Sind Sie potentieller Erst-Leser eines „Bourne“-Romans, klicken Sie sich bitte sofort weg, um sich selbst und vor allem die Legende um Jason Bourne zu schützen. Denn die geheimnisumwobene Freundin des toten Martin Lindros Moira Trevor, die ehemalige Leiterin der CIA-Ortsgruppe Sewastopol Soraya Moore, der fiese Geheimdienstzar des Pentagon Luther LaValle, der Technik-Freak und Pass-Fälscher Devon und der Youngster, das ehemalige Ghetto-Kid Tyrone, das alles sind Figuren, über deren Auftauchen in „Das Bourne Attentat“ sich der eingeweihte Fan freut. Van Lustbader führt sie aber nicht extra noch mal ein. Eher wie in einem Index verweist er mit genau einem Satz auf die Vergangenheit der Figuren, etwa mit der knappen Information „X hatte Y im Sommer kennenlernt“. Für den Erstleser müssen diese Figuren so kalt, fremd und bedeutungslos wirken, als hätte sie van Lustbader als Scherenschnitte auf die Seite geklebt.
Doch setzt van Lustbader seine ganze Energie in die Zeichnung eines Art Ebenbildes und Gegenspielers Bournes: Der Super-Killer 'Arkadin'. Der ist schon wirklich eine Ausgeburt der Hölle und hat wohl so gut wie alle ihrer neun Kreise durchlebt. Eine „nette“ Beschreibung dieser neun Ebenen kriegen wir in Form einer ukrainischen Volkssage um die Ohren gehauen. Arkadins Kindheit in einer von Gott vergessenen russischen Industriestadt ist so erbarmungslos wie die Hitze in den dort allgegenwärtigen Stahl-Schmelzöfen. Im Gegensatz zum unter Amnesie leidenden Jason Bourne hat er diese Erinnerungen nur tief vergraben. Aber wehe, jemand bohrt zu fest danach...
Ausgerechnet dieser Finsterling schafft es, für den Running Gag zu sorgen: Er tötet immer mehr oder weniger unglücklich seine Verhör-Opfer oder diese bringen sich noch rechtzeitig selber um, bevor Arkadin etwas aus ihnen rausquetschen kann. In einer Odyssee durch Asien und Osteuropa jagt er diese, um an ein Dokument zu kommen, das Hinweis auf ein Anschlagsziel einer islamistischen Terrorgruppe bietet. Er ist also auf der Seite der Guten? Na ja, das bleibt lange unklar. Nett ist auch noch die Love-Story zur russischen „zaundürren“ DJane 'Devra'. Die beiden bilden im Fortlauf eine Art Natural-Born-Killer-Pärchen, weil sie beide nicht anders können, ob ihrer Vergangenheiten.
Das ist's aber auch schon im Großen und Ganzen mit dem Positiven. In den Action-Szenen gibt sich van Lustbader nur anfangs Mühe. Sehr schnell liest man sie quer. Nur sehr selten auf den 600 Seiten lässt Bourne sein Hirn spielen, wenn er etwa eine Komplizin auf einer Moskauer Kreuzung extra einen Verkehrsunfall inszenieren lässt, nur damit er in dortiger Bank Geld aus einem Schließfach-Depot besorgen kann. Längst hat er sich in dieser Stadt wiedermal zum Meistgesuchten gemacht und prompt hat er während der Aktion ein halbes Dutzend Schießwütige am Hacken.
Einen interessanten Aufhänger, nämlich um das Ostmuselmanische SS-Regiment, das sich zu Nazi-Zeiten um seine eigenen Interessen bemüht haben soll, insbesondere um die Schwächung des Diktators Stalin, baut van Lustbader gar nicht mehr aus. Die Nachfolgeorganisation Schwarze Legion soll sich dem islamistischen Terror verschrieben haben. Außer einer verqueren Deutschland-Sicht und viel München-Bashing kommt da nichts.
Das gekonnte Springen zwischen Orten und Protagonisten-Gruppen zur genau richtigen Zeit, mit einem schönen Cliffhanger oder eine Szene, die dem Leser viel eigenen Vorstellungsraum bietet, durch das, was nur angedeutet wird, ist die ersten 200 Seiten meisterlich. Dann folgt ein riesen Hänger im Mittelteil des Buches. Und ganz erholt sich das Buch nie mehr von diesem Bruch.
Der übliche Kampf an der Heimatfront - der zwischen den Organisationen CIA und NSA - verläuft diesmal fast als losgelöster Parallelstrang, der mit den Ereignissen, in denen Bourne und Arkadin stecken, nicht verwoben ist. Er ist aufgebläht, naiv und völlig unrealistisch - was was heißen mag, in einem Bourne-Roman, der ja natürlich von der Übertreibung lebt. Geheimdienstzar LaValle und seinen Helfer General Kendall in ihren Spitzenpositionen als schlechte Kopien von Beavis und Butthead darzustellen ist einfach hanebüchen. Auch die neue CIA-Chefin wirkt eher wie eine Hausfrau. Zudem scheint der Nebenstrang einer Feindschaft zweier russischer Mafia-Clans nur einherzulaufen, um die Protagonisten ein paar mehr Orte in Russland besuchen lassen zu können.
Fast alles, was den letzten Band „Der Bourne Betrug“ faszinierend machte, fehlt in „Das Bourne Attentat“. Kein Spiel mit Identitäten, kein Fischen Bournes nach Antworten im Schleier seiner Erinnerungen. Es fehlen die komplexen Verstrickungen, in die van Lustbader trotzdem Ordnung brachte, um den Leser des Atems beraubt bei der Stange zu halten. Das Prekäre fehlt, Bourne ist diesmal über alle erhaben, psychisch und physisch, wenn auch dabei nicht unsympathisch. Bis auf eine ihm nahestehende Person sind die Feindlinien ganz klar gezogen und bilden kein Spannungsfeld.
Ein Ausrutscher oder Bourne am Ende? Am Ende nicht. Das Nachfolgewerk existiert im Original und dürfte auf deutsch in etwa einem Jahr erscheinen.
Besprochene Ausgabe: Heyne | 2010 | 608 Seiten | Festeinband* | € 22,95
* Festeinband: harte Buchdeckel / Broschur: weiche Buchdeckel
1. Horst Eckert: Schwarzer Schwan (2011)
2. Urban Waite: Schreckensbleich (2011) - Orig.: The Terror of Living (2011), engl.
3. Yassin Musharbash: Radikal (2011)
4. André Meier: Letzte Losung (2011)
5. Sara Paretsky: Hardball (2011) - Orig.: Hardball (2009), engl.
Robert Ludlum, Eric van Lustbader:
Das Bourne Duell
Heyne, Festeinband
Linwood Barclay:
Weil ich euch liebte
Knaur, Broschur
Thomas W. Young:
Freeze - Gefangen im Eis
Piper, Broschur
Elisabetta Bucciarelli:
Ich vergebe dir
btb, Broschur
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