Wahl-Chicagoerin Sara Paretsky schafft das große Kunststück, in einem einzigen Buch eine vierundvierzig Jahre zurückliegende Vergangenheit und die Gegenwart ihrer Privatermittlerin 'Vic Warshawski' auf gleiche Weise schillernd zu Papier zu bringen. Der Mordfall, den sie durch ihre Heldin wieder aufrollen lässt, ist zwar fiktiv, der unglaubliche Hass der verfeindeten Mobs jener Zeit war echt, und Paretsky kann dem Leser, der nicht mit den US-amerikanischen Sechzigern vertraut ist, die Hintergründe spielend vermitteln: Sie zog damals als sozial und politisch engagierte Jugendliche nach Chicago und setzt sich seitdem mit der Geschichte ihrer neuen Heimatstadt auseinander. Dr. Martin Luther King sah sie tatsächlich live, zusammen mit einer Freundin bei seiner Rede auf dem Soldier Field und dem anschließenden "Marsch aufs Rathaus".
"Open Housing" - die Forderung nach gerechterer und nicht-rassistischer Wohnraumvergabe - war Schreckgespenst für viele weiße Einwohner Chicagos, doch so einfach ließen sich die Fronten nicht ziehen: Durchaus wehrten sich Chicagoer Schwarzen-Organisationen gegen den Einfluss Dr. Kings. Der war ja durch erfolgreiche FBI-Progaganda auch durchaus als Kommunist verschrieen. Vor allem sind es in den ganzen USA die schwarzen, christlichen Kirchen, die ihren Mitgliedern verbieten, "hinter dem Rebellen herzulaufen". Autorin Sara Paretsky beleuchtet zudem die Rollen der rivalisierenden schwarzen Verbrecherbanden der Chicagoer Ghettos.
"Hardball" zieht einen Ausschnitt heran, um einen außergewöhnlich explosiven Zeitraum jüngerer US-amerikanischer Geschichte zu beleuchten, den Ausschnitt Chicago, mit seinen brennenden Wohnraumproblemen - stellvertretend für die noch lange nicht entspannten sozialen Benachteiligungen trotz des Bürgerrechtsgesetzes von 1964 mit seiner Aufhebung der Rassentrennung. Schwarz wie weiß reagieren teilweise auf die in die nord-us-amerikanischen Metropolen ausgedehnten Aktionen der Bürgerrechtsbewegung nach dem Motto, "Die sollen ihre Proteste in Atlanta machen und ihren Scheiß nicht hier in den Norden hochtragen."
Privatdetektivin Vic Warshawski wird von zwei steinalten Damen angeheuert. Eine davon wird's nicht mehr lange machen und ihr sehnlichster Wunsch ist, noch zu erfahren, was aus ihrem Lieblings-Neffen geworden ist, der im Jahr 1967 spurlos verschwand. Es lohnt von Anfang an, "Hardball" und seinen vielen Einzelheiten und Figuren volle Aufmerksamkeit zu schenken, obgleich es fordernd sein mag. Die Verdichtung wird kommen, teils nach hunderten Seiten, gerade wenn sich die Geschehnisse des Prologes in ihrer Gänze offenbaren. Auf der anderen Seite spiegelt diese Akribie die Lebendigkeit und Agilität von Figur Warshawski. Auf privater Ebene ihr leicht Chaotisches und insgesamt eine Ausgefülltheit ihres Lebens, das sich gar nicht in privat und Job trennen lässt. Da sind die liebevoll ausskizzierten Nebenfiguren angefangen von der Mit-Mieterin der Büroetage bis zum Obdachlosen davor - der dann doch noch eine gewichtigere Rolle einnehmen wird - bis hin zu Hauswart und Nachbarn 'Mr. Contreras', der so alt ist, dass man ihm seinen charmanten Chauvinismus nicht übel nimmt - "Hey, Puppe!"
Exlover und Freunde Vic Warshawskis sind gleichzeitig dem wiederholten Paretsky-Leser geschuldet und machen dem Neueinsteiger Spaß. (Wobei ein neuer Titel um die Heldin nur etwa alle halbe Jahrzehnt rauskommt; von ermüdendem Serien-Einerlei also nicht die Rede sein kann.)
