"Das Ende des Universums und wie man es überlebt" - das ist der allererste Satz in "Das Ende der Geschichten", scheinbar ein schönes und typisches Scarlett-Thomas-Paradoxon, das die Autorin einen im Roman vorkommenden Sachbuch-Autor dennoch lösen lassen wird. Mit einem anderen allzu bekannten Wissenschaftler hält sie es jedoch gar nicht gerne: Aristoteles. Zwar erzählt Scarlett Thomas ' Roman-Alter-Ego 'Meg' ihren Teilnehmern im Ghostwriter-Seminar von dessen Tragödien-Lehren - etwa dem linearen Handlungsverlauf, einer Steigerung, einer Wendung und einer Erkenntnis -, gibt auch zu, ihn toll zu finden, rät ihren Schülern aber nicht, diese Dinge stumpf auf jeden ihrer Romane anzuwenden. Thomas selbst durchwirkt ihr "Das Ende der Geschichten" zwar behutsam mit allen aristotelischen Elementen, durchschießt es aber munter mit Kürzestgeschichten und Philosopheleien um Gott und die Welt, mit Rückblenden - und: vielen Redundanzen. Denn in der ersten Hälfte will sie uns fast in Echtzeit das dröge Leben eben jener Meg nahebringen. Doch auch Running Gags wie das Stricken, ja, das mit Wolle, oder die Biografiefindung für den Bestsellerautoren 'Zeb Ross', den es gar nicht gibt, da nur Ghostwriter für den Kunstnamen schreiben, werden leider die ganzen eng bedruckten 500 Seiten immer wieder zelebriert. Für viele Leser wird dieses ausufernde Buch, das auf Teufel komm raus kein typischer Roman sein will, ins Auge gehen.
Das soll nicht heißen, dass nichts passiert. Ganz grob gesagt ist es die Geschichte einer seit Langem überfälligen Trennung einer Beziehung und etwas feiner kommen hinzu das Metathema Liebe zu älteren Männern und die Wiederversöhnung mit zwei alten Freunden. Doch die vielen Dinge, die Hauptfigur Meg wie in einem Hamsterrad alleine, mit oder von Lebenspartner 'Christopher' ertragen muss oder in eingeübter Rücksichtnahme auf ihn immer wieder deterministisch und routiniert absolviert, sind in ihrer schieren Masse schwer verdaubar. Der Leser hätte mit etwa der halben Menge verstanden, wie es um die beiden steht - und müsste sich weniger quälen.
In einigen Dingen stellt sich Meg freilich immer wieder selbst das Bein. So löscht die leidlich erfolgreiche Autorin und Ghostwriterin von Genreromanen wie Jugend- oder Science-Fiction-Buch, etwa der "Newtopia"-Reihe, seit Jahren mehr Datei-Schnipsel für ihren eigentlichen "literarischen Roman", wie sie es nennt, als sie neue hinzufügt. Denn Meg fällt es schwer, ihre Ideen zu sortieren und auch das kriegen wir fast eins zu eins mit. Sie versucht beinahe alle Alltagserlebnisse und alles aus Sach- und Fachbuch Aufgenommene mit in den Roman reinzupacken. Scarlett Thomas also als die Autorin des Romanes um die Romanautorin, die mit leserverachtender Selbstreferenzialität sich eins lacht, und mit Banalbetrachtungen von Reiki, Zen über Taoismus hin zu Anthropologischem - Meg basht gründlich die absurden Projekte einer Anthropologen-Freundin -, einfach ihre höchsteigenen Schnipsel auf 500 Seiten aufbläst? Es kann gut sein.
Scarlett Thomas wie auch Figur Meg schreiben Literaturrezensionen und Genreliteratur. Thomas ist zur Entstehungszeit des Originals von "Das Ende der Geschichten" so alt wie ihre Protagonistin. Meg's Arbeitsname für ihren nie fertig werdenen Roman war mal "Der Tod der Autorin". Das war auch Scarlett Thomas ' gleichlautender Arbeitstitel für vorliegendes "OurTragic Universe"/ "Das Ende der Geschichten". Glück bleibt: Thomas verwirklichte ihr Buch nicht in der Form, wie Meg es mit ihren Flausen zu einem Zeitpunkt wiederum mit ihrer Romanfigur geplant hatte: Der Charakter sollte sich nur aus dem Abdruck ihrer Notizzettel heraus entwickeln. Auch sie sollte beim Abfassen eines Genreromans verzweifeln - also im Roman im Roman im Roman. Oder so ähnlich. Was haben wir gelacht. Formaler Aufbau und Sprache von "Das Ende der Geschichten" sind dann sprachlich doch recht konventionell und es ist flüssig zu lesen, sieht man von allzu auf creative writing gemachten Sätzen wie "Der Tag lag vor mir wie ein gähnendes schwarzes Loch" mal ab.
Besprochene Ausgabe: rororo | 2011 | 480 Seiten | Broschur* | € 11,99
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