Das hat schon Chuzpe vom Verlag Heyne, einen Titel mit Namen "Snow - Die Kälte" im Sommer rauszubringen. Wobei die Plazierung ja extrem präzise ist: zur Schafskälte. Nur die hat ihren Schrecken im Zeichen der Erwärmung auch etwas eingebüßt. Was früher 10 Grad Mitte Juni waren, sind jetzt auch schon 20. Wenn man sich auch auf Bauernregeln beim Wetter nicht mehr verlassen kann, so wird die Erwartung beim Klassiker "Dein Auto gibt den Geist auf innerhalb einer unwirtlichen Gegend und du suchst Hilfe bei wunderlichen Eingeborenen" aufs Beste von Ronald Malfi erfüllt.
Die unwirtliche Gegend liegt im nördlichen Mittleren Westen der USA. Hauptfigur New Yorker 'Todd' hängt wegen Schneesturms bei einer Zwischenlandung fest. Eigentlich will er Ex-Ehefrau und Sohn in De Moines besuchen. Dieser Einstieg mit seiner greifbaren Atmosphäre auf einem US-amerikanischen Binnen-Flugplatz ist fantastisch. Todd wird von genervten Mitreisenden vollgelabert, die die Bewegungen des Tiefdruckgebietes auf den Bildschirmen mitverfolgen und schließlich die Annullierungen ihrer Flüge miterleben müssen. Er selbst teilt dem Leser im Inneren Monolog mit, warum ihm das Treffen mit seinem Sohn extrem wichtig ist. "Wahrscheinlich gibt es gar keine Scheidungen, die reibungslos verlaufen", teilt er bei einem Rückblick in die Vergangenheit einer Zufallsbekanntschaft mit, mit der er sich beim Warten in einer Bar einen Drink genehmigt. Doch Todd hat noch andere wunde Stellen. So einer, von dem man erstmal nicht weiß, wie koscher er ist, ist eine gute Wahl, schickt man ihn in ein Horror-Abenteuer ...
Die Zufallsbekanntschaft ergattert beim Autoverleih den letzten zu mietenden Allrader. Doch selbst mit diesem Auto ist den von nun an vier Reisenden klar: Ohne Dringlichkeit, die Autor Ronald Malfi zuvor geschickt aufgebaut hat, würde keiner am Harakiri-Unternehmen, per Straße nach De Moines zu kommen, teilnehmen. Auf die erzählerische Dichte packt Malfi immer noch eins drauf: Schon bald ist das Auto halb Schrott, und man hat einen eigentümlichen fünften Mitreisenden.
Die Grenzsituation, in die Ronald Malfi seine Figuren nun bringt, ist eine klassische. Abgeschiedenheit, nutzlose Kommunikations-Gimmicks, Solidarität im Angesicht des Lebensbedrohlichen, keine Hoffnung auf Hilfe. Doch splittet er seinen Erzählfaden durchaus in Einzelschicksale, wenn jemand von der Gruppe abgespalten wurde. Das sind die nachfühlbarsten und innigsten Horrormomente im Buch. Damit hebt sich der Autor über das stereotype "Zehn kleine Negerlein" (sic! Der Rezensent ist so alt, dass er das noch singen durfte) hinaus. Das Kämpfen zu zweien oder mehreren gebiert Hoffnung aus sich heraus. Das alleinige nicht. Das ist sehr schön - oder schaurig - dargestellt.
Da gibt es welche, auch von den Einheimischen vor Ort, die ihre Hoffnung selbst mit notdürftig genähten und mittlerweile entzündeten Wunden noch aufrecht zu erhalten versuchen. Dass sich der Mensch mit seinem Überlebenswillen über rationales Wahrscheinlichkeitsdenken einfach hinwegsetzt, ist einfühlsam in ihren Gedankenströmen dargelegt. Für Hauptfigur Todd scheint die Gefahr des Scheiterns seines Treffens mit seinem Sohn nagender, als die ganze aussichtslose Situation um ihn herum. Die eigentliche Folter ist für ihn nicht der mögliche Verlust der eigenen Existenz, sondern das damit einhergehende Versagen bezüglich des Treffens.
Besprochene Ausgabe: Heyne | 2011 | 440 Seiten | Broschur* | € 8,99
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