23.11.2017   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Saïd Sayrafiezadeh - Kurze Berührungen mit dem Feind - Erzählungen: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Saïd Sayrafiezadeh - Kurze Berührungen mit dem Feind - Erzählungen: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Kurze Berührungen mit dem Feind - Erzählungen

(2014) - Orig.: Brief Encounters with the Enemy: Fiction (2013), engl.
An der Sehnsuchts-Front
Den offiziellen Feind gibt es zwar, ganz weit weg in einem namenlosen Krieg. Doch die alltäglichen Gräben zuhause interessieren den US-Amerikaner Saïd Sayrafiezadeh mehr, wenn er acht junge Männer seine Konzept-Stories erzählen lässt.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 30.07.2014
Saïd Sayrafiezadeh - Kurze Berührungen mit dem Feind - Erzählungen
Zoom Saïd Sayrafiezadeh - Kurze Berührungen mit dem Feind - Erzählungen

Die Klammer ist "der Krieg". Einer der zunächst nur herannaht und dann unvermeidlich scheint. Grenzen seien überschritten, etwas Unwiderrufliches gesagt oder getan worden. Es gäbe kein Zurück mehr, sagen die Medien. Man kennt diese zeit- und ortlose Rhetorik. Dann ist er im Gange, etwa ab der Hälfte der acht Stories, auf einer namenlosen "Halbinsel". "Kurze Berührung mit dem Feind" heißt denn auch die einzige Geschichte - im Singular im Gegensatz zum Buchtitel - in der der Ich-Erzähler direkt vom Feindesgebiet aus berichtet oder vielmehr doch noch tausend Kilometer vom Kampfgeschehen entfernt.

Ein Buch im Genre Kriegsliteratur? Nein, eher nicht. Die acht ausschließlich männlichen Erzähler - form follows function; über ihnen hängt einfach öfter das Schwert der Einberufung oder die Überlegung, sich freiwillig zu melden - in einer US-amerikanischen Großstadt lässt der in Pittsburgh aufgewachsene und nun in New York lebende Saïd Sayrafiezadeh von ihren Lebensperspektiven berichten, vor allem von den fehlenden. Ihr Land führt Krieg und es gehört zum Wirtschaftskreislauf wie jede andere Branche. Nur was bewirkt er? Werden die Fabriken in den Suburbs wegen ihm wiedereröffnet oder doch nur zeitverzögert wieder geschlossen wegen ihm? Die Call-Center, Schnellrestaurants oder Walmarts, in denen Sayrafiezadeh 's Helden arbeiten, feiern jeden Freiwilligen und feiern ihn nochmal, wenn er lebend zurückkehrt. Nicht ohne versprochen zu haben, den Job offen zu halten, "das sei Firmenpolitik!" Doch alle seine Erzähler feiern den beruflichen Stillstand und den in der Nichterfüllung ihrer Sehnsüchte.

Held 'Nick', stellvertretender Filialleiter eines Supermarktes, erlebt, wie Highschool-Freund und ihm untergebener Angestellter 'Joey Joey' in den Krieg zieht. Der war auf der Karriereleiter nicht hinaufgekommen. Nick versucht gerade, sich mit einer neuen Flamme auf einer Kirmes zu amüsieren, als die Todesnachricht kommt. Gelähmt nimmt er seinen BlackBerry und schreibt ein paar Sätze zu Joey Joey und schickt es an seine 500 Geschäftskontakte bis hoch zum Bezirksleiter. Dann steigt er in die Achterbahn, gesichert von "den dicksten Haltebügeln [...], die ich je gesehen hatte und die mit mechanischer Präzision einrasten."
Der Krieg verschränkt sich mit dem Alltag, in allen Geschichten. Selbst wenn Saïd Sayrafiezadeh von 'Roberto' aka 'Rob Days', 'Bob Hays' oder aka 'Tyler McCoy' erzählt. Der sieht sich plötzlich als Illegaler in den USA, nachdem seine Eltern zurück nach Mittelamerika sind. Die vielen Namen braucht er für verschiedene Dienstleister und nicht zurückverfolgbare Rechnungsadressen. Sayrafiezadeh öffnet kunstvoll in einer nur dreißigseitigen Kurzgeschichte sein präkäres Daseins-Panoptikum. Und doch ist es ein anderer aus der Story, der schließlich in den Krieg geht. Auf dem Weg ins Krankenhaus, wo sich Roberto gerade als Tyler McCoy behandeln lässt, durchquert der Erzähler ein Ghetto, wo er in eine bedrohliche Situation mit drei jungen Schwarzen gerät. Zum Glück kennt er jedoch zwei von ihnen aus Highschool-Zeiten. Dem sich arrogant und selbstbewusst gebenden Dritten wird er jedoch an anderer Stelle wiederbegegnen ...

Selbst als ein Geschichtslehrer der Erzählende ist, bleibt der Duktus lakonisch, weit entfernt von intellektueller Verkopftheit, immer geradeheraus und unverschnörkelt. Denn wenn das Leben in einer Falle sitzt, unterscheiden sich die elementaren Gedanken nicht groß zwischen Underdog oder hoch Gebildetem. Aber im Gehalt führt Saïd Sayrafiezadeh mit seinem "Kurze Berührungen mit dem Feind - Erzählungen" einen Tanz auf einem schmalen Grad. Denn den Leser springt seine Einfühlsamkeit mit seinen Tätigen in den sogenannten "Einfachen Berufen" an. Nur die Frage ist, ob er sie richtig gelagert hat oder nicht eher zu sehr generalisiert hat. Er hat diesen sublimen schriftstellerischen Drang, von hoher Warte aus eine Art von grundsätzlichem Mitleid mit diesen Berufen an sich erzeugen zu wollen. Es ist eine gute und notwendige Sache, bei diesen Berufen - seien sie im sozialen Bereich, in der von uns allen geschätzten und in Anspruch genommenen Gastronomie, im Einzelhandel oder beim deutschen Synonym für Niedriglohn, dem Friseur-Biz - für eine ebenbürtigere Stellung im Vergleich zu sogenannt höheren Dienstleistungen zu kämpfen. Es ist jedoch fatal kontraproduktiv, wenn aus Empathie doch nur akademische Arroganz durchschimmert, gegenüber Berufsgruppen, die gar kein Mitleid haben wollen, sondern ihren Job gerne machen, und gerne auch besser dafür bezahlt würden und angesehener wären. Wenn keiner mehr Brötchen bäckt und keiner mehr das Bier serviert, verhungern auch die Akademiker. Saïd Sayrafiezadeh 's Schützlinge - mit Ausnahme des Geschichtslehrers - fahren zu automatisch auf der Schiene unglückliche Antihelden, weil es ihnen der Autor nur aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung so verschreibt.

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Besprochene Ausgabe: Hanser Berlin  |  2014  |  256 Seiten  |  Festeinband*  |  € 18,90

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