Robert Sheckley - Der widerspenstige Planet Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

* buchtipps buchkritik buchneuerscheinungen

 
neue bücher romane bestseller krimis thriller buchneuerscheinungen buchneuheiten literatur buchtipps buchkritik
Romane Krimis Thriller Lesetipps Bücher Buchkritik Literatur
Robert Sheckley Der widerspenstige Planet

Robert Sheckley - Der widerspenstige Planet (2009)

„Für Mord gibt es keinen Ersatz“
Kurzgeschichten-Könner Robert Sheckley blickt ins Abgründige von uns mit seiner Reality-TV-Story „Das Millionenspiel“ und anderen Klassikern, die belegen, dass wir uns vom Steinzeitmenschen nicht allzu weit entfernt haben.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin 07.12.2009
 Anzeige

Zu allen Zeiten scheint es diesen Personen-Typus des Warners vor kulturellen und technologischen Veränderungen zu geben. Ein wichtiger Zeitungsmann und ein berühmter Fernsehmann schwingen sich dieser Tage auf, um quasi für die Abschaltung des Internets zu plädieren. Das Traurige daran ist, dass diese Prominenten in ihrem Innersten ihre geäußerte Meinung gar nicht vertreten, sondern aus reinem Kalkül handeln. In diesem Fall versuchen beide ihre erarbeitete Machtposition in ihrem jeweiligen Medium zu erhalten, und - immerhin noch im weitergefassten Interesse des Personenkreises der Kollegen - ihre sterbenden Medien Print und TV zu retten. Schön schildert Robert Sheckley im Roman „Die Jenseits-Corporation“ von 1958, abgedruckt in der Anthologie „Der widerspenstige Planet“, wie einst die Form des Romans verdächtigt wurde, „die Normen der reinen Dichtkunst“ zu überschreiten. Die Verflachung des allgemeinen Geschmacks, der Trend zur völligen Passivität, waren die Schlagworte. Mit denselben Argumenten, „die einmal gegen das Radio, das Kino, die Comic-Hefte, das Fernsehen oder die Taschenbücher“ ins Feld geführt wurden, sieht sich Held 'Tom Blaine' konfrontiert, diesmal gegen sogenannte Sensorien, die einen über direkte neuronale Ansteuerung in fremde Empfindungs- und Erlebniswelten entführen. Tom nimmt's locker, denn er ist kein ewig Gestriger, obgleich er aus dem Jahr 1958 in die Zukunft des Jahres 2110 entführt wurde. Das ist mal ein Andersrum-Plot, scheint es doch beliebter, Zeitreisende in die Vergangenheit zu schicken. Da weiß man auch ungefähr, was auf einen zukommt, im Gegensatz zur Zukunft. In „Die Jenseits-Corporation“ muss sich Tom ganz schön abmühen, um die Bauernfänger des Jahres 2110 zu erkennen, und muss, selbstredend, erkennen, dass seine beruflichen Kenntnisse und sonstigen Talente vollkommen nutzlos sind. Doch noch mehr zu schaffen macht ihm, dass die Philosophie des Dualismus dort widerlegt ist und man munter Geist von Körper trennt, zusammenführt und klaut und das Jenseits wissenschaftlich bewiesen ist...
So ist der Roman früher Cyberpunk, Odyssee und spannendes Aufwiegen dualistischer und materialistischer Gedanken.

Den Großteil des Bandes bilden jedoch die Kurzgeschichten, die meisten ebenfalls aus den Fünfzigern. Jede einzelne der in den Fifties geschriebenen Stories klatscht den Leser rückwärts gegen die Wand. Die sich anschließenden Stories aus den Siebzigern sind nicht mehr so effektvoll, aber nicht weniger erhaben. Doch war Sheckley ganz klar ein Kind des Golden Age der SF, den Fünfzigern.

