Ross Raisin - Schöne Gegend: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Schöne Gegend

(2009) - Orig.: God's Own Country (2008), engl.
Wenn sich der Bock am Deckgeschirr reibt
In den Yorkshire Moors lassen Schafe und Bauerssohn Sam ihren Trieben freien Lauf. Angst vor Veränderung und Gehänseltwerden lassen den schlacksigen Rübezahl kirre werden.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 28.08.2009

“Ich saß oben auf der Weide und beobachtete sie den ganzen Nachmittag. Die Welpen wuselten mir zwischen den Füßen rum, und der Arsch wuchs mir fast am Felsen fest. Ich bin im Hof gewesen und habe beim Schafbad rumgewerkelt, als ich hörte, wie auf der andern Seite von unserm Hügel das Viehgitter klappert, und ich dachte, hallo, da sind sie, denn ich kann genau unterscheiden, ob es so oder so klappert [...]“

Sie, das sind die Sommerfrischler aus den Städten. Sie kommen in die Moors und für Sam sind sie eine unbegreifliche Spezies, verabscheuungswürdig. Die kleinen Höfe sterben, hier wie überall anderswo in der Welt, und Schuldige müssen gefunden werden. Die ranzige Eckkneipe unten im Dorf muss einem schicken Restaurant weichen. Dabei ist es Sam eigentlich egal, wo die versoffenen, mürrischen Ex-Bauern jetzt rumhängen, die er ebenso verachtet. Seine Wut führt er mit seinen Gedankengängen oft selbst ad absurdum.

Seine Gedanken, die sind oft befreiend klar für den Leser, ohne Scheu, Rücksichtnahme und aufgesetzte Zivilisiertheit. Ebenso oft bauernschlau. Die Schule musste er mit 15 abbrechen. Jetzt zieht in den Nachbarshof auf dem nächsten Hügel eine Städterfamilie. Ein junges, gegen die Eltern aufbegehrendes Mädchen inklusive. Anti und anti gesellt sich gern...

Ob das realistisch ist, dass sich der von aussen als trottelig verschrieene Sam und die Städterin anfreunden, ist nicht der Knackpunkt des Buches. Toll ist, dass es ausschließlich aus Sicht Sams geschrieben ist, Autor Ross Raisin (30) sich mit Haut und Haaren in diesen Kerl versetzt, ohne „overacting“, wie man beim Schauspieler sagen würde. Er kommentiert nicht, und so entsteht eine unbequeme Atmosphäre, Anleihen aus Psychothriller und ein diffuser Horror wabern herüber. Geschichten von Halbwilden jagen einem durch den Kopf, Assoziationen an Caspar Hauser, und wenn man da so mit den Augen und Kommentaren Sams im Yorkshire Moor unterwegs ist, an Waldschrate, lauernd in einer unübersichtlichen Landschaft mit ihren Lesesteinwällen, Hecken, Hügeln, feuchten Senken und Waldstücken.

Fickfackromantisch, wirklich, vögeln im Auto mitten in der Heide. Hatten die keine Betten da unten, dass sie heimlich hier raufkommen mussten? War wahrscheinlich seine Schwester.

Sam ist der Beobachter. Ungesehen von den Beobachteten. Eins mit der Natur, der einzigen Wesenheit, zu der er ein ausgeglichenes Verhältnis zu haben scheint. Er ist unsentimental in Bezug auf Tiere, bei zuvielen Kätzchen holt er den vollen Wassereimer, Mutter schmeißt sie rein und hält den Deckel drauf. Ist nun mal so. Doch einzelne Tiere wiederum, wie die stärkste Welpin eines Wurfs, schließt er in sein Herz. Wieder ein Widerspruch. Der Leih-Bock darf an einem Nachmittag die gesamte Herde bespringen. Man guckt dem Fortpflanzungsakt fast ungerührt zu. Warum nur behandeln die Menschen bei sich selber das so verquast?

Wenn Sam wiedermal von „seinem Platz“ aus auf dem Hügel seine Artgenossen beobachtet, jedes Geräusch kennt und jede Mauer und mit den Touris manchen Schabernack treibt, fragen wir uns, wo uns unsere Zivilisierung hingetrieben hat und ob sie uns zu weit getrieben hat. Wie weit Sam sich treiben lässt, müssen Sie selber lesen...

Besprochene Ausgabe: Blessing | 2009 | 320 Seiten | Festeinband* | € 19,95
 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel

      
 
 
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