19.01.2019   Rezension, Buchbesprechung, Buchkritik   Literatur, Buch, Kritik         Sabine Rennefanz - Eisenkinder - Die stille Wut der Wendegeneration: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Sabine Rennefanz - Eisenkinder - Die stille Wut der Wendegeneration: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Eisenkinder - Die stille Wut der Wendegeneration

(2014) (Erweiterte TB-Ausgabe)
Unbehagen nicht nur in Iron Hut City
Mittlerweile wird sie auch wissenschaftlich aufgearbeitet: die Wut der zur Wende zwischen acht und fünfzehn Jahre alten DDR-Kinder. Sabine Rennefanz ' persönlicher Blick zurück ist nun in der TB-Ausgabe um ihre Erlebnisse auf Lesereisen erweitert.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 23.04.2014
Sabine Rennefanz - Eisenkinder - Die stille Wut der Wendegeneration
Zoom Sabine Rennefanz - Eisenkinder - Die stille Wut der Wendegeneration

Sabine Rennefanz ist 15, als sie es geschafft hat: Sie wurde an der Erweiterten Oberschule in Eisenhüttenstadt aufgenommen. Ein Privileg - sie wird Abitur machen können und dort ist ihre Lieblingssprache Französisch angeboten. Maupassant und anderes leiht sie aus den vollen Bücherregalen der benachbart wohnenden Tante. Ein paar Monate später ist diese Tante arbeitslos und verliert zeitlebens ihre Leselust. Rennefanz ' Vater traf es schon zuvor. Die Wende hatte stattgefunden.

Die Lehrer finden sich in einem anderen System wieder, mit ständig wechselnden Lehrplänen und völliger Verunsicherung, welche Disziplinierungsmethoden sie anwenden dürfen. Doch diesmal ist es nicht das "Immer sind die Lehrer schuld", das die Ziellosigkeit der Generation Eisenkinder bewirken wird. Internatsschüler, wie Rennefanz, seien plötzlich wie aus einer anderen Zeit gewesen, schreibt sie. Gemeinschaftsschulen waren jetzt angesagt, sowas wie Polytechnische Oberschulen sollte es nie wieder geben. Paradoxerweise war das Leistungsdenken des Talente-Förder-Systems der DDR nun als unmoderner Drill verpönt.

Ihrem Sittengemälde der Nachwendejahre nähert sich Sabine Rennefanz behutsam an - sie, die preisgekrönte Journalistin, die in Hamburg und England gelebt hat und jetzt in Berlin wohnt. Sie fährt zurück nach Eisenhüttenstadt, dessen Einwohnerzahl sich seit der Wende nahezu halbiert hat. Mit den ehemaligen Lehrern spricht sie oder korrespondiert schriftlich sowie mit Schulkameradinnen. Schön kommt dabei heraus, dass die DDR in ihrem Endstadium ein "Indianerspiel" war, in dem jeder seine Rolle dem System gegenüber vormachte und im Privaten etwas ganz anderes darstellen konnte. Tausenderlei Graustufen sieht etwa Rennefanz bei ihren einstigen Lehrern und deren Gratwanderungen zwischen Kritik und Linientreue. Doch nach der Wende wird alles komplexer: Wertungen drehen sich um. Auch wenn im untergegangenen Staat nicht alles gut war, konnte man nicht Jahrzehnte einfach rundum verdammen - denn die Definition von Staat ist: wir alle. "Die DDR war verschwunden, entwertet, ein peinlicher Irrtum, den man lieber vergaß." So eher die Außensicht und gleichzeitig fatale Rückkoppelung auf ihre Bürger. Der "Wendehals", der nun entstehende abwertende Begriff, musste in Augen eines Ex-DDR-Bürgers sich selbst verdammt und verleugnet haben und sein ganzes bisheriges Leben.

Die junge Sabine Rennefanz ist sofort genervt von der Devotheit der Eltern beim Spontanbesuch bei einem Berlin-Zehlendorfer Ehepaar, das früher Pakete schickte. Nach einer Stunde ist beiderseitig klar, man hat sich zum ersten und zum letzten Mal gesehen. Kurz darauf die Arbeitslosigkeit des Vaters: "Das war vielleicht das Schwierigste am Aufwachsen in der Wendezeit: zu sehen, wie hilflos und gekränkt die Eltern waren Wie soll man einen Platz in der Welt finden, wenn diejenigen, die einem dabei helfen sollen, selbst verloren waren?"

