
Dabei geht es ihr nicht hauptsächlich darum, vorehelichen Sex zu propagieren, sondern die Auswirkungen der Ungleichbehandlung aufzuzeigen, der zwischen Jungen - denen Eroberungen eher nicht übel genommen werden und mit denen sie sogar protzen können - und Mädchen - denen daraus der Status Schlampe, Hure, in unserem Land „Deutsche“ und sogar der Tod droht. Basierend auf menschenrechtlichen Aspekten, einer „Universalität der Menschenrechte“, die unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Religion ist, fordert sie sexuelle Selbstbestimmung. Zudem setzt sie eine Korrelation zwischen dem Ausschluss muslimischer Frauen aus Bildung und Arbeitswelt zur wirtschaftlichen und technologischen Rückständigkeit vieler islamischer Staaten, zeigt aber auch zaghafte positive Entwicklungen.
Sie rollt in einer breiten Passage die Rolle der deutschen 68er auf, selbst ist sie seit 1969 in Deutschland. Leicht vom Thema abschweifend, doch mit der Intention, allen heute Lebenden die gesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten aufzuzeigen, die auf die 68er zurückzuführen sind, zeichnet sie Verdienste und Irrtümer. Aber hauptsächlich geht es ans Eingemachte, mit Hilfe Ateş ' fundiertem Koran- und Hadithenwissen (Überlieferungen), ihrer Arbeit als Anwältin und für das Buch geführter Interviews und Email-Korrespondenzen.
Früheste Erinnerungen Ateş ' bergen das Fest der Beschneidung für ihre Brüder in der Türkei, die vorher wie kleine Prinzen in einer Art Uniform abgelichtet werden und das stolze Umsorgen danach, wenn sie mit einem speziellen Nachthemd im Bett kuriert werden. Die Vagina dagegen habe dagegen fast ausschließlich mit dem Begriff „ayıp“, unanständig, zu tun, mit Scham und Schande. Die Frage trieb sie um, warum das Geschlechtsteil der Jungen fast angebetet wurde und das ihre nur Abwertung erfuhr.
Dass Jungfräulichkeit bis zur Ehe verlangt wird, ist kein Spezifikum des muslimischen Kulturkreises. Doch sieht Ateş etwa im Vergleich zur rigiden christlichen Sexualfeindlichkeit in Deutschland bis in die 60er den Islam als Religion, die Sexualität als natürliches Bedürfnis in ihren Schriften ausdrücklich betont, also die Lust weckt, nur um sie dann zu unterdrücken, um ein Machtverhältnis aufzubauen, allerdings mit fatalen psychologischen Folgen nicht nur für die Frauen, sondern auch für Männer, wie sie in einem - wenn auch kürzeren - Abschnitt erläutert. Bei dieser Lustbetonung fällt den Frauen klar die passive Rolle zu, sie hat zur Verfügung zu stehen und Lust zu geben, auch wenn sie keine Lust hat. Einen anderen Rahmen als die Ehe gibt es für Sex ausdrücklich nicht.
Wie kann es rein rechnerisch übereingehen, dass muslimische Männer voreheliche Jungfräulichkeit verlangen, selbst wenn sie selbst schon Erfahrungen gesammelt haben? Kein Mann, schreibt Ateş, würde auf den Gedanken kommen, dass er seinen Penis durch den Akt dauerhaft als unrein betrachten würde.
Vielen deutschen muslimischen Eltern gehe es bei ihren Vorbehalten gegen deutsche Schulen gar nicht um rein Religiöses, sondern um vermeintlich verderbliche sexuelle Moralvorstellungen, mit denen die Kinder nicht in Berührung kommen sollen. „So wachsen auch die Nachkommen der muslimischen Zuwanderer in Europa mit der Vorstellung auf, sie müssten sich vom Westen abgrenzen, weil der Westen unmoralisch sei.“ Mädchen hörten zuhause, dass die deutschen Mädchen unmoralisch erzogen würden. In der Schule erlebten sie sie aber als ganz normal, trauten sich zuhause aber nicht darüber zu sprechen.
Auch das Lehrpersonal entziehe sich nicht der sexualisierten Betrachtung, und so würden Lehrerinnen selbstverständlich von muslimischen Jungen als Schlampen oder Huren betitelt, wenn sie versuchen, ihre Autorität durchzusetzen.
Die gewaltsame Unterdrückung von Sexualität fördert laut Ateş Zustände wie Zwangsheirat, eheliche Gewalt und Ehrenmorde und auch die unschmeichelhafte Google-Studie, wonach nirgendwo auf der Welt so oft im Internet nach Kinderpornografie gesucht wird wie in der Türkei. Beim Thema Kopftuch lässt Ateş nicht eine einzige gängige Rechtfertigungsargumentation durchgehen mit der fast scholastist anmutenden Begründung, allein durch die klar benannte beabsichtigte Reizunterdrückung werde eben genau die Frau auf ein sexuelles Objekt reduziert. Gekonnt.
Ateş sieht gar beim Thema Sexualität „die tiefste Kluft zwischen der muslimischen und der westlichen Welt“. Sie zitiert Barack Obama aus seiner Rede an die islamische Welt und schreibt selber hierzu: „Wenn Frauen und Männer nicht gemeinsam arbeiten dürfen, weil sie sonst angeblich durch eine ständige sexuelle Spannung abgelenkt würden, kann eine Gesellschaft ihre wirtschaftliche und technische Rückschrittlichkeit nicht überwinden.“
Seyran Ateş ' „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“ ist Plädoyer, Stimmungsbild und Denkanstoß. Dabei eben nicht ein statistisch erarbeitetes wissenschaftliches Werk wie etwa die Hite-Reports der US-amerikanischen Sexualwissenschaftlerin Shere Hite. Ateş ' Buch ist ein flüssig geschriebenes Sachbuch für jeden Leser. Manchmal bietet es wenig Trennschärfe, was nun Gegebenheiten in muslimischen Ländern im Allgemeinen, in der Türkei oder in Deutschland betrifft.
Ach ja, und 2008 gab es keine Fußball-Weltmeisterschaft bei der die Türkei hätte im Halbfinale stehen können. Typisch Frau halt.
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Besprochene Ausgabe: Ullstein | 2009 | 288 Seiten | Festeinband* | € 19,90
* Festeinband: harte Buchdeckel
/ Broschur: weiche Buchdeckel
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1. Cem Gülay: Türken-Sam - Eine deutsche Gangsterkarriere (2009)
2. Seyran Ateş: Der Islam braucht eine sexuelle Revolution (2009)
3. Irene Dische: Clarissas empfindsame Reise (2009)
4. Joey Goebel: Heartland (2009) - Orig.: Commonwealth (2008), engl.
5. Stewart O'Nan: Letzte Nacht (2008) - Orig.: Last Night at the Lobster (2007), engl.
Banana Yoshimoto:
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Philipp Tingler:
Doktor Phil
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Josh Weil:
Herdentiere - Eine amerikanische Novelle
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