Scott Westerfeld - Weltensturm: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Weltensturm

(2006) - Orig.: zweibändig: The Risen Empire, The Killing of Worlds; einbändig: Succession (2003), engl.
„Das Reich wird zerbrechen, wie ein Ast, an dem zu viele Leichen hängen“
Westerfeld vergnügt uns mit zwei exotischen, eigentlich unmöglichen Liebesgeschichten, der fauligen Samurai-Ehre eines Kaiserreichs, Verbundbewusstseinen und einem intelligenten Haus, das mal ausnahmsweise seinem Besitzer nicht an den Kragen will, sondern sich rührend kümmert - leicht exzentrisch; das alles in überragender Übersetzung von Andreas Brandhorst.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 14.09.2008

In einem Interview erklärt Westerfeld, er habe eine Space Opera mit allen Ingredenzien schreiben wollen und seine Charaktere sollten kraftvoll sein. Das ist ihm gelungen, mit einem Füllhorn von Ideen und liebens- oder verabscheuungswerten Menschen, Künstlichen Intelligenzen und nicht mehr ganz so menschlichen Zwittern. Unbefangen kommt er daher, lässt jedoch seiner Phantasie selbst bei hoher Spannung in ruhigem Erzählfluss freien Lauf mit unprätentiöser, wohlgeordneter Sprache. Das schließt hohe Sprachkunst nicht aus, wenn etwa während eines Zwiegesprächs die Senatorin Nara über die Schulter ihres Gesprächspartners hinweg andere maßgebliche Personen beobachtet und schließlich „den über Zais Schulter hinwegreichenden Blick offensichtlich werden“ lässt.
Er benutzt eine schöne klassische Technik: Er erzählt abwechselnd aus Einzelperspektiven seiner Figuren - sei es Mensch, KI oder dazwischen - und manchmal ist es ein 'einfacher' Soldat oder Mensch, der sich auf anderem Niveau ausdrückt, als beispielsweise die hohen Entscheidungsträger des Romans.

Die Geschichte verbindet weit fortgeschrittenes Technikniveau mit einer überholten Herrschaftsform, einem Kaiserreich, dessen Entstehung und Berechtigung es allerdings in sich hat: Die Aristokratie ist Urheber und Kontrolleur von nichts weniger als dem vermeintlich Ewigen Leben. Mit hoher Wortdynamik, die generalisieren und abstrahieren kann, trifft Westerfeld punktgenaue Nomenklaturen wie 'grau' für die alten untoten Adelsfamilien und 'pink' für die 'Säkularisten', die sich trotz verdienter gesellschaftlicher Leistungen eine Belohnung in Form ewigen Lebens verbitten.
Förmlich hören kann man das Zischeln in den Stimmen gehäßiger Aristokraten und Militärs mit ihren Hofintrigen, falscher Kameradschaftlichkeit und Mißgunst. Doch der Schwerpunkt liegt auf Space Opera und neben Wortkunst wie BLUTFEHLER und ZEITDIEB gibt es die TRANSLICHT-KOMMUNIKATION und GRAVITATIONSRANKEN!

Mit einem prickelnden Dialog auf einem Ball lernen sich die pinke Senatorin Nara und der graue Flottenkapitän Zai kennen. Die resultierende Romanze kann erstmal nur vier Tage währen. Dann wird Zai mit nagelneuem Raumschiff an die Außengrenze des Reichs geschickt, in das Gebiet der 'Rix', ehemals Menschen, die sich mit viel biomechanischem Schnickschnack ihre Form von Fast-Unsterblichkeit geschaffen haben. Zudem sind sie nicht abgeneigt, sich fast gottgleichen 'Verbundbewusstseinen' unterzuordnen, KIs die die Informations-Infrastruktur eines gesamten Planeten in Beschlag nehmen können. Ein gewaltiger Feind, wie die als Geisel genommene Schwester des Kaisers erfahren muß, als es den Rix gelingt, ein Verbundbewusstsein auf ihrem Heimatplaneten zu implantieren. Sie muß ruhig vor einem Tisch sitzen, gespickt mit mikroskopischen Sensoren für Blutdruck, Herzfrequenz, galvanische Hautreaktionen und Augenbewegungen, observiert vom Verbundbewusstsein „mit der ganzen Kraft eines lebenden Planeten.“

