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 25.05.2012         Robert Ludlum, Eric van Lustbader - Der Bourne Betrug: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchtipps Bestseller   
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- Der Bourne Betrug

(2009) - Orig.: The Bourne Betrayal (2007), engl.
Stehenbleiben ist Tod
In einem Koloss von einem Buch führt Eric van Lustbader die Legende des Agenten Jason Bourne des 2001 verstorbenen Robert Ludlum zum zweiten Mal fort. Die 670 Seiten sind reines Tun, Atempausen nicht erlaubt.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin * 20.01.2009

Gut, dass eine Rezension nicht gleich Inhaltsangabe bedeutet. Die wäre nämlich schon allein so dick wie ein halbes Schulheft. Das Buch selbst ist in seiner Schreibweise schon ein Kondensat, kaum ein Satz wäre zu kürzen. Van Lustbader 's Prosa gewinnt keinen Schönheitswettbewerb, aber sie ist äußerst effektiv, wie Bourne, die Hauptfigur, selbst.

Jason Bourne betrat zum ersten Mal 1980 in Robert Ludlum 's Werk „Die Bourne-Identität“ die Bühne. Er wurde in einem „schwarzen“ Programm der CIA ausgebildet. Während eines Auftrags erleidet er eine Amnesie. Mit Erinnerungslücken kämpfend hat er mal die CIA zum Freund, mal zum Feind. Die Zerissenheit des Geheimdienstes, das Umkippen von Loyalität und das Außer-Kraft-Setzen jeglicher Moral und Vertrauens im Agentenmilieu ziehen sich als roter Faden durch die inzwischen fünfbändige Reihe (englischsprachig: bereits sechs Bände). Bourne erscheint dabei alterslos. Die Romane leben ebenso von extremer Körperlichkeit. Bourne ist ein Verwandlungskünstler. Das Spiel mit Identitäten kommt hinzu.

Bourne ist der tragische Einzelgänger, der nicht einmal weiß, wen er sich früher alles zum Feind gemacht hat und in einem Schleier von Erinnerungen nach Antworten fischen muss. Durch diesen Aspekt ist er ein ständig Getriebener. Zum Prekären seines Jobs gesellen sich diese Ungewissheiten, die ihm ein Handeln in übergroßer Wachsamkeit aufzwingen, selbst jedem noch so freundlich gesinnten Kollegen gegenüber. Es macht schon Spaß, als Leser in diesem Schlamassel aus Was-Wäre-Wenn?, dieser Grauzone herumzustochern, in die Bourne immer wieder hineingerät. Der unbedarfte Erst-Leser weiß nicht einmal, auf welcher Seite Bourne eigentlich steht.

Van Lustbader lässt dieses Mal die CIA Bourne wieder anheuern, trotz beiderseitig ambivalenten Erfahrungen aus der Vergangenheit. Gleichzeitig, man ahnt es sowieso, und soviel sei verraten, versucht sie im Fortlauf ihn mehrmals wieder hinweg zu fegen. So wirkt das Buch auch eher wie drei in einem; der 230-seitige Auftakt wäre schon guter Roman-Stoff. Die Dramaturgie, ein gerade knapp nicht überbordender Personen-Stab, die Konstellationen in ihm, das Hinwerfen von Informationshäppchen für den Leser, um ihm den Haken, an dem er hängt, noch tiefer einzutreiben - all das ist beeindruckend. Es gibt ein bißchen Störendes: Die reinen Action-Elemente sind eckig und nicht selten mehr als unrealistisch; das ist sicher eine absurde Aussage, ist doch ein ganzer Roman nichts Reales. Aber Bücher sollten wahr klingen, wie es Kollege Robert Harris einmal ausdrückte. Was van Lustbader wiederum entschuldigt: Sie sind in den Verfilmungen der Bourne-Bücher wirklich spektakulär gut inszeniert. Gegen diesen visuellen Vergleich, der dem Leser vor Augen schwebt, ist schwer anzustinken.

Man kann den Roman in zwei Orte einteilen: Washington mit CIA-Zentrale und dem politischen Drumherum sowie mehrere Orte in Afrika und dem Orient. Washington bildet das Standbein für den Leser, die Mitte eines Spinnennetzes, einen Nervenknoten, mit dem alle Außenaktivitäten verknüpft sind. Dabei aber keinesfalls einen Ruhepol, denn van Lustbader baut hier einen eigenen Kampfschauplatz, auf dem sich CIA intern balgen und sich mit dem Pentagon prügeln müssen. Doch hat dieses mörderische Ringen selbstredend enormen Einfluss auf die im Einsatz befindlichen Agenten...

Der Auftakt mit Gefangennahme eines Freundes von Bourne durch eine islamistische Terrorgruppe und dem Befreiungsversuch durch Bourne ist in kristallener Härte geschrieben. Dabei lässt von Lustbader die Akte des Folterns und Misshandelns außen vor. Er macht es schlimmer: Er beschreibt die Techniken des gefangenen Agenten sich während der Torturen in ein Inneres Exil zu begeben. Das nur schleierhafte Andeuten der über Wochen gehenden konkreten Qualen lässt den Leser umso mehr gefrieren. Nachdem man sich mit diesen Abgründen anfreunden durfte, steht man plötzlich „von Angesicht zu Angesicht“ vor einem Top-Terroristen. Das wirkt sehr lebensecht. Umso mehr, als diese zunächst abgehobenen, aber in ihrer Monstrosität fassbaren Figuren dieser Fraktion im Fortlauf mit der Entblößung ihrer persönlichen Rachegelüste und mickrigen Familienfehden wieder auf Menschenformat heruntergeschrumpft werden.

Im Inneren des CIA herrscht Stühlerücken. Zur Selbstzerfleischung kommt ein vermuteter Maulwurf hinzu. Beides arbeitet für den Hauptfeind. Bourne findet auf dramatische Weise Verbündete und verliert sie wieder; sie füllen aber auch ganze Einzelstränge des Buches alleine aus. Van Lustbader schafft es, Ordnung zu halten und die Verstrickungen für den Leser verfolgbar zu halten. Oft beginnt ein neues Kapitel genau dort, wo es sich der Leser auch gewünscht hat. Es schmeißt ihn selten aus seinem Gedankenfluss.

Das Thema Terrorismus steht so nicht alleine da. Die Maßlosigkeit und Arroganz der Entscheider in Washington steht Terror in nichts nach. Von anderen wiederum lassen sich diese Eigenschaften wunderbar ausnutzen und manch einen plötzlich erkennen, ungewollt auf der anderen Seite gestanden zu haben. Das ist besonders tragisch in der einzigen, rudimentär vorhandenen Love-Story des Romans.

Das Weiterjagen im Geschehen um die Verhinderung eines Anschlags lässt jedoch kaum Raum für direkt ausgedrückte Emotionen der Protagonisten, keinen Platz für schöne Worte und Sätze. Sie bilden sich trotzdem zwischen den Zeilen, wenn die Figuren mit Toden geliebter oder gehasster Menschen konfrontiert sind.

Besprochene Ausgabe: Heyne | 2009


 

 

 

 
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