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S. L. Grey - Labyrinth der Puppen: Buch Kritik Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur
 

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- Labyrinth der Puppen

(2014) - Orig.: The Mall (2011), engl.
Unter Joburg
"The Mall" - so im Originaltitel - ist ein wundersames Einkaufszentrum, in dem absolutes Wohlbefinden und blanker Horror nebeneinanderliegen. S. L. Grey, ein Autorenduo, bauen drumrum eine wunderschöne Love-Story mit Coming-of-Age.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 11.03.2014
S. L. Grey - Labyrinth der Puppen
Zoom S. L. Grey - Labyrinth der Puppen

Im Netz virulierte Ende letzten Jahres das Video eines Speed-Painters (die arbeiten mit Kohlefaserstift, riesen Grafiktablett und dem Bildprogramm ihrer Wahl), der ein hübsches weibliches Model innerhalb von Sekunden in einen hässlichen alten Weihnachtsmann verwandelte. Das falsche Versprechen der Werbung wiederum wurde seit der Sekunde ihrer Erfindung durch Ad-Bustings entlarvt. Das ist also nicht neu. Aber die Warnung vor Konsumterror bleibt eben zeitlos wichtig und wird immer wieder neue Formen finden. Jetzt zu Deutsch im vergnüglichen "Labyrinth der Puppen", das im Original schlicht "The Mall" heißt, das aber im Kern noch mehr ist: eine zärtliche Coming-of-Age-Geschichte, die sich nur hart gewandet.

Hart? Zum einen wird das erste gemeinsame Buch zweier südafrikanischer Autoren - Sarah Lutz und Louis Greenberg - international als originelles Debüt im Genre Horror gefeiert. Doch wird es höchstwahrscheinlich vom Feuilleton beachtet, weil es genau das nicht ist: geradliniger stumpfer Horror. Die Umschreibungen skurril, fantastisch, surreal treffen besser auf "Labyrinth der Puppen". In Zeiten keuscher Vampirästhetik sind wohl die Petting-Szenen der beiden jungen Protagonisten 'Rhoda' und 'Dan' das im wörtlichen Sinne "Härteste" im Buch. Eine Gratwanderung für den deutschen Verleger festa, der ja nun wirklich für harten Horror steht, und dessen Bücher teils keine ISBN erhalten.
Doch zum anderen ist die Szenerie Südafrika dann eben doch eine Nummer härter für uns Mitteleuropäer und vor allem die Zeichnung der Heldin Rhoda, einer dunkelhäutigen Britin, die sich mehr oder weniger auf der Flucht vor sich selbst ebendort aufhält. Dunkelhäutig ist hierbei im direkten Bezug auf Rassismus wichtig und steht ebenso metaphorisch fürs berlinerische "Haste was dann biste was, biste was haste was."

"Hässliche ungehobelte Bimbotussi mit Drogen- und Kontrollproblem. Typisch für diese schwarzen Schlampen, die sich für was Besseres halten."

Das kommt von Rhoda selber, die sich auch schon mal als "menschlicher Kackhaufen in einem klinisch reinen Barbieland" sieht. Die Situation, in der sie auf den weißen pickligen Emo 'Dan' trifft, ist denkbar ungünstig. Rhoda hat im Einkaufszentrum das Kind verloren, das ihr eine Freundin anvertraut hatte, die es wiederum eigentlich babysitten sollten. Rhoda musste hier ihren Dealer treffen. Abgerissen wie sie rumläuft machen ihr die Security-Leute eher Schwierigkeiten als dass sie ihr helfen. Auf wilder Flucht zwingt die kampferprobte sehnige Frau den Buchhandlungsangestellten Dan, ihr bei der Suche nach dem Kind zu helfen.

Wie sich die beiden fetzen und gegenseitig übelst verfluchen ist schon großartig zu lesen. Es folgt eine immer surrealer werdende Jagd in die Innereien des Einkaufszentrum, die mit Elementen des Ekels, des Verlorenseins in einem Labyrinth und dem Gefühl der Überwachung durch eine anonyme Macht spielt. Eigenartige SMS tun ihr übriges. Schließlich, als beide nur noch stinkende, verschmierte Häuflein Elend sind, tut sich das andere Einkaufszentrum vor ihnen auf ...

Kurz hiervor, nach etwa einem Drittel des Buches, hat es eine Schwäche. Das Irren durch Abwasserkanäle und Aufzugsschächte wird zu lang und damit langweilig. Dranbleiben! S. L. Grey 's "Labyrinth der Puppen" ist glatt eines der äußerst wenigen Bücher, die mit ihrer zweiten Hälfte erst richtig gut werden.

Im alternativen Einkaufszentrum ist manches umgekehrt und manches ins absurde Extrem überführt. Die Werbeplakate zeigen entstellte Models mit mehreren Armbanduhren an der als Stumpf endenden Gliedmaße, die Kunden bei McDarm scheinen einem höllischen Bosch-Gemälde entliehen. Als Rhoda und Dan in einen Telefonladen kommen, um ihre Handys aufladen zu lassen, hat man dort zwar futuristisch elegante gallertartige Geräte, die sexy Verkäuferin aber ist mit einer Fußfessel an den Tresen gekettet ...

Auch in dieser schönen Anderswelt muss man sich entscheiden. Rhoda erliegt den Verlockungen und wird vom "Management" der erlesenen Kategorie "Shopperin" zugeordnet. Jederman liegt ihr von nun an zu Füßen. Dan hat ein Auge auf 'Colt' geworfen, eine nette Verkäuferin, die Dan im wahren Leben nicht mit dem Arsch angucken würde, wie er mutmaßt. Auch ihre ständig blutende Öffnung hinter dem Ohr stört ihn nicht. Häufig machen S. L. Grey nur Andeutungen, was auch hier passieren könnte in diesem Wunderland, wenn man nicht regelkonform dem Rollenmuster folgt und spielen mit dem Leser ohne explizit alles auszuführen.

Doch wer denkt, das war's jetzt, sieht sich getäuscht. Erst in der Wendung die noch kommen wird, vertiefen S. L. Grey die Beziehung zu ihren Figuren Rhoda und Dan. Nein, das plumpe Was-sich-liebt-das-neckt-sich-Schema wird nicht abgefahren. Es bleibt komplexer, auch mit den großen Verletzungen der ersten Großen Liebe. Und: Es gilt für die beiden abzuwägen, was der bessere Weg ist. Eine Hölle, die wenigstens metaphorisch ist - oder eine Realität, die die wahre Hölle ist.

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Besprochene Ausgabe: Festa  |  2014  |  400 Seiten  |  Broschur*  |  € 13,95

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