Fitzek ist ein Phänomen. Nur drei Tage nach Erscheinen von „Splitter“ füllen dutzende positive Leserkommentare die Seiten der einschlägigen Online-Händler. Da heißt es dann erst recht Augen auf. Denn die Grundgesamtheit der Kommentatoren in einem solchen Fall ist äußerst schief: Sie spiegelt nur zwei Gruppen: die Fans, die sowieso gute Wertungen geben, und die wenigen Leser, die sich geärgert haben und sich die Mühe machen, den Ärger kund zu tun. Objektive Wertungen finden sich so gut wie nicht.
Wie wirkt nun also „Splitter“ auf den Rezensenten, der zum ersten Mal einen „Fitzek“ liest? Der tolle Ruf des Berliner Autors, dessen Bücher auch in 20 anderen Ländern verlegt werden, scheint sich zunächst zu bestätigen. Ein fulminanter Auftakt: Eine kalte Novembernacht in einem stockfinsteren Wald vor einem einsamen Haus. Ein Mann klingelt und muss lange auf die typischen Geräusche warten, die sich ergeben, wenn jemand mitten in der Nacht herausgeklingelt wird. Auch wird kein Licht angeknipst, plötzlich öffnet sich die Tür und ein älterer Herr erscheint, dem das schwache Licht aus dem Kaminzimmer einen „Heiligenschein“ gibt. Der Ton Fitzeks ist hierbei unaufdringlich, fast zögernd, gut passend zur Stimmung.
Szenenwechsel: Der Mann, er arbeitet in einer Anlaufstelle für Straßenkinder, wird gerufen, als eines seiner Schützlinge von einem Sprungturm springen will. Allerdings ist das Becken leer. Der Dialog zwischen dem Mädchen und dem Mann ist fantastisch. Wieder tolle Ruhe und Atmosphäre im Duktus und kein Satz scheint unnötig. Das soll noch etwa im ersten Drittel des Buches so bleiben.
Der Mann hat seine schwangere Ehefrau bei einem Autounfall verloren, bei dem er am Steuer saß. So lässt er sich von einem Professor breitschlagen, es mit einer künstlich herbeigeführten Amnesie zu versuchen, um seinen Schmerz zu vergessen. Sukzessive sollen danach nur die positiven Erinnerungen wieder ins Bewußtsein gerufen werden. Doch über medizinisch Mögliches lässt sich Fitzek nicht aus. Es ist nicht sein Kernpunkt. Schnell driftet „Splitter“ ab in ein Szenario von der Suche nach der eigenen Identität, die einem der unbekannte Feind streitig zu machen versucht. Der Leser wird bei Laune gehalten durch die permanente Abwägung, ob Ereignisse, die nun dem Mann widerfahren, vom Feind „inszeniert“ sind, ob dem Mann tatsächlich falsche Erinnerungen „eingepflanzt“ wurden oder ob er letztendlich einfach verrückt ist. Das wird genährt durch einige hölzerne Ablenkungsmanöver Fitzeks. So litt der Vater des Mannes unter schizoiden Anfällen und sein Bruder ist hypersensibel und in Gewaltverbrechen verstrickt.
Das Schema ist bekannt, vor allem aus tausend Hollywood-Filmen, und kein leichtes. Fitzek scheitert, indem er auf den ersten Blick ein wildes Patchwork aufbaut, das aber doch nur verhüllt, dass die Story im Grunde allzu linear ist. Nach etwa der Hälfte des Buches sollte klar sein, wer die „Feinde“ sind; jetzt quält man sich mit sich nicht mehr weiterentwickelnden Figuren durch eine müde Verfolgungsjagd nach der anderen zum schulmeisterlichen Ende, bei dem man auf zwei Seiten gesagt bekommt, warum sich alles so zutrug.
Es bleibt Leere. Es bleibt nichts psychologisch Relevantes, nichts gesellschaftliches und nichts sonstwie erhebendes. Aber es ging ja ums Vergessen in dem Fan-Buch.
Besprochene Ausgabe: Droemer | 2009 | 384 Seiten | Festeinband* | € 16,95
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