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 25.05.2012         Ron Leshem - Der geheime Basar: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
Ron Leshem - Der geheime Basar: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Der geheime Basar

(2011) - Orig.: Megilat zchujot hajareach (2009), hebräisch
Der Stellvertreter
Ausgerechnet der Israeli Ron Leshem schafft eine schillernde, generationenübergreifende Ode an das Volk des Iran. Zu seinem Teheraner Underground gehören eine vergessene Filmdiva, eine junge Rennfahrerin und ihr Lover aus der Provinz oder die Verschwörer geheimer Basare für sämtliches Verbotenes.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 27.03.2011

"Wir alle waren verdächtige Elemente, Sittenverbrecher, Subversive, Konsumenten westlicher Korruption, Ketzer. Die Strafe würde auf den Fuß folgen." Doch diese Einsicht von Held 'Kami', einem zwanzigjährigen Erstsemestler in Teheran, entsteht an weit fortgeschrittener Stelle von "Der geheime Basar". Zuvor stürzt sich der aus einem Fischer-Nest stammende Neuankömmling ins pralle Leben der Hauptstadt, das noch exzessiver ist, als er es sich in den sehnsuchtsvollen Träumen seiner Jugend je ausgemalt hatte. Er kommt bei einer Tante unter, und die dortige Hausgemeinschaft wird Epizentrum eines illustren Freundeskreises. Freilich argwöhnisch beäugt vom inoffiziellen Blockwart 'Herrn Nadschafian'.

Ron Leshem, geboren 1976, beendet die Niederschrift seines Romans einen Monat vor Ausbruch der Grünen Revolution des Irans vom Juni 2009. "Die Untergrundstadt erzitterte, schwappte für einen Augenblick an die Oberfläche", schreibt er in seinem Nachwort. Und so mussten diese Sätze von Held Kami wie ein Menetekel wirken und tun das aber hoffentlich nicht für immer: "Die Panzer der Revolutiongarden würde niemand mit Blumengirlanden zum halten bringen können, die Großmacht, die die Mullahs im Schutz des Krieges errichtet hatten [des Iran-Irak-Krieges 1980 - 1988, Anm. sf magazin], würde von keinen traditionellen Liedern auf den Plätzen der Stadt zu brechen sein." Wie kommt nun der israelische Literatur-Jungstar Leshem dazu, einen schrillen, authentisch wirkenden, voll Lebenssaft strotzenden Roman mit Erzählort Iran zu verfassen? Das Schreiben sei für ihn Gelegenheit, sich in Erfahrungen zu flüchten, die er real nicht machen dürfe, an Orten, an die er nicht hin könne. Jahrelang schart er mithilfe der Elektronischen Medien und befreundeter Journalisten iranische Freunde um sich, von denen er nur einen bei einem wahrlich konspirativem, einwöchigem Treffen wirklich sehen darf. Mit allen anderen herrscht rege elektronische Kommunikation. So erhält Ron Leshem aus vielen Mosaiksteinen eine Vorstellung der Lebewelt eines Teils der Iraner: dem, der das Netz intensiv nutzt.

Und das ist in der Lesart Leshems keineswegs nur die junge Generation - doch muss die natürlich schon rein rechnerisch überwiegen; zwei Drittel der Iraner sind jünger als dreißig. In "Der geheime Basar" ist zeitweilig Kamis Laptop mit seinem Netzanschluss für die Runde um Tante 'Zahra' der Nabel der Welt. Doch keine Angst, Leshems Figuren hängen nicht nur vor dem Computer rum - er bleibt für Roman Vehikel und Kunstgriff, um etwa eine Entwicklung in der seit Jahren in Selbstlüge lebenden Tante in Gang zu setzen oder einen Lover für den schwulen 'Babak' zu finden, während gleichzeitig seine Bedeutung in der Realität für Andersdenkende und Opposition beleuchtet wird.