Überhaupt ist alles drin: Gelgefüllte Pods, mit genau einem Kämpfer als Besatzung, der sich vorher natürlich auch jeden noch so kleinen Hohlraum seines Körpers mit atembarem und semi-intelligentem Gel füllen lassen mußte, um sich dann unter Ultrabeschleunigung vom im Orbit kreisenden Raumschiff punktgenau auf eine Planetenoberfläche schießen zu lassen; und dies durch seinen nun libellenartigen offenen Blutkreislauf sogar meist ohne Blessuren überlebt; dann die Schlachten mit Mikroflugzeugen, meist Aufklärer, die auf wenige Moleküle große Abfänger, vom Feind mit der Sprühdose im Raum verteilt, treffen: Die haben zwar recht wenig Intelligenz, aber Viel hilft viel, sagt der Bauer. Der Pilot des Aufklärers liegt in seinem Baldachin irgendwo und sein Virtueller Input würde einen heutigen Menschen stante pede in den Wahnsinn treiben.

Wie auch der Zivilist sich mühelos erweiterter 'Synästhesie', also mehrerer Hör-, Seh- und anderer Wahrnehmungsebenen hingeben kann und mit Augenmaus und Augenschirm 'hantiert'. Gerade Cyberpunk-Autoren scheitern oft in der Darstellung eines uns heute noch als ins Extreme getrieben erscheinenden Multitaskings. Westerfeld's hübsche Erste Offizierin genießt ihre Arbeit: „Sie hob eine Kombination aus Fingern und teilte die von ihr überwachten Audiokanäle in Quellenkategorien. Während des Dienstes war ihr mentales Ohr wie ein Netz über die Aktivitäten des Schiffes ausgebreitet. Das akustische Durcheinander von zweiunddreißig Decks wurde zu den verschiedenen Audiokanälen in ihrem Kopf geleitet, und sie surfte in ihnen, sprang zwischen den einzelnen Aktivitätszentren des Schiffes hin und her.“ Schööön.

Genüßlich lässt Westerfeld Cliffhanger über Hunderte Seiten offen ohne zu quälen. Gerne greift man auf den nächsten, entspannenderen Erzählstrang zu. „Ganz plötzlich begann Laurent, von Dhantu zu erzählen.“ Und man hört zu.

Gut entsteht ein Bild einer Herrschaftsform, bei der die beteiligten Welten über 30 Lichtjahre hinweg verstreut liegen. Senatoren verbringen einen Gutteil ihres 'Lebens' im Stasisschlaf, um auf Entwicklungen reagieren zu können, die aufgrund enormer Reise- und Transportzeiten erst in Jahrzehnten eintreten.
So versuchen das Liebespaar Senatorin/Kapitän durch aufeinander abgestimmte Zeiten von Stasisschlaf bzw. Zeitdillatation durch relativistischen Raumflug ungefähr gleich alt zu bleiben, in ihrem „Kokon aus Zeitlosigkeit“!

Hat das Buch Schwächen? Da gibt es nur sehr subjektive Antworten, es gibt zum Beispiel eine für den Rezensenten ermüdende Raumschlacht über gefühlte 200 Seiten hinweg. Für jemand anderes mögen das die besten Seiten des Buches sein. Objektiv ist jedoch die oft auftretende Inkonsistenz in technischen/physikalischen Dingen. Doch dies als groben Mangel hinzustellen wäre lächerlich, ist doch die SF in erster Linie 'fiction'.

Der Rezensent könnte noch viel vorweg nehmen, über Gravitationsarten, darunter die 'reizende' Gravitation, über die Wirkung der Waffe Diamant-Sand, wenn sie mit einem Zehntel der Lichtgeschwindigkeit fliegt, über das Gefühl, als fremdartige Kämpferin allein auf fremdem Planeten von der kompletten Bevölkerung gejagt zu werden - oder über die zweite, viel exotischere Love-Story...
Fragen Sie doch das Intelligente Haus, das gerade auf allen möglichen und unmöglichen Kanälen eine lebenswichtige Botschaft seiner Herrin über den ganzen Planeten verteilt hat. Kurz fühlt es Stolz über die elegante Ausführung, mußte aber dann schnell wieder über seine Armeen von Nanobots gebieten. Denn der Schneeschmelze-Wasserfall, eine der wichtigsten Attraktionen seines Gartens, musste gebändigt werden.
„Mit dem Tauwetter des Frühlings war er zu laut geworden.“

Besprochene Ausgabe: Heyne | 2006

      
 
 
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