Jedes einzelne Gespräch zur Aufklärung des Verbleibs des vor über vierzig Jahren Verschwundenen ist faszinierend wie spannend. Sie leben unter anderem davon, was die Leute nicht sagen. Schnell wird klar, dass das Verschwinden mit dem Mordfall an einer jungen Bürgerrechtsaktivistin im Sommer 66, also ein halbes Jahr zuvor, zusammenhängt. Ermittlerin Warshawski muss in ein komplexes Spannungsfeld jener Zeit eintauchen, in der ganz klar der Großteil der Chicagoer Polizei offen und sanktioniert gegen Schwarze gewalttätiger war als gegen Weiße, ein durch Kalter Krieg und Bürgerrechtsbewegung von Haus aus verschärfter Kampf zwischen Unternehmertum und Gewerkschaften herrschte, die weiße Mittelschicht um ihre sozialen Privilegien bangte und in Süd-Chicago höchst selbstherrliche schwarze Priester und Verbrecherbanden um die Macht in den Ghettos kämpften.
Das alles würzt Sara Paretsky mit der Familiengeschichte ihrer Detektivin höchstselbst zu jener Zeit. Für Vic Warshawski wird der Fall zu einer äußerst emotionalen Reise in die eigene Vergangenheit, vor allem durch die damalige Rolle ihres verehrten Vaters und Polizisten 'Tony Warshawski'. "Hardball" verdichtet sich zu einem Lehrstück über moralisches Handeln innerhalb der Zwänge der eigenen Herde, der Loyalität geschuldet ist, obgleich sie sich unbewusst, aufgestachelt durch den Zeitgeist, falsch verhält.
"Du kannst dir gar nicht vorstellen, was diese katholischen Jungs für Beleidigungen gebrüllt haben!", lässt Paretsky im Buch eine alte Frau sagen, die bei den real stattgefundenen achtstündigen Krawallen im Chicagoer Marquette Park dabeigewesen war. Sie meint den weißen Mob, der auch Flaschen und andere harte Gegenstände auf den Zug um Dr. Martin Luther King warf. Tatsächlich wurde Dr. King bei einem Marsch in Chicago durch einen Ziegelstein verletzt. Sara Paretsky lässt im Buch im Marquette Park die junge Bürgerrechtlerin sterben - und während in Geschichtsbüchern die vielen Toten während der Proteste der Sechziger leblose Zahlen bleiben, wird dem Leser bei ihren Schilderungen des Hasses und der Gewalt, geboren aus der Angst um soziale Pfründe, Angst und Bang.
Das wird nie einseitig; Paretsky verfällt nicht in das Paradox anzunehmen, der Mensch wäre damals "böser" respektive rassistischer als heute gewesen, sondern benutzt den Zeitzusammenhang. Die noch direkt aus Polen eingewanderte Großmutter Vics lässt sie damals sagen: "Ich weiß, wie schwer es ist, als Fremder in diesem Land zu leben", und muss sie dann ergänzen lassen, "ich kenne diese Schwarzen nun mal nicht", als in ihrem angestammten Viertel die Kriminalität zu stark geworden ist, und sie in einen anderen Stadtteil ziehen muss.
"Hardball" rollt langsam an, mit sanft verstreuten Hinweissplittern, um wie eine Lawine zu werden. Die Arbeit Warshawskis wirkt authentisch - die holt nicht mal eben alles aus dem Internet oder aus dem Telefonbuch, sondern viel vor Ort oder uralten Archiven. Einmal muss sie für die auf Mikrofilm abgelegten Stenomitschriften alter Gerichtsprozesse erstmal jemand teuer bezahlen, der das entziffert.
Eine Figur sinniert in der Gegenwart über ein Damals, "als gute Polizisten gezwungen wurden, sich gegen ihre eigenen Nachbarn zu wenden", und outet sich unter heutigen Maßstäben zweifelsfrei als unbelehrbarer Rassist. Doch Ermittlerin Warshawski bekommt von einer Zeitzeugin hinsichtlich ihres Vaters versichert: "Tony hat unter sehr schwierigen Bedingungen getan, was er konnte. Er hat seine Meinung gesagt. Weißt du, wie viel Mut dazu nötig ist?"
Besprochene Ausgabe: Dumont | 2011 | 500 Seiten | Broschur* | € 9,99
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