Sergio Olguín - Springfield: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Springfield

(2010) - Orig.: Vivir en Springfield (2008), argent. Spanisch
Kicks auf der Route 66
Sergio Olguín verfrachtet seine drei 15-jährigen argentinischen Helden zum Sprachaufenthalt in die US-amerikanische Provinz, wo Spießertum und Vorbehalte so lebendig scheinen wie in der TV-Serie Simpsons. Schließlich rennen sie um ihr Leben.  Von Patrizia Kleinheinz - sf magazin 07.09.2010

Dem geschäftstüchtigen 'Onkel Roberto' und seinen weitreichenden Beziehungen hat es Ich-Erzähler 'Ariel' zu verdanken, dass er zum Schüleraustausch von der Provinz Buenos Aires in die USA geschickt wird. Zwei Schulfreunde dürfen ihn begleiten. Gemeinsam sollen sie, so der Wunsch des Onkels, ihr Englisch verbessern. Schließlich hat er die fußballbegeisterten Jungs beauftragt, spanische Fußballgesänge ins Englische zu übersetzen, und sie konnten ihn mit ihrer Leistung bisher nicht überzeugen. Dies soll ein zweimonatiger USA-Highschoolaufenthalt ändern. So landen die drei in Springfield Illinois, eine Stadt an der Route 66.

Der Argentinier Sergio Olguín zeichnet Springfield als einen Ort, in dem die banalsten, jedoch auch fatalsten Ereignisse passieren. Hier ist Fußball weiblich, die Schulhelden spielen Basketball, und die beste Cheerleaderposition sichert den Mädchen den größten Beliebtheitsgrad. Aber Schüler mit nicht-anglo-amerikanischen Wurzeln werden misstrauisch beäugt, gelten als verdächtig, insbesondere, wenn die Hautfarbe nicht weiß ist.

"Springfield, die Stadt der Simpsons", fällt Ariel sofort ein, als er von ihrem Reiseziel erfährt. Spätestens jetzt geht dem Leser auf, dass sich in diesem Roman die Klischeefiguren einer Serie zu verstecken scheinen. Schon auf den ersten Seiten stellt Sergio Olguín die Gastfamilie der drei Jungs vor. Die heißt Trevors. Doch heimlich sprechen Ariel und seine Freunde von ihr als "die Flanders", nach der zwar gastfreundlichen, aber missionarisch überheblichen Familie aus der bekannten Comic-Serie "Die Simpsons".

Trevor war ein Klon, eine identische Kopie von Flanders, dem Nachbarn der Simpsons: derselbe Schnurrbart, dieselben Klamotten, derselbeTonfall, dieselbe Frau und dieselben Kinder.

Und wenn schließlich Schüler als "Crusty der Clown" an der Schule einen Mord begehen, und nicht etwa ein "echter" Springfielder verdächtigt wird, sondern sofort die schöne Afro-Amerikanerin 'Edwidge' und mit ihr der Austauschschüler Ariel, entpuppt sich Springfield als so korrupt und fatalistisch, wie das der Simpsons.

Der Ich-Erzähler schildert mit unbedarft heiterem Ton eine abenteuerliche, streckenweise unwirklich erscheinende Reise. Den drei Jungen begegnen skurrilste Situationen und Personen, deren Verhalten und Äußerungen wesentlich den Witz des Romans prägen. Sie betten sich in den schlicht erzählten, actionreichen Handlungsstrang ein, bleiben allerdings, wie alle Figuren in Sergio Olguín 's Roman, eindimensional und nur wenig greifbar.

Sinn für Gerechtigkeit und ihr Drang, den von ihnen begehrten Mitschülerinnen 'Lou' und Edwige zu helfen, führt die charmanten drei Helden auf die Route 66, die Straße der Freiheit. Ihr Ziel ist das Indianerreservat "Windows Rock". Der lange Weg wird zur Verfolgungsjagd. Amerika zeigt den Helden sein raues Gesicht, die Polizei ist korrupt, gar bedrohlich und nur wenige neue Bekannte stehen ihnen bei. Doch heldenhaft und heiter, wie sie sind, lassen sich die drei nicht entmutigen. Ariel knipst weiter mit seiner Kamera, die er auch unter widrigsten Bedingungen nicht aus der Hand gibt. Sie hält für ihn seine Emotionen fest: "Ich hatte wirklich jedes Mal das Gefühl, meine Empfindungen oder meine Wünsche festzuhalten, wenn ich auf das Display meiner Nikon schaute". In Ariels Reisebericht sind allerdings Gefühle, wenn überhaupt, nur sehr knapp erzählt. Er findet sie ja auf dem Memory-Stick seiner Nikon wieder.

Möglich, dass ein Roadmovie-Roman gut auf detailreiche Schilderungen von Emotionen verzichten kann, sie könnten aber auch die Spannung erhöhen. Sergio Olguín verzichtet darauf und erzeugt eine Distanz zum Geschehen. Er sucht das Komische und erzählt dabei von Diskriminierung und Ungerechtigkeit. Seine Helden verhalten sich, als seien die bedrohlichsten Ereignisse fast normal. Hier in US-Amerika halten sie alles für möglich.

Möchte der Leser den wahren Gemütszustand dieser Jungen erfassen, die erleben, wie sie verdächtigt, gejagt, fast umgebracht werden, muss er hinter die witzig anmutende Fassade des Romans blicken. Dann lässt sich wohl auch erahnen, wie bedrückend es sich anfühlt, in einem fremden Land ausgegrenzt und verfolgt zu sein.

Besprochene Ausgabe: Suhrkamp | 2010 | 245 Seiten | Broschur* | € 8,50
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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