Die Figuren nehmen sich ihre Freiheiten, immer haarscharf vorbei an den Regulierungen der unzähligen, absurden, fast täglich wechselnden Gebote und Gesetze der Regierung. Frauen dürfen nicht singen, im Chor aber schon. Homosexuelle Handlungen sind verboten, operative Geschlechtsumwandlungen sind jedoch ausdrücklich begrüßt. Die reale iranische Rennfahrerin Laleh Seddigh musste lange um eine Teilnahme in der Formel 3 kämpfen. Sie ist Vorbild für 'Nilu', Ministertochter und stellvertretend für die Teheraner Oberschicht, die teuerste westliche Mode zur Schau trägt und sich in ihren Ferienghettos am Kaspischen Meer ungezügelt amüsiert. Doch eben diese Nilu ist es auch, die Kami Zugang zu den geheimen Basaren verschafft, an seinem Geburtstag zu einem mit verbotenen Büchern, um ihm eine besondere Freude zu machen.

Die Älteren im Roman benutzt Ron Leshem als Sprachrohr, um die Jüngeren elegant in die Implikationen der tragischen Geschichte des Irans im Zwanzigsten Jahrhundert einzuweihen, allen Ereignissen voran der Iran-Irak-Krieg zwischen 1980 und 1988, der das bei seiner Machtübernahme ein Jahr zuvor äußerst umstrittene religiöse Regime ein für allemal festigen wird. Tante Zahra, Star einer iranischen Filmindustrie, die ihre Filme noch im eigenen Land vorführen konnte, stand vor dem ersten Kino, das samt Insassen in Flammen aufging, angezündet von den Schergen des Regimes. Weitere 150 werden folgen. Der kommende Krieg gibt der am Golf gelegenen einstigen Kulturmetropole Abadan den Rest.
Die siebzigjährige, schelmische 'Frau Safureh' gibt sich gerne eine geheimnisumwitterte Vergangenheit zu Zeiten des Schahs. Sie sei Oberste Richterin gewesen, gibt sie gerne zum Besten. Zynisch und knochentrocken erklärt sie, "Heutzutage ist man in unserem Staat irrtümlich der Meinung, Frauen seien zu empfindsam, um einen Verbrecher am Stadtplatz aufzuhängen." Momentan verkauft sie Lottoscheine im Untergrund.

"Der geheime Basar" lebt von diesem Mix aus lange zurückliegender als auch aktueller Tragik und dem queeren Tohuwabohu, das die Rasselbande aus Kamis neuem Freundeskreis entfesselt. Außerhalb der Wohnung sind es vor allem Kami und Nilu, die ihre Liebe zwischen Party, Pool und Penthouse und politischer Agitation ausleben. In einem Schuppen vor der Stadt basteln sie an Nilus neuem Rennwagen. Doch auch eine Ministertochter ist für die Religiösen nicht unangreifbar: "Nilu fuhr mit offenem, wild flatterndem Haar, und sie überholte wild, wie eine Wahnsinnige. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob das ihr Selbstzerstörungstrieb war oder ob sich so das Leben anfühlen sollte."

Israel ist Arabien, und Iran ist Persien, und vor allem Ersteres verhehlt Ron Leshem in seiner Sprache nicht. Er mischt die vielzitierte Blumigkeit der Dichtung und der Prosa der beiden Kulturräume mit seiner ihm eigenen Prägnanz. Die ganze Fischerstadt Anzali leuchtet innerhalb weniger Seiten des Eingangskapitels vor dem geistigen Auge, mithilfe unangestrengter, bunter Metaphern und den stets weisen Sprüchen eines alten Melonenverkäufers und Mentors Kamis in dessen Kindheit. Meisterlich hält "Der geheime Basar" eine permanente Spannung über das gesamte Buch hinweg aufrecht. Mit so etwas Lapidarem wie Spannungsbogen hält sich Leshem nicht auf. Er verwendet vielmehr erzählerische Kniffe: So verrät er etwa die wahre Lebensgeschichte der von Anfang an omnipräsenten, aber geheimnisumwitterten Frau Safureh erst im letzten Viertel des Buches. Oder er verlässt Erzählpfade, um erst 200 Seiten später wieder auf sie einzulenken - die ganze Zeit über hatte der Leser sie aber nagend im Hinterkopf. Dabei ist die Verwebung von Lovestory und politischem Hintergrund beileibe nichts Neues. Doch selten ist es so spektakulär und feurig geglückt wie bei Ron Leshem.

Besprochene Ausgabe: Rowohlt Berlin | 2011 | 448 Seiten | Festeinband* | € 22,95


 

 

 

 
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
 
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