bedeutung haben und mit Massen erhitzten Wassers versucht man, dem Februar den Garaus zu machen. Sogar die Tunnel-Kinder erstellen einen genialen Kriegsplan. Man merkt schon, Shane Jones ' Welt weicht um einiges physikalisch von unserer gewohnten ab.
Das kommt lyrisch frei und nicht immer formal korrekt daher. Shane Jones schrieb bis dato Kurzgeschichten und Gedichte. Der vermeintlich einfache, banale Duktus stellt sich stellenweise als hocheffektiv heraus. Jones schafft damit, den grauen, zähen, nicht enden wollenden Zustand seiner in Trostlosigkeit getauchten Phantasie-Stadt vorstellbar zu machen, ebenso wie die aufkeimenden Hoffnungen und Lichtblicke der Bewohner. Endzeitstimmung und ein warmes Mitgefühl entwickeln sich beim Leser, kann er doch zuhause im Warmen das Buch lesen, während Jones' Figuren sich um Feuer scharen müssen oder hinter eisverklebten Fensterscheiben hocken müssen.
Die formale Originalität von „Thaddeus und der Februar“ wird aber begleitet vom Gefühl, der Geschichte oder Fabel - wie immer man es nennen mag - keinen allzu großen Gehalt abringen zu können. Im Sammelsurium an Kuriositäten und den nur angerissenen Figuren fehlt doch ein wenig die Kohärenz. Viele Dinge sind sicher als Metaphern gedacht, sind aber zu frei interpretierbar, und dabei nicht faszinierend absurd genug, um einfach für sich als Element stehen zu können.
Regelrechte Fehler in der Übersetzung, wie etwa bei
They held hands
They formed dozens of circles around their deflated smoldering balloons. Balloons silken globes the colors magenta grass green and sky blue were mud strewn wet with holy water and burned black through the stitching.
in
Sie fassten sich zu Dutzenden bei den Händen
und bildeten Kreise um ihre zusammengefallenen, schwelenden Ballons. Seidene Globen aus Magenta Grasgrün Himmelblau. Schlammbespritzt, durchnässt vom Weihwasser, mit schwarz versengten Nähten.
und die ebenso mäßigen Illustrationen kommen traurigerweise hinzu.
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Besprochene Ausgabe: Eichborn | 2010 | 176 Seiten | Festeinband* | € 16,95
* Festeinband: harte Buchdeckel
/ Broschur: weiche Buchdeckel
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