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 25.05.2012         Scott Pratt - Engelsrache: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Scott Pratt - Engelsrache: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Engelsrache

(2011) - Orig.: An Innocent Client (2008), engl.
Gericht der Eitelkeiten
Eine Entdeckung: Ex-Anwalt, Journalist und Autor Scott Pratt ist ein begnadeter Erzähler und siedelt den Auftakt seiner Serie um den selbstzweiflerischen Strafverteidiger 'Joe Dillard' im bibelfesten Tennessee an.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 02.07.2011

Die Fantasie für die deutsche Namensgebung von übersetzten Buchtiteln scheint unseren Verlegern schon lange abhanden gekommen zu sein. Die Marketingabteilungen haben ein sehr kleines Setzkästchen in dem sie nur Blut, Rache, Todes-Irgendwas und vor allem immer wieder Engel, Engel, Engel miteinander kombinieren können, völlig vom Romaninhalt sinnbefreit. Bei "Engelsrache" hat der Marketingmensch immerhin den Namen einer Hauptfigur aufgeschnappt, nämlich 'Angel', welch ein Schelm! Dreh- und Angelpunkt steckt bei Scott Pratt 's Buch jedoch wirklich im schönen Originaltitel "An Innocent Client". Denn das ist es, was sich Strafverteidiger 'Joe Dillard', der oft als Pflichtverteidiger vom Gericht bestellt wird, endlich einmal wünscht. Zum Dilemma der mehr oder weniger durchtriebenen Klienten gesellt sich der Feind in Form der Berufsverwandten: der Staatsanwälte und Richter - und steckt im System selbst. Man hört es oft von den zu sich selbst ehrlichen Vertretern von Anklage und Verteidigung: Der Prozeß ist für sie Sport. Kampfsport. Muss es so sein?, - nur der Kampf bringt Höchstleistung hervor? Die lebenslangen Konsequenzen für den Angeklagten, für die Gesellschaft, nur Nebensache? Autor Scott Pratt, selbst ehemals Anwalt, und sein Sprachrohr Joe Dillard, der Pflichtverteidiger, scheinen gründlich in Ermattung übergegangen zu sein. Beim Sport, die Geschworenen zu überzeugen, bleibt ihnen zu oft die Wahrheit auf der Strecke.

"Engelsrache" ist ein Buch über die Grabenkämpfe der Gerichtsparteien, ihre Eitelkeiten, ihren unbedingten Willen zum persönlichen Erfolg, ihren Primat der Egobefriedigung, an dessen Stelle doch das Wohl der Allgemeinheit stehen sollte.
Joe Dillard will aufhören als Strafverteidiger und endlich seine eigene Anwaltskanzlei eröffnen. Er boxt seine Klienten raus und ist so eine Art Staranwalt im überschaubaren nordöstlichen spitzen Ende Tennessees, mitten im US-amerikanischen Bible Belt. Er hockt im permanenten Spagat: Sein Ethos gebietet es ihm als Pflicht, selbst den unsympathischsten Angeklagten vor der Willkür der Staatsanwaltschaft zu schützen - und dort, in Tennessee, ebenso oft vor der Giftspritze. Doch Klienten, die ihm nach gewonnenem Prozeß dreist die bisher abgestrittene Schuld gestehen, schlagen ihm allmählich auch auf den Magen. Hier greift das Gesetz zur Doppelbestrafung. Nach dem Urteil kann nicht nochmal verurteilt werden.

Der Leser ist etwa drei Monate dabei, im Leben dieses Anwalts. Das ist die Zeitspanne zwischen Anklage und Hauptverhandlung von und für besagte Angel. Das ist der Hauptstrang in "Engelsrache", daneben liegen andere Fälle, an denen Dillard dran ist oder gedankliche Rückblicke auf vergangene. Das steht nie verloren neben der Handlung, sondern spreizt den Rahmen für den Charakter Joe Dillard, zeigt warum er so ist und so handelt und unterfüttert die Grundthematik Scott Pratt 's. Angel soll einen Prediger umgebracht haben. Der brachte kurz zuvor in einem Nachtclub mit Private Dance die am Nachmittag eingesammelte Kirchenkollekte wieder unters Volk - freilich maßgeblich eigennützig. Angel arbeitet dort an der Bar und wird vom Prediger über Gebühr bedrängt, sodass er rausgeschmissen wird.

Kollekte - Puff - Prediger. Ein Fest für Medien und Feindlinienaufbau im kirchenfesten Staate. Anwalt Joe entblößte oft Schein- und Doppelmoral, auch bei Justiz und Polizei. Er ist entsprechend unbeliebt, und schwupps drückt ihm der Bezirksrichter Angel als Pflichtfall rein. Nach Lesart Pratt 's kann das von Joe nicht ohne negative Konsequenzen abgelehnt werden.
Allen Figuren haftet von Anbeginn etwas Undurchschaubares, Zwielichtiges an. Dadurch hält "An Innocent Client" die Spannung. So ist die Besitzerin der Nachtclub-Kette herrlich schlagfertig, witzig, kämpferisch für die Belange "ihrer Mädels", guckt aber auch auf ein langes, erfolgreiches Geschäftsleben zurück, für das sie im Bible Belt oft die Ellbogen einsetzen musste. Schön die Verquickungen der lokalen Honoratioren: Ihr verstorbener Ehemann hatte bei der Wahl des jetzt amtierenden Staatsanwaltes für den Gegenkandidaten gespendet. Und Staatsanwalt 'Deacon (sic!) Baker' muss unbedingt eine satte Verurteilung, am besten Todesstrafe, ergattern, denn: Die Wahl für die nächsten acht Jahre für seinen Posten steht an ...

Ermittler 'Landers' ist die Dürftigkeit der Beweislage bewusst, und doch dreht und wendet die Exekutive mit Lügen und Tricks, um der Anklage zuzuarbeiten. Scott Pratt hält hier genau das richtige Maß an Akribie und erzeugt Authentizität. Sein Erzählfluss ist ruhig und kräftig, und muss sich nicht des modern gewordenen unsäglichen Stilmittels der ultrakurzen Kapitel bedienen. Zusammen mit eher wenigen und langsamen Wendungen, raffinierten Verschränkungen und einer Portion Humor und Satire bietet "Engelsrache" was vor allem US-amerikanische Autoren können: bei aller Seriösität eine angenehme Leichtigkeit beibehalten.

Besprochene Ausgabe: Goldmann | 2011 | 384 Seiten | Broschur* | € 8,99


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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