Jede Geschichte des hauptberuflichen Literaturredakteurs und Uni-Dozenten Robert Sheckley changiert in Schlichtheit des Stils, inhaltlicher Komprimierung, Ausgewogenheit im Aufbau, sprühenden Ideen und Humor. Eine Kurzgeschichte, die nicht im ersten Absatz oder auf der ersten Seite ihren Leser am Haken hat, kommt so gut wie nicht vor. Die Themen sind die typischen der SF und der Fünfziger im Speziellen: eine Demut, die dem Menschengeschlecht keine zu wichtige Rolle im Universum zuteilt und ihn seiner selber zugedachten Sonderrolle enthebt, die daraus resultierende, schon eingangs erwähnte mögliche Trennung von Geist und Körper, also die Virtualisierung, Sublimierung, Trennung vom biologischen Ballast - wie immer man das in realer naher Zukunft bezeichnen mag -, die Frauen-Emanzipation, ja, gerade die SF-Männer zu dieser Zeit tun das, die Medien und die Unterhaltungsindustrie als Spiegel der archaischen Abgründe des Menschen. Letzteres ist bemerkenswert: Sheckley verdreht nie Ursache und Wirkung.
So gibt es in der Welt der Geschichte „Das siebte Opfer“ zwar keine Kriege mehr, doch kann sich jeder beim AAA, Amt für Aggressionsabbau, anmelden, um an einem institutionalisierten Jagen und Gejagtwerden teilzunehmen. Mit endgültigem Tod auf der einen oder der anderen Seite, versteht sich. „Das Millionenspiel“ nimmt sämtliche gewesenen und noch kommenden Formen von Reality-TV schon voraus: Der Spieler muss, jederzeit begleitet von HighTech-Kamera und -Ton, einer vom Fernsehsender angeheuerten Killer-Meute entkommen. Vorher wird ihm suggeriert, er, als einfacher Mensch aus dem Volk, werde von eben diesem aus Sympathie heraus bei seiner Flucht tatkräftig unterstützt, sodass er sehr gute Chancen hätte. Pustekuchen...

Obwohl etwa „Das siebte Opfer“ eine Ungeheuerlichkeit zum Inhalt hat, lullt einen der Duktus in eine völlige Natürlichkeit ein, macht glauben, was da steht, komprimiert unheimlich und streut die Information dennoch beiläufig ein:

Auf dem Glas seiner Bürotür stand Morger & Frelaine, Herrenkonfektionäre. Sie ging auf und herein kam E. J. Morger. Er hinkte leicht aufgrund einer alten Schussverletzung. Sein Rücken war krumm, aber mit seinen dreiundsiebzig Jahren scherte ihn sein Aussehen nur wenig.

Es gibt sie auch in diesem Band: eine wunderschöne First-Contact-Story, eine Raumschiff-Crew, die auch gleichzeitig alle Komponenten ihres Schiffs verkörpert und sonstiges Erdachtes, das jenseits von Good Ole Earth stattfinden könnte.
Dabei zu erwähnen, die köstlichste von allen, „Ein Irrtum der Regierung“ von 1955. Wir erinnern uns: US-amerikanische McCarthy-Ära. Damals hatten Künstler, Intellektuelle, Wissenschaftler und sonstige mehr oder weniger Wichtige einen kleinen Vorgeschmack auf eine Art Stasi-Staat andersrum. War bei denen allerdings schnell wieder vom Tisch. Ein Techniker, der Ich-Erzähler, will mal ganz was anderes machen, sein Leben komplett umkrempeln sozusagen. Er kauft einen alten Raum-Klipper und sticht ins All. Zum Abschied drückt er noch seinem allgegenwärtigen, tumben persönlichen Spitzel die Hand. Aus einem Kartoffelsack an Bord steigt nach drei Tagen eine junge Frau. Natürlich Spitzelin. Man arrangiert sich, zumal sie ganz nett ist. Auf einem einsam trudelnden Gesteinsbrocken steht plötzlich ein ein Notsignal sendender kleiner Junge in Raumanzug neben einem Hund in Raumanzug. Auch die nimmt man an Bord. Auch die wieder... Und so weiter, sie standen nicht aus Zufall da. Aber der nahezu utopische Nicht-Staat, den der Raumfahrer letztendlich mit all seinen Spitzeln im Niemands-All gründet, lässt hoffen.

Anzeige

Besprochene Ausgabe: Heyne | 2009 | 704 Seiten | Broschur* | € 10,95
 
* Festeinband: harte Buchdeckel
  / Broschur: weiche Buchdeckel

 
Die Bereitstellung eines neuen Kommentars kann eine Minute dauern. Vielen Dank.

Anzeige

 
 sf magazin * rss feed   sf magazin RSS Feed, Newsletter