Ihr eigenes Abdriften in Radikalität, nach den Verwirrungen der Schulzeit und dem Gefühl des Aussätzigseins während eines ersten Studiumversuchs in Berlin, vergleicht Rennefanz im Fortlauf von "Eisenkinder - Die stille Wut der Wendegeneration" unter anderem mit den Werdegängen der Mitglieder des Nationalsozialistischen Untergrunds. Rennefanz wird die erste Hälfte ihrer Zwanziger bei einer Evangelikalen Sekte engagiert sein, in Hamburg. Ihre Prädestinierung hierfür allein aus der Eisenkindergenerationzugehörigkeit herzuleiten hinkt etwas - die meisten Mitglieder sind Wessis, noch dazu meist gutsituierte, "Ingenieure, Ärzte, Architekten". Doch ihren Trotz und Kampf gegen "die Leere, die gefühlte Sinnlosigkeit des Systems" [des Westens], kann sie argumentativ gut in Kohärenz mit dem Entstehen rechtsradikaler Gruppierungen bringen: als Tabubruch und Auflehnung gegen das System entsteht in den Achtzigern die Szene in der DDR. Nicht anders als im damaligen Westen.

In den Neunzigern - die Autorin interviewte auch einen Aussteiger aus der rechten Szene - hat man in Städten wie Jena oder Eisenhüttenstadt nicht gewählt, jetzt Rechtsradikaler zu werden. Der ganze Block war es, es war eine Jugendkultur, so wie in Berlin die HipHop-Kultur. Die Übergriffe auf Asylantenwohnheime gab es in jeder Stadt, die eines hatte, nur die wenigsten schafften es in die TV-Nachrichten. Die Politik hatte sich angemaßt, 20% der deutschen Asylbewerber unter die Obhut eines selber traumatisierten Volkes zu stellen, so Rennefanz bitter.
Die Verunsicherung durch die Wende bewirkte, dass sich niemand traute, Freiräume zu begrenzen. "Es gab keine Regeln mehr", schreibt sie, und "keinen funktionierenden Staat. Jede Woche wurden Behörden aufgelöst und wieder neu gegründet." Beamte und Lehrer waren im luftleeren Raum.

Laut der Wissenschaftlerin Tanja Bürgel ging mit der Demütigung der Eltern eine "metaphysische Obdachlosigkeit" einher. Die Kinder waren "in die Welt geworfen, ohne eine Instanz zu haben, an der sie sich festhalten können." Hier, im Epilog des Buches, schließt sich der Kreis, nachdem Sabine Rennefanz sich gut die Hälfte des Buches ihre quälende Sektenzeit von der Seele geschrieben hat. Kaum zu glauben und für den Leser verstörend, dass die naive Person, die sie dort beschreibt, heute die gestandene Journalistin ist.

Der Nationalfeiertag ist nach wie vor und vor allem rückblickend für keine der einstigen Seiten ein Grund zum Feiern. Der Westen muss sich ob seiner lächerlichen Siegermentalität schämen und der Verweigerung, sich mit Alltag und Geschichte seiner Landsleute auseinanderzusetzen. Der Osten wird sich noch einige Generationen mit dem Verlierertrauma plagen, man merkt es, sobald ein Ostberliner - egal zu welchem Thema - sich bemüßigt sieht, eine unbewußte Verteidigungshaltung einzunehmen und ein "aber weeßte, watt bei uns im Osten gut war ..." (sympathisch) zum Besten gibt. Und wenn man liest, was Sabine Rennefanz auf ihren Lesereisen erlebt hat - das ist die Erweiterung zur 2012 erschienenen Erstausgabe -, muss man annehmen, dass die große Abrechnung erst noch kommen wird. Doch lesen sie selbst. Ein wichtiges Buch.

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Besprochene Ausgabe: btb  |  2014  |  272 Seiten  |  Broschur*  |  € 9,99

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