Robert Harris - Ghost: Buchbesprechung Neue Bücher Romane Krimis Thriller Buchneuerscheinungen Bestseller Literatur

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- Ghost

(2008) - Orig.: The Ghost (2007), engl.
Albträume eines Premiers
Robert Harris, Autor der Alternativen Realität „Vaterland“, wagt sich an eine Fiktion über einen britischen Ex-Premierminister, der die Züge vom realen Tony Blair trägt. Beim Leser wirkt die Rückkopplung durch die Überlagerung der realen und der fiktiven Person und lässt ihn taumelnd zurück, am Ende eines sprachgewaltigen Buches mit brillantem Plot.  Von Franz Birkenhauer - sf magazin * 13.01.2009

Als Thriller ist es markiert, dieses Buch, doch könnte es gleichwohl als „Alternative Biografie“ durchgehen, so feinfühlig, so emotional und glaubhaft kommt Harris' Geschichte über den britischen Ex-Premier 'Adam Lang', aka Tony Blair, daher, über seine Frau 'Ruth' und, nicht zu vergessen, über den 'Ghost', den Ghostwriter, der versucht, die Person Lang zu fassen und allein diesen Versuch teuer bezahlt.

Das ist eigentlich eine Geschichte des Durchdrehens, und das gleich zweier Personen; die eine, der Ghost, soll Lang's Autobiografie schreiben und ist beruflich gezwungen, innerhalb kürzester Zeit mit seinem Gegenüber regelrecht zu verschmelzen, so zu denken wie er, um auf diesem Wege ein die Leser emotional ansprechendes Buch zu generieren. Lang dagegen wird von einem gewaltigen Schatten seiner Vergangenheit eingeholt. Sein und Schein seiner Person werden vom Ghost immer weiter auseinandergedrückt; und die Verschiebungen werden für beide bedrohlich...

Zurück zur Realität: Tony Blair, der Popstar, zusammen mit seinem Freund Bill Clinton der Held beim Frieden in Nord-Irland - als Revanche besucht er Clinton sofort, als dieser wegen seiner Sex-Affäre unter Beschuss steht und unterstützt ihn -, dann der Held der Kosovaren, als er einen Genozid verhindert, indem er die NATO anführt und hinführt; ein Gutmensch, und dann, irgendwann, muss er abgehoben sein, muss er engelsgleich davon erfüllt gewesen sein, seine Missionen immer weiter fortführen zu müssen. Mit G. W. Bush konnte er genauso gut, und so war es keine Frage, dass die Angelsachsen wieder zusammenhalten würden, als der 3. Irakkrieg geplant wurde. Blair's Mission musste weitergehen, und so wurde nicht so genau auf die Faktenlage geschaut; Blair's langer Abstieg in seinem Heimatland hatte begonnen...

Der fiktive Adam Lang soll im Zuge der „Extraordinary Rendition“, das sind die Verschleppungen von Terrorverdächtigen durch die CIA, um sie unabhängig von US-Gesetzen in anderen Ländern verhören und foltern zu können, vier britische Staatsangehörige aktiv dem CIA zugespielt haben. Gang und Gäbe, Flüge und Zwischenlandungen solcher CIA-Flüge fanden auch über und in Deutschland statt, ist es für ihn dumm, dass ein ehemaliger politischer Gegner Dokumente schwarz auf weiss auf den Tisch holt und Lang vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zerren will.

„Ghost“ beginnt in einem gespenstischen London, das in frappierender Normalität Terroranschläge über sich ergehen lässt. Der Ghost hatte sich gerade von seinem Agenten zum Übernehmen der Autobiografie überreden lassen und muss jetzt zwei Stunden zu Fuss nach Hause gehen:

„In der Sekunde, als ich vor die Tür trat, wusste ich, dass wieder eine Bombe hochgegangen war. [...] Wie falsche Freunde haben Taxis die Angewohnheit, sich beim ersten Anzeichen von Ärger aus dem Staub zu machen.“

Ein andermal zahlt er 40 Pfund für eine innerstädtische Fahrt. Als er zusammengeschlagen wird, verzichtet er auf Behandlung und Polizei; das würde ihm „zehn Stunden“ Wartezeit in der Ambulanz und „einen halben Tag“ auf der Wache einbringen. Die Infrastruktur des gewaltigen Molochs London kommt nicht gerade gut weg bei Harris. Beinahe runtergewirtschaftet, apokalyptisch, wirkt das auf den Außenstehenden.

Anders das jahrzehntelange Auftreten Lang's, aka Blair, „dessen politisches Kapital sein emotionales Einfühlungsvermögen war“:

„Darin lag seine Genialität: die Klischees der Politik durch die schiere Kraft seines Auftritts mit frischem Leben zu erfüllen und auf ein neue Ebene zu heben.“

Harris entführt uns für den Großteil des Romans auf die berüchtigte Insel Martha's Vineyard vor der Küste Neuenglands, deren Bewohner in verrückter Isolation das Festland einfach 'America' nennen, als gehörten sie nicht dazu. In diese entrückte Niemands-Welt setzt Harris seinen Plot, noch dazu zur Winterszeit, wenn karge Flora, grauer Strand, graue Brandung und Horizont kaum voneinander zu unterscheiden sind. Im Gästehaus des reichen amerikanischen Verlegers der Autobiografie bunkert sich Lang mit seiner Entourage ein. Ghost lakonisch: „Es war das, was sich ein Nichtschriftsteller unter einem Schriftstellerparadies vorstellte.“ Jetzt wird es auch ein Buch über das Hart-Arbeiten, über das Innenleben eines Autors allgemein und das Handwerk des Ghostwriters im Speziellen. Faszinierend der Einblick in dieses Genre, bei dem vorerst nur zaghaft angedeutet wird, dass hier Erinnerungen erzeugt werden, dass der Ghost dem Interviewten Bälle zuspielt und mit welchen Tricks der gegenseitigen Selbstentblößung Emotionen gesponnen werden. Da ist der Leser gerade genervt von so einer „Live-Passage“, in der Harris stumpf eines der Interviews wiedergibt, da wird ihm schon die Sinnhaftigkeit klar; er wird Zeuge des Mechanismus, der „all die erfundenen Emotionen und halbwahren Erinnerungen“ erzeugt. Das ist so gut wie in Theo van Gogh's Film „Interview“ oder in der Neuverfilmung durch Steve Buscemi und trägt zur Vielschichtigkeit des Buches bei.

Drohend hängen die Thriller-Elemente über der Szenerie. Der überforderte langjährige PR-Manager und Freund Lang's wurde tot aufgefunden. Er hätte eigentlich die Autobiografie schreiben sollen. Fein gezeichnet auch Lang's Frau Ruth, die am Erfolg ihres Mannes wesentlich Anteil hat. Auch an ihr soll der Ghost verzweifeln...

„In natura oder auf dem Bildschirm schien er eine starke Persönlichkeit zu sein. Aber wenn man sich hinsetzte und über ihn nachdachte, schien er sich aufzulösen.“

Die Seitenhiebe auf Lang/Blair sind nur ein Aspekt, ein Aufhänger, für ein den Leser zutiefst irritierendes Buch, das auch um Mitleid mit seinen Figuren heischt. Die letzten 40 Seiten, schon nach dem eigentlichen Höhepunkt, sind ein literarisches Meisterstück, bei dem sich Harris nicht vergaloppiert, wie in vielen Krimis der Fall.

Besprochene Ausgabe: Heyne | 2008

      
 
 
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