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- Pacazo

(2014) - Orig.: Pacazo (2012), engl.
Rache warm vom Baum serviert
Das Land Peru, seine älteste spanische Stadt Piura, die Inkas, Konquistadoren, die zweijährige Tochter und die ermordete Ehefrau umgeben als Figuren den Helden im Jetzt, der erst ein Phantom jagen muss, um wieder zu sich selbst zu finden.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 09.07.2014
Roy Kesey - Pacazo
Zoom Roy Kesey - Pacazo

"Wenn du nicht mit dem Geschrei aufhörst, dann macht dir der Pacazo auf den Kopf", kann man in Peru schon mal als sanfte Drohung an die Kleinkinder hören. Die Pacazos - eine bis zu zwei Meter große Leguan-Art, die wirklich gerne von den Bäumen runterscheißt - dürften über den Dingen stehen, und sich nicht über ihre Verballhornung in einem Sprichwort ärgern. Mit ihren unergründlichen Augen, dem Schuppenpanzer und den wie eine Reihe Sensen am Rückgrat herausstehenden Stacheln, braucht es keine Ahnung von Biologie, um zu erahnen, dass diese Art schon alles gesehen hat auf der Erde, zu allen Zeitaltern. Mehr als Held 'John Segovia' allemal, obgleich der US-Amerikaner, der an der Uni von Piura lehrt, der ältesten spanischen Stadt Perus, ein enzyklopädisches Wissen über seine Wahlheimat mit sich trägt. Vielleicht daher seine Verachtung für den Pacazo, "ein aus der Zeit gefallener Dämon, Schuppen und Fleisch gewordener Zufall, ein Gott, den niemand mehr verehrt".

Es fallen noch gefährlichere Dinge vom Himmel, etwa die Riesenfrüchte des Matacojudo-Baumes, und auch das pittoreske Piura, wo jeder Stein vom Schicksal des Landes erzählt, hält einen Schlag für Segovia bereit: Seine Ehefrau wurde entführt und getötet, kurz nach der Geburt ihres gemeinsamen Kindes. "Pacazo" setzt ein Jahr danach ein, Tochter 'Mariángel' ist zwei Jahre alt. So schreibt Roy Kesey über den Versuch, die Geschehnisse zu verarbeiten, über die Besessenheit, den unbekannten Mörder selbst zu finden, und über den Umgang mit der Ungewissheit. Doch letztlich auch über einen Weg zurück ins Leben.

Das ganze Jahr über liegen die Temperaturen bei 30 bis 35 Grad in Piura. Ein permanentes leichtes Unbehagen liegt zwischen den Zeilen von "Pacazo", nicht nur weil die Scheiße in Mengen vom Himmel fallen kann. Dann kann John mal wieder ausrasten, wie in Trance, einen Taxifahrer packen und ihn anschreien: "Sie waren es!" Als letztes war seine Frau in ein Taxi gestiegen. Die Elegie und Selbstzerstörung und die Hitze und die Fremdheit erinnern an Malcolm Lowry 's "Under the Volcano". Doch es muss nicht so derbe enden.

Kesey geht in die Vollen und kostet alle Erzähltechniken aus, die zur Verfügung stehen - nur nicht die, die ein knappes Ergebnis liefern. Ab der ersten Zeile ist "Pacazo" ein wild mäandrierender Gedankenstrom. Da schaut die Not Segovias zwischen den Absätzen hervor, seine Verzweiflung ob der Ereignisse. Mit Mühe und Not funktioniert dieser Mann noch, springt gedanklich von der Tätigkeit, die er gerade verrichtet, zu banalen Ereignissen, teils, als wenn sie aus einem lokalen Boulevardblättchen des Ortes entnommen sind, dann schweift er wieder ab zu seinem akribischen Wissen über die alten Inkas, über die grausamen Konquistadoren ... Und wie aus heiterem Himmel ein einsamer Absatz dazwischen: "Zwischen ihren Schulterblättern duftete meine Frau nach Mango und Zypressen und Salbei."

Verzweiflung und Selbstauflösung korrelierend in der Erzählweise. Das funktioniert schon im Grunde. Doch für die historischen Ausflüge Roy Kesey 's, über die Hexenmeister der Anden, die Curanderos, die Schamanen, über die Namensfindung für Peru, zu Flora und Fauna, sollte der Leser schon ein bisschen Liebe mitbringen. Und schön ist das, wenn er Vergangenheit und Gegenwart verdrillt oder gar ineinanderfließen lässt. Dann schrumpfen Segovias Erinnerungen, sein schier endloses Wissen und sein momentanes Tun zu einem banalen Jetzt. Und vielleicht ist "Pacazo" letztlich einfach eine schöne Vater-Tochter-Geschichte.

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Besprochene Ausgabe: Residenz Verlag  |  2014  |  608 Seiten  |  Festeinband*  |  € 22